Eine andalusische Umarmung

Ein letzter Blick nach Afrika

Die neuerliche Zeitumstellung hilft uns wenig dabei, die zweistündige Verspätung, mit der unsere Fähre aus Tanger abgefahren ist, während der nur zweistündigen Überfahrt aufzuholen. Uns beiden ist es egal. Der stets gelassenen Ines sowieso und auch bei mir bewirkt die Rückkehr nach Europa ein neues Maß an Entspanntheit. Vielleicht war es auch Ines, dir mir etwas ihrer wirkungsvollen Tinkturen untergejubelt hat. Nach einem kurzen Stopp bei den spanischen Grenzbehörden, verlassen wir den Hafen und Algeciras, um an die südlichste Spitze Spaniens zu fahren. Mein letzter Besuch in Tarifa liegt über 10 Jahre zurück und ich habe gute Erinnerungen an den hübschen Ort mit der schmucken weißen Altstadt und den vielen kleinen bunten Läden.

Bekannt ist Tarifa, als südlichster Punkt des europäischen Festlands an der Straße von Gibraltar. Genau 14 Kilometer von Afrika entfernt, kann man mit freiem Auge Marokkos Küstenlinie samt den Bergen genau erkennen. Nirgendwo in Europa ist man Afrika näher als hier. Von den Phöniziern gegründet und von den Römern besiedelt, wurden hier im 8.Jahrhundert n. Chr. durch die ersten Eroberer aus Afrika, die Grundsteine für die muslimische Herrschaft im damaligen "Al-Andalus" gelegt.

Meeresbiologen schätzen Tarifa aufgrund ihrer besonderen Fauna. An der Nahtstelle, wo Atlantik und Mittelmeer sich treffen, findet man große Kolonien unterschiedlicher Delphinarten sowie Orcas und die riesigen Finn- und Pottwale.

Als wir einige Kilometer westlich von Tarifa den Campingplatz erreichen, wo unsere Freunde Birgit und Hari bereits die letzten Tage verbracht haben, werden wir rasch mit der europäischen Camping-Realität konfrontiert. Am späten Samstagnachmittag platzt der sehr große Campingplatz "Torre de la Pena" fast aus allen Nähten. Das Wiedersehen mit unseren Freunden muss noch etwas warten. Wir verzichten auf die letzte schräge Nische und kehren zurück in die Stadt, wo oben am Ortseingang ein riesiger Schotterparkplatz bereits etlichen Campern Platz bietet. Eigentlich ein Parkplatz für Reisebusse, werden im Frühling auch Camper toleriert, solange sie sich nicht breit machen bzw. ihre Tische und Stühle neben die Fahrzeuge stellen. Zwischen zwei langen Plastikbombern finden wir eine ebene Fläche und sind glücklich, nach dem langen Tag, endlich anzukommen.

Nach einer ruhigen Nacht, statten wir Tarifa am Vormittag einen ersten Besuch ab. Zu unserer Überraschung, findet entlang der Hauptstraße ein großer Markt statt, den wir natürlich gerne besuchen. Bereits bei den ersten beiden Läden bzw. Ständen kann Ines nicht widerstehen, einige hübsche Kleider anzuprobieren. Unbedrängt und frei, kann sie mit Gewand hinter Vorhängen verschwinden, sich dabei in den Spiegel schauen und zu fixen Preisen zuschlagen, sollte ihr etwas gefallen. "Schau mal, der Preis wird noch günstiger, wenn ich ein Zweites nehme" ruft sie mir zu. Ich bin ihr auch drei Kleider vergönnt und benötige keinerlei Animation, um ihr Zuspruch zu geben. Die Freude um das wiedergewonnene Maß an Freiheit ist ihr deutlich anzumerken. Bevor sie sich die luftigen Kleider zum Probieren geschnappt hat, war sie es, der die vielen leicht bekleideten Mädels aufgefallen sind. "Schau mal, was die an hat, und die erst..." ist sie aus dem Staunen nicht mehr rausgekommen. Nach drei bedeckten Monaten in Marokko, sehnt sich meine Liebste verständlicherweise danach, ihrer Haut etwas mehr Tageslicht zu verabreichen. Fürs Erste wird es ein Kleid, dann rede ich ihr noch flotte Shorts ein und später findet sie passenden Ersatz für die Flip-Flops, die der rachsüchtigen Maus zum Opfer gefallen sind. Allesamt ordentliche Schnäppchen. Aus den kleinen Läden strömt der Duft von Räucherstäben in allen Variationen und innen drinnen sieht es so bunt aus, wie es riecht. Nachdem sogar die vielen Surfshops geöffnet haben und ihre Ständer mit Restposten gefüllt sind, schlüpfe auch ich hinter einigen Kartons in eine Hose und schlage zu. Die marokkanischen Händler und das gemeinsame Tee trinken fehlen uns in dem Moment wenig. Es ist die mangelnde Aufmerksamkeit und Anonymität, die wir in diesem Moment bewusst genießen. Ein weiteres Highlight folgt unerwartet. Als sich der Markt lichtet, stehen wir vor einem kleinen vegetarischen Lokal! Im Inneren bereitet eine Köchin hinter dem riesigen hölzernen Tresen gerade Nachschub am appetitlichen Buffet vor. Mehrere bunte, teils undefinierbare, Hauptspeisen und noch mehr Beilagen, konkurrieren hinter einer dünnen Glasscheibe um unsere Aufmerksamkeit. Indische und spanische Leckereien auf Seitan- oder Tofubasis, Falafeln, Linsen und viel Salat in allen (fast vergessenen) Farben und Formen füllen umgehend unsere Schüsseln. Während wir essen, fällt mir die Musik aus den Lautsprechern auf. Indie-Rock aus den späten 90ern und allerhand alternative Musik bilden den Kontrast zur marokkanischen Folklore der letzten Monate. Der Sonnenschein und die angenehm kühle Brise, die hier stets weht, sind das i-Tüpfelchen. Die Köchin gibt uns beim Verabschieden noch den Tipp mit, doch auch das andere vegetarische Restaurant in der Stadt zu besuchen. Ein weiterer Unterschied, der uns auf- und gefällt. Hat doch kaum ein marokkanischer Händler ein gutes Haar an seinem Mitbewerbern gelassen. Später erreichen wir die "Puerta de Jerez", das Tor zur Altstadt, wo uns der Weg über große Pflastersteine stetig nach unten führt. Die hübschen weißen Häuser sind mit allerlei bunten Blumen verziert, oder manch einer politischen Botschaft, die (auf ein Leintuch gekritzelt) von den Balkonen hängt. Ob gegen die Einführung des digitalen Euros oder gegen Social-Credit protestiert wird, die Botschaften sind deutlich und sichtbar. Das Recht seine Meinung frei zu äußern, wird in Tarifa an jeder Ecke praktiziert. Ein sehr willkommener Kontrast, nicht nur zu Marokko, sondern auch zur gegenwärtigen Kultur. Die Sessel und Tische der Tavernen sind an jedem der kleinen Plätze bestens gefüllt. Es ist laut aber gleichzeitig friedlich und entspannt, als wir uns durchschlängeln. Das Castillo de Guzman, also die Burg- und Festungsanlage Tarifas, kann Sonntags leider nicht besucht werden, was uns zu einem anderen Aussichtspunkt führt. Davor biegen wir noch die Büros zweier Anbieter von Delphintouren ein, die zufällig am Weg liegen. Dort erfahren wir, dass an den kommenden Tagen der Wind ungünstig ist und die Bootstouren für die kommende Woche erst kurzfristig zu- oder abgesagt werden. Wir sind trotzdem interessiert und nehmen jeweils Infomaterial mit. Im Herzen der Altstadt suchen wir dann ein nettes Plätzchen für Kaffee und Süßes und sind dabei in der Unterzahl. Jung und Alt nippt an Wein oder Bier und knabbert an den obligatorischen Oliven oder Nüssen. "Schau mal, die sind alle schon am Saufen" meint Ines schmunzelnd. Auch uns kann der Kellner rasch von zwei Kaltgetränken überzeugen und serviert beide in größerem Umfang, als bestellt. Wir genießen die ausgelassene Stimmung und staunen nicht schlecht, als der Straßenmusiker nach seiner Darbietung, nicht nur mit offenem Hut, sondern auch mit kabelloser Bankomatkasse zum Spenden auffordert. An diesem Nachmittag haben wir keine Eile, zu unserem Bus zurückzukehren und verweilen in der Altstadt bis es dämmrig wird.

Am nächsten Morgen erledigen wir rasch einige Einkäufe und machen uns danach auf den Weg zum Campingplatz, wo unsere Freunde zwischenzeitlich verlängert haben. Mittlerweile stehen uns 6 der knapp 100 Plätze zur Auswahl. Wir entscheiden uns für die Nummer 34 mit schönen Blick hinunter aufs Meer und zur Küste Afrikas. Unser erster Besucher ist Hari, der rechtzeitig zum Kaffee, den steilen Weg von seiner Parzelle unten am Meer, hinauf zu den Plätzen am Berg, auf sich genommen hat. Birgit gönnt sich währenddessen in der Stadt einen Friseurbesuch. Am Abend schnappen wir unsere Sessel und spazieren nach unten um sie gemeinsam mit Hari zu empfangen. Als Birgit mit lockig glänzendem Haar zurückkommt, hat Hari sichtlich ein paar "Herzerl in den Augen".

Kurz vor Mitternacht erleben wir ein unglückliches Campingplatz-Schicksal. Gerade am Einschlafen, kommt das Geräusch eines Motor immer näher. So nahe, bis wir es spüren können. Neue Nachbarn beziehen zu ungewöhnlich später Stunde den wohl letzten verfügbaren Platz, der sich blöderweise neben uns befindet. Halb so schlimm, wenn die Insassen auf die Idee kommen würden, ihren Motor auch irgendwann abzuschalten. Nach 10 dröhnenden Minuten, hüpfe ich aus dem Bett, um auszusteigen und ihnen den Gedanken zu vermitteln, dass sie nicht alleine hier sind und gegebenenfalls etwas Rücksicht auf ihr Umfeld nehmen dürfen.

Am Morgen stellt sich heraus, dass das junge spanische Paar mit ihrem Baby im Kinderwagen ein wenig zerstreut, aber tatsächlich sehr nett ist. Sie fragen uns nach unser Heimat Albanien, wie sie dem Kennzeichen entnehmen können. Wir korrigieren auf "Austria", von dem sie auch schon mal gehört haben. Trotz der friedlichen Nachbarschaft, nehmen wir Birgits und Haris Tipp an, zu einen frei gewordenen Platz, ganz vorne am Meer zu wechseln um wiederum ihre Nachbarn zu werden.

Am nächsten Tag lassen wir uns zu viert mit einem Taxi in die Stadt bringen, flanieren, bummeln und besuchen gemeinsam das empfohlene vegetarische Restaurant in der Altstadt, wo wir hervorragend speisen. Nach einem Spaziergang, lassen wir den kühlen Abend bei noch kühleren Getränken gemeinsam ausklingen.

So auch den nächsten Abend, den wohl vorerst letzten gemeinsamen. Birgit und Hari brechen in Richtung Norden auf. Wir wollen in Gibraltar einen Stopp einlegen und danach zu Ines Großtante fahren, die eine Stunde westlich von Malaga, eine Finca besitzt. In den letzten 7 Wochen, haben wir unseren neuen Freunde immer wieder, absichtlich und unabsichtlich getroffen, sie zunehmend zu schätzen gelernt, vieles geteilt und gemeinsame Erinnerungen geschaffen. Ein Wiedersehen wird bestimmt folgen. Die Einladungen stehen. Ines bekommt von Birgit noch eine unbenutzte Bluse geschenkt, ein weiteres Erinnerungsstück an die beiden, neben dem Fossil, das uns bereits seit Merzouga Glück bringt.

Unser Ziel Gibraltar ist nicht nur besonders dicht besiedelt, sondern bietet kaum ein Plätzchen, um unseren Bus zu parken. Die nächstbeste Möglichkeit ist die Marina von La Linea de la Conception, der Grenzstadt auf spanischer Seite. Hier kann man am Yachthafen nächtigen und ist nur einen kurzen Spaziergang von Gibraltar entfernt. Als wir dort ankommen, können aus vielen freien Plätzen wählen und packen rasch die Rucksäcke für unseren Spaziergang in die britische Enklave.

Das kleine Land ist für seinen riesigen Kalksteinfelsen bekannt, der die Halbinsel dominiert. Dort lebt die einzige Population von Affen, konkret Berberaffen, auf dem europäischem Festland. Bekannt ist auch die Gorham-Höhle am südöstlichen Rand des Felsens, wo seit über 70 Jahren Archäologen laufend Funde von Neandertalern entdeckten. Im September 2014 wurde in der Höhle sogar eine Kreuzschraffur entdeckt, die auf ein Alter von 39000 Jahren datiert werden konnte. Die jüngere Geschichte Gibraltars wird hingegen von Mauren, Spaniern und seit 1704 von Engländern geschrieben. Der Legende zufolge, soll die englisch-holländische Flotte die Spanier am Nachmittag zur Siesta überrascht und erfolgreich besiegt haben. Die darauffolgenden Belagerungen der Spanier bleiben erfolglos. Bis zum heutigen Tag sorgt die Enklave für erhitzte Gemüter unter den Spaniern.

Unser Spaziergang führt uns nach einem kurzen Stopp im Grenzgebäude über die Landebahn des Flughafens von Gibraltar. Nach einem Rundgang, durch das mit unzähligen Hochhäusern verunstaltete, Wohn- und Geschäftsviertel im Norden, spazieren wir in die kleine Fußgängerzone. Die Bauweise der Häuser, sowie die Fassaden unterscheiden sich dort deutlich von dem, was man in Spanien zu Gesicht bekommt. Darin reihen sich dutzende Geschäfte aneinander. "Outlet" klebt auf den Schaufenstern der Geschäfte, die oft die selben Spirituosen und Souvenirs verkaufen. Eine Horde spanischer Schulkinder, freut sich jedenfalls lautstark über die riesige Auswahl in einem "Candy Shop". Ines freut sich unterdessen über die lebensgroßen Playmobilfiguren, die entlang der Main Street posieren. Unsere Weg führt uns zur Seilbahn, mit der wir gemütlich den Gipfel des Felsens erreichen wollen. Etwas erschrocken über die neuen Tarife und Eintrittsgebühren, einigen wir uns rasch darauf, lediglich die Fahrt mit der Gondel in Anspruch zu nehmen. War so eine Fahrt vor über 10 Jahren noch ausreichend, um anschließend den Felsen eigenständig zu Fuß hinunterzuwandern und dabei auf Affen und Ausblicke zu hoffen, muss man sich den Fußweg mittlerweile teuer erkaufen. Immerhin wurden zwei Attraktionen installiert, die den üppigen Aufpreis rechtfertigen sollen.

Wir haben Glück und treffen bei unserem Spaziergang, der auf das oberste Plateau beschränkt ist, bereits einige tierische Bewohner. Einer davon schleicht sich seitlich an meinen Rucksack an, wo ein Stück Bananenschale aus der Seitentasche ragt. "Achtung Affe von Links" ruft Ines rechtzeitig. "I glaub der mog mi" rufe ich zurück und zeige dem neugierigen Makaken die leere Schale. Er bleibt jedoch interessiert und nimmt mir die Schale mit einer schnellen Bewegung aus der Hand. In zwei Meter Entfernung lässt er sich damit nieder und filetiert seine Jause, so minutiös und präzise zugleich wie es nur ein Affe vermag.

Zurück in der Fußgängerzone bahnen wir uns den Weg zurück zur Grenze, wie so viele spanische Arbeitskräfte, die nach Ende ihrer Schicht zu Fuß von der Arbeit ins angrenzende La Linea zurückkehren. Den Abendspaziergang verbringen wir in eben diesem La Linea, der Grenzstadt, die wesentlich größer als Gibraltar ist, jedoch aus Mangel an einem riesigen Felsen auch deutlich unbekannter ist. Im Gegensatz zu Gibraltar gibt es zwar weniger Geschäfte, dafür umso mehr Leben in den Straßen. Jung und Alt sitzt draußen an den Tischen der Bars, trinkt, plaudert und diskutiert während energiegeladene Kinder auf Bälle treten oder lautstark ihre Spielzeuge ausprobieren. Wir mögen das sehr und tauchen ein. Ines gönnt sich die spanische Version eines "Roten Spritzers" namens "Tinto del Verano", ein Mix aus Rotwein, Most und jeder Menge Zitrone, serviert mit Eiswürfeln. 

Ruhe und Komfort auf der Finca los Gamos

Am Morgen führt uns der Weg in den Norden entlang der Costa del Sol, vorbei an Marbella und Fuengirola, um am Nachmittag die Finca von Ines Großtante Monica zu erreichen. Ich bin gespannt auf das Anwesen und die Zufahrt, alias "Horrorstraße", wie Ines Schwester sie erst kürzlich bei einem Telefonat bezeichnet hat. Ines war zuletzt vor über 10 Jahren dort zu Besuch und hat, bis auf die holprige Zufahrt, sehr positive Bilder gespeichert.

Die letzten 3 Kilometer haben es tatsächlich in sich. Gerade wenn der Schotter beschließt, keine Gräben und Furchen mehr zu ziehen, fordern uns tief hängende Äste oder Palmwedel heraus, kräftig auszuweichen. Ines springt mehrmals aus dem Bus, um die widerspenstigsten Exemplare mit ihren Superkräften zu bändigen. Tante Moni erlebt ihre letzten Einsätze und begrüßt uns anschließend: "Macht euch keine Sorgen um die Bäume, die halten das schon aus!". Ich schaffe es, mir eine Antwort zu verkneifen und bin froh, den Bus ohne Kratzer ans Ziel gebracht zu haben. Auf herzliche Umarmungen, folgt eine Jause und so halten wir bereits ein Gläschen Wein in den Händen, bevor wir noch auspacken können.

Ich bin beeindruckt von dem malerischen Anwesen, dass herrlich eingebettet zwischen die Hügeln thront. Umgeben von hunderten Bäumen, Sträuchern und Pflanzen, die Tante Moni mit ihrem Lebensgefährten Gottfried über Jahre gepflanzt hat. Das Herzblut, das sie in bald 40 Jahren in dieses Anwesen gesteckt haben, ist weithin sichtbar. Zu unserer Überraschung verweilt Ines Großtante selber, in einem der anderen beiden kleineren Häuser am Grundstück, was uns unerwartete Privatsphäre beschert. Zumindest für die nächsten beiden Nächte. Denn nach der Ankunft von Monis Lebensgefährten Gottfried, folgen auch Ines Mutter Xenia und Stiefvater Johannes der Einladung ins ferne Andalusien. Der eloquente Gottfried ist, aufgrund seiner Profession, ein wandelendes Lexikon in Sachen Ökologie und der bewegten Geschichte Andalusiens insbesondere. Er bereichert die noch kleine Runde rasch mit seinem ausgeprägten Sinn für Humor. Er und Tante Moni waren bereits mehrmals in Marokko und sind interessiert an unseren Erlebnissen. Nachdem Gottfried durch unseren Blog schmökert, meint er anschließend: "Des gfoid ma, ich bin ab jetzt ein Follower". Ich muss schmunzeln und bin ein bisschen stolz zugleich. Wir plaudern viel und freuen uns auf die Ankunft von Xenia und Johannes am folgenden Tag, die die Runde vervollständigen werden.

Als die beiden mit ihrem Leihwagen zu Mittag eintreffen, wird viel umarmt und gedrückt. Später folgt eine besondere Bescherung. Wir haben die beiden gebeten, uns einige Kleinigkeiten aus der Heimat mitzunehmen, was natürlich nicht nur erfüllt, sondern weit übertroffen wurde. Ines hat schon befürchtet, die doppelte Menge an Suppenpulver, Brotgewürz, Zwiebelschmalz oder Tofu zu erhalten. Besonders freuen wir uns, über die selbst genähte Tragetasche, die Xenia eigens für unseren Solargenerator genäht hat. Johannes hat unterdessen die Gelegenheit genutzt, dass wir im Februar unsere Drohne daheim vergessen haben, um sich selbst eine neue zu kaufen und uns sein altes Modell zu überlassen.

Am nächsten Tag hilft Ines Mutter ihr tatkräftig beim Reinigen des Busses, während Johannes mir bei einigen Servicearbeiten und Optimierungen am Bus mehr als zur Hand geht. Wir sind ihnen dankbar für den unverhofften Einsatz!

Das gemeinsame Abendessen wird zum Fixpunkt der kommenden Tage, an denen alle zusammenkommen. Zu den Gästen zählt auch ein zahmer Fuchs, der seit unserer Ankunft mehrmals täglich vorbeikommt und eine Vorliebe für die süßen Früchte des Nisperobaums hat, sowie eine Katze, die sich pfauchend für Leckerlis bedankt.

Gemeinsam mit Xenia und Johannes unternehmen wir im Lauf der Woche einen Tagesausflug nach Cordoba. Ein kurzer historischer Abriss würde dem geschichtsträchtigen Ort nicht gerecht, den bereits Karthager, Römer und Mauren besiedelten. Im 10.Jahrhundert n. Chr. wurde Cordoba zum Kalifat und zu dieser Zeit zu einer der größten Städte der Welt. Von den epochalen Bauwerken Cordobas, ist die Mezquita das bedeutendste. Die Mezquita-Kathedrale wurde 786 als Moschee errichtet und ständig erweitert. Sie würde Heute zu den drei größten Moscheen der Welt zählen, hätten die Christen nach der Rückeroberung im Jahr 1236, die Moschee nicht zur Kathedrale geweiht und ein gewaltiges Kirchenschiff darin errichtet.

Die Meszquita mit seinen über 860 Säulen ist, nach der Puente Romano, auch das erste Highlight unserer Tour. Wir ergattern flott einen "Time-Slot" und staunen kurz darauf über das gewaltige Innere. Ines und mir gefallen die Hufeisenbögen, Kuppeln und Formen und wir verweilen eine gute Stunde, bevor wir den Menschenmassen überdrüssig werden. Danach wird gespeist und gebummelt. Ines führt ihre Mutter, gleichzeitig besonders stolze Großmutter, danach in eine Filiale der "Ale-Hop"-Kette. Wer schon mal den Laden besucht hat, weiß wieviel Zeit man darin verbringen kann um lustige, seltsame und unbekannte Gadgets zu testen. Eine Fundgrube an Mitbringsel und Geschenken. Die beiden Damen stellen den Laden erfolgreich auf den Kopf. Als ich später dazustoße, höre ich Ines sagen: "Aber Mama, das ist gar nicht notwendig" oder "Wenn er sagt, er will keinen Hut, dann will er vielleicht wirklich keinen!". Die beiden haben Spaß und das Sackerl, das Xenia mitnimmt, fällt am Ende doch gar nicht so groß aus.

Die nächsten Tage verbringen wir, dank stetig steigender Temperaturen, oft am Pool, lesen viel und genießen den omnipräsenten Luxus. Die technischen Wunderwerke namens Waschmaschine und Geschirrspüler sind regelmäßig im Einsatz. Dazu gibt es Trinkwasser aus dem eigenen Brunnen! Was während unserer Reise sonst viel Zeit in Anspruch nimmt, gelingt hier rasch und mühelos. Auch der Komfort eines großen, beleuchteten Badezimmers samt Spiegel hat Vorteile. Die Intensität und Sorgfalt der Körperpflege erlebt neue Höhen.

Johannes und ich dürfen an einem Tag sogar als Retter auftrumpfen. Während Ines mit ihrer Mutter einen Ausflug zum Wochenmarkt unternommen hat, erleiden die beiden eine Reifenpanne und stecken im 25 Minuten entfernten Dorf fest. Als wir Männer zur Rettung eintreffen, entdecken wir die Damen beim recht entspannten Kaffee trinken auf einer Terrasse. Sie haben derweil alles im Griff und der Abschleppwagen ist bereits auf dem Weg. Mein Ego kann auf das "Retten" gerne verzichten und bin stolz auf Ines, die ohnehin immer einen kühlen Kopf bewahrt.

Bevor die gemeinsamen Tage im Kreis der Familie zu Ende gehen, meldet sich ein leidiges Thema wieder. Der Mahlzahn ganz hinten, direkt neben dem bereits behandelten Zahn in meinem Oberkiefer, macht sich seit Tagen deutlich bemerkbar. In der nächstgrößeren Stadt, etwa 40 Minuten entfernt, gibt es tatsächlich eine kleine Zahnarztklinik. Mein Zahnarzt-Spanisch wird umfassend aufpoliert und Ines begleitet mich an einem Morgen nach Campillos in die Klink. Die Dame am Empfang ist freundlich und scheibt mich prompt ein. Mir kommt wohl zugute, dass viele Spanier Langschläfer sind. Das Wartezimmer ist leer und selbst einige Assistenten und Ärzte treffen erst ein, als mir schon zum dritten Mal jemand (jeweils eine andere Person) im Mund stochert. Ich bin froh, über die Übersetzungs-App als Rückhalt, da keiner der Assistenten und Ärzte auch nur ein Wort Englisch spricht. Mir wird erklärt, dass es nicht der schmerzende Zahn sein kann, der behandelt gehört, sondern am bereits in Marokko behandelten Zahn, eine Wurzelbehandlung notwendig sei, um die angrenzenden Schmerzen zu beseitigen. Ich beharre auf mein (Schmerz-)Empfinden bzw. den anderen Zahn und gebe dann doch nach, um mich der eineinhalbstündigen Behandlung zu unterziehen, nach deren Ende mir mitgeteilt wird, dass ich am kommenden Tag nochmals kommen muss, um das Werk in einer neuerlichen Sitzung zu vollenden. Mir bleibt nichts anderes übrig, als auf die Meinung der Zahnärztin zu vertrauen und zu hoffen, dass die Schmerzen abklingen.

Am kommendem Morgen verabschieden wir uns zuerst von Xenia und Johannes, die schon früh am Morgen zum Flughafen aufbrechen. Tante Moni, die mit Gottfried am selben Tag am Nachmittag den Heimflug antritt, bietet uns an, noch einige Tage alleine auf der Finca verweilen zu dürfen. Sei es des weiteren Zahnarztbesuchs wegen oder zur reinen Erholung. Das Angebot nehmen wir dankbar an. So kommt es, dass wir nach dem zweiten Besuch in der Klink, meinem Zahn und unseren Gemüt noch ein paar Tage Ruhe verschreiben. Es tut unheimlich gut, zu zweit die Seelen baumeln zu lassen, zu verarbeiten, was wir bisher erlebt haben und finden inmitten des Komforts leichter Zeit, die Weiterreise zu planen. Der Abschied von diesem idyllischen Ort und seinem Komfort fällt uns schwer.

Farben, Fassaden & Flamenco in Cádiz und Sevilla

Das Ziel unserer ersten Etappe, nach der Pause, heißt Cádiz. Während der knapp dreistündigen Fahrt durchqueren wir einen Großteil des südlichen Andalusiens, das bereits Anfang Juni deutlich karger und dürrer wirkt, als noch einen Monat zuvor. Über die imposante Brücke "Puente de la Constitucion de 1812", die drittlängste Schrägseilbrücke Europas, gelangen wir an den nördlichen Rand von Cádiz. Bis ins 17. Jahrhundert war Cádiz, das als älteste Stadt Europas gilt, auf einer vorgelagerten Insel gelegen und nur per Schiff zu erreichen. Mittlerweile zur Halbinsel geworden, kann man die Stadt auch über eine Landzunge im Süden erreichen. Wiederum gelten die Phönizier und Karthager als erste Siedler, wie Funde aus dem 9. Jahrhundert v. Chr. belegen. Ihnen folgten Römer, Westgoten, Byzantiner und Mauren. Kolumbus brach hier zur zweiten Reise in die "Neuen Welt" auf und 1812 wurde in Cádiz die erste spanische Verfassung ausgearbeitet und veröffentlicht.

Wir finden den Parkplatz direkt am Meer, wo gegen Gebühr Wohnmobile die Nacht über sicher stehen können. Unser Spaziergang beginnt am Castillo de Santa Catalina, führt uns vorbei am beliebten Stadtstrand La Caleta bis hin zur barocken Kathedrale. Vor dem Rathaus gönnen wir uns ein kaltes Getränk und wundern uns, über den geringen Andrang in den hübschen engen Gassen. Nach einem Abstecher zum Stadttor und dem Markt, führt uns der Weg hinauf zum Herz der Stadt, rund um den Plaza de Mina. Hier herrscht das ausgelassene und rege Treiben, das wir so mögen am Süden Spaniens. "Aha, do san die gaunzn Leit!" verkünde ich stolz, als hätte ich es ohnehin gewusst. Die prächtigen Gebäude und vielen Bäume an den Plätzen der Altstadt laden unentwegt ein, anzuhalten und zu verweilen. Das Grün der Bäume ergänzt die hellen Fassaden mit ihren stilvollen Balkonen. Den Abend lassen wir im großen Parque Genovese ausklingen, wo wir uns zwischen exotischen Bäumen von der warmen Abendsonne noch ein wenig küssen lassen. Wir erleben, wie die Sonne direkt über dem Meer untergeht, genießen die Farben, wie sie sich zum Rauschen des Meeres langsam verändern und nach dem Sonnenuntergang in Eile verblassen. Wir strahlen unterdessen von innen heraus, als hätten wir einige Sonnenstrahlen absorbiert. Karel Gott wäre stolz auf uns.

Am nächsten Morgen brechen wir zeitig auf, um unser nächstes Ziel Sevilla, noch vor der Mittagshitze zu erreichen. Ines hat sich selbst übertroffen und einen Parkplatz, ganz in der Nähe des Stadtzentrums entdeckt, wo eine Nächtigung möglich sein soll.

Sie navigiert uns erfolgreich zu dem markierten Platz, wo ihr ein Auftrag zukommt, der ihr Adlerauge verlangt. Die Zufahrt zum Parkplatz ist per Schranken auf 2,6 Meter Höhe beschränkt, was Ines dazu nötigt, auf die Umzäunung zu klettern, um von dort ihre Anweisungen zu geben. Ich verlange ihrem grundsätzlich sehr leisem Organ einiges ab und wir meistern die Herausforderung knapp aber erfolgreich. Die Hauptstadt Andalusiens ist jünger als Cádiz, jedoch ebenso geschichtsträchtig. Sevilla wartet mit einer der größten Altstädte Europas auf und beherbergt mit seiner prächtigen Kathedrale und der angrenzenden Giralda (das ehemaligen Minarett und heutiger Glockenturm) eine der bestbesuchten Attraktionen Spaniens.

Vorbei an unzähligen Tapas Bars erreichen wir zu Fuß rasch den südlichsten Zipfel der Altstadt. Etwas verzweifelt, ob der nicht vorhandenen Auswahl an vegetarischen Speisen, lassen wir uns in der Nähe der Giralda bei einer Pizzeria nieder. Im Gegensatz zu Cádiz laufen hier die Gassen über von Touristen. Souvenirläden reihen sich aneinander und Pferdekutschen rattern aus verschiedenen Richtungen über die Pflastersteine. Es gibt viel zu sehen, wenn der Blick gerade frei ist. Die Menschenschlange vor dem Glockenturm würde unterdessen ein kleines Fußballstadion füllen. Etwas länger verweilen wir beim Parasol, einer 30 Meter hohen Konstruktion, die sich wie der Schirm eines Pilzes über einen großen Platz erstreckt. Von dort aus führen wiederum etliche Gassen in andere Winkel der Altstadt. Das Schlendern mach umso mehr Spaß, als es an jeder Ecke etwas zu entdecken gibt. Wer verwinkelte Passagen, blumengeschmückte Innenhöfe und Street Art mag, kommt in Sevilla definitiv auf seine Kosten. Kreativ waren auch die Architekten, die den alten Bahnhof Plaza de Armas in eine Markthalle samt Kino verwandelt haben. An einem Kanal des Guadalquivir, der durch Sevilla fließt, finden wir in einer Strandbar (ohne Strand) etwas Schatten und Abkühlung. Je nach Standort zeigen die Thermometer 36 oder 37 Grad an – und das Anfang Juni! Am Nachbartisch unterhalten sich unpassend aufgetakelte britische Mädels über Oberflächlichkeiten, während sie ihren üppig aufgespritzten Lippen Cocktails per Strohhalm zuführen. "Na gott sei Daunk, san ma kane Neinzehn mehr!" sage ich zu Ines, die mir zustimmt. Es fällt mir schwer, den Druck oder Gruppenzwang nachzuvollziehen, der junge Menschen dazu treibt, einem standardisierten äußeren Schönheitsideal zu entsprechen. Wohl wissend, dass ich heute auch über mein 19-jähriges Ich, mit einem Hang zu Oberflächlichkeiten, den Kopf schütteln müsste. Zurück bei der Kathedrale und der Giralda haben wir Glück. Ein Seitenarm ist geöffnet und wir dürfen einen kostenlosen Blick in das historische Gemäuer werfen. Zwei Wächter achten darauf, dass das strikte Foto-Verbot eingehalten wird, während wir ohnehin mit Schauen beschäftigt sind. Den Tag lassen wir am Plaza de Espana ausklingen, wo für ein anstehendes Konzert gerade eine Bühne aufgebaut wird und die letzten Touristen für Fotos posieren. Der 200 Meter weite halbkreisförmige Platz gilt als zweites Wahrzeichen Sevillas und ist absolut sehenswert. Uns gefallen nicht nur der Kanal und seine Brücken, sondern ganz besonders die Kachelornamente, genannt Azulejos. Speziell im Süden Spaniens, wie auch in Portugal wird das Bemalen von Fließen als Kunstform bis Heute praktiziert und geschätzt. Hier am Plaza Espana, ist jeder Provinz Spaniens ein kunstvolles Mosaik gewidmet, das jeweils historische Begebenheiten sowie Landkarten abbildet. Unter den Arkaden in der Mitte des Platzes ertönt Musik. Eine vierköpfige Flamenco Gruppe zeigt eine Darbietung ihres Könnens, die beim zahlreichen Publikum für ordentlich Applaus sorgt. Eine Gitarre, dazu Gesang und Klatschen genügen der Tänzerin, um ihre metallbeschlagenen Schuhe rhythmisch übers hölzerne Podest zu bewegen.

"I glaub des passt für Heite" merke ich an. Ines geht es genauso als wir uns am Weg zurück zum Parkplatz machen, wo unserer Esel, trotz Sonnenblenden und Verdunkelung, auch heiße Stunden verbracht haben muss. Wir öffnen alle Fenster und Luken, müssen aber bis spät in die Nacht warten, bis der Thermometer wieder die 30 Grad unterschreitet. War uns der Wind in den vergangenen Monaten ein ständiger Begleiter, verweigert er in dieser schweißtreibenden Nacht gänzlich seinen Dienst. Es dauert eine Ewigkeit und benötigt drei Anläufe, bis wir ein Auge zumachen. Zu unserem Glück erwacht ganz Sevilla erst wieder langsam nach 8:00 früh und lässt uns länger schlafen, als erwartet.

Unsere Stimmung am Morgen ist beim ersten Kaffee gut und noch besser beim zweiten. Andalusien hat uns beeindruckt und von Beginn an in seine Arme genommen. Ein Flecken Erde, wo wir Kraft tanken konnten und gerne zurückkehren werden. Nun freuen wir uns auf die Strände der Algarve, das Schwimmen im Meer, auf Sanitärhäuschen und ordentliche Duschen. Das alles in Portugal, nur zwei Stunden entfernt.

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Kommentare: 4
  • #1

    Margit (Sonntag, 13 Juli 2025 17:43)

    Wieder soviel erlebt! Freu mich auf ein Wiedersehen.

  • #2

    Udo (Sonntag, 13 Juli 2025 18:58)

    Na ihr beide zwingt uns ja fast jetzt doch wieder Mal in den Süden Spaniens zu fahren. Genießt schön weiter

  • #3

    Johannes und Xenia (Dienstag, 15 Juli 2025)

    So schöne Erlebnisse!
    Auch wir haben es sehr genossen mit euch die Zeit auf der Finka zu verbringen. Wir sind ja leider schon wieder zurück im Alltagstrott �. Danke dass wir weiter mit euch auf Reisen sein dürfen. Genießt eure Freiheit und Ungebundenheit ������

  • #4

    Xandi (Freitag, 25 Juli 2025 09:32)

    Schön das ihr wieder neue Energie für eure Reise tanken konntet! Sevilla schaut ja toll aus!! Beeindruckende Stadt! Bussis

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