Stonehenge und der größte aller Steinkreise

Keine Schatzsuche an der Jurassic Coast

Das spöttische Geprassel eines Wolkenbruchs weckt uns zeitig aus unseren sonnigen Träumen. So erkunden wir Exeter, die Hauptstadt der Grafschaft Devon, unter dem Schutz unseres Regenschirms. Nach dieser Grafschaft bzw. dem hiesigen Gestein ist auch ein beträchtlicher Abschnitt der Erdgeschichte benannt, der 400 Mio. Jahre zurückliegt. Damit beschäftigt sich unter anderem auch das Royal Albert Memorial Museum in Exeter, kurz RAMM genannt. Eine Mischung aus Natur- und Kunsthistorischem Museum mit Schätzen aus der ganzen Welt.

Es gelingt uns, das Museum halbwegs trocken zu erreichen. Der Eintritt ist, wie meist in englischen Museen, kostenlos und ein fein gekleideter Portier wünscht uns einen schönen Aufenthalt. Den haben wir überaus. Das Museum ist über 150 Jahre alt und wirkt inmitten der hohen Räumlichkeiten sehr modern und aufgeräumt. Es macht Spaß, die Exponate zu studieren und ein wenig länger zu verweilen. Ines entdeckt eine besondere Vitrine. "Ziemlich cool" meint sie anerkennend. Einem Hobbyarchäologen, der vor 12 Jahren einen Münzschatz gefunden hat, wird neben den 22.888 gefunden Münzen (!) aus der Römerzeit, per Foto und Notiz Dank erwiesen. Auf dem Bild trägt der Mann Gummistiefel über einer Militärhose. Die Schaufel lässig über der einen Schulter, den Metalldetektor in der anderen Hand. Er sieht aus wie jemand, der auch gerne Indiana Jones-Filme geschaut hat. Mehr als 2 Stunden lang lasse ich mich von Fossilien, von Masken und Kleidung indigener Völker, von den Römern und der Tiersammlung fesseln, bevor wir das Highlight erreichen. Einer echten ägyptischen Mumie, samt perfekt erhaltenem Sarkophag, wurde ein Grabraum gebaut, den man besuchen kann. Shep-en-mut ist der Name der Priesterin, die darin nun vor uns liegt. Sie diente der Göttin Hathor in Theben und hat vor rund 2800 Jahren gelebt. Die Kammer, die nur sanft beleuchtet ist, erscheint unseren zeitgenössischen Augen würdevoll und gibt selten detaillierte Einblicke in den Bestattungskult der alten Ägypter. Unser Besuch im RAMM ist jedenfalls ein voller Erfolg, den wir gerne weiterempfehlen.

Nachdem uns in den Straßen Exeters der nächste Schauer einholt, suchen wir kurz Schutz in der Kathedrale, bevor wir uns auf den Weg zurück zum Bus machen.

Am halben Weg zur "Jurassic Coast", eine Küstenlinie die für ihre vielen Fossilien bekannt ist, halten wir bei einem Campingplatz, der überraschend hübsch angelegt ist und den wir obendrein zur Gänze für uns alleine haben. Wenn das Wetter gnädig wäre, sicherlich ein Ort zum länger Verweilen. Ines setzt sich bei der Platzwahl durch und nach einer warmen Dusche, lässt sich ein weiterer verregneter Abend im Bus gleich leichter ertragen. Da am Morgen noch keine Menschenseele aufgetaucht ist, um unsere Gebühr zu kassieren, machen wir uns auf die Suche nach den Betreibern. Wir finden zwei Männer, möglicherweise Vater und Sohn, die gerade an einem Traktor schrauben. Sie geben sich als Freunde des Besitzers aus und bieten uns an, die Gebühr an ihn weiterzugeben. In der Hoffnung, nicht einer berüchtigten Traktor-Kidnapper Bande noch den Tankstellenbesuch gesponsert zu haben, brechen wir zur Küste auf.

"Ach nein, so ein Scheiß" schnauft Ines. Bereits eine Stunde vom Campingplatz entfernt, bemerkt sie am Parkplatz eines Supermarktes, dass sie ihre Thermo-Trinkflasche am Morgen stehen gelassen hat. Nach einer Sonnenbrille sowie Duschgel meinerseits, hat nun Ines die zweite ihrer Trinkflaschen vergessen. Seufzend nehmen wir hin, dass so eine Reise kleine Verluste mit sich bringt und fahren weiter in Richtung Abbotsbury. Kurz davor erreichen wir einen Aussichtspunkt, der nur wenig Aussicht preisgibt. Keine Seltenheit dieser Tage in England. Ein Stück vom Küstenstreifen und der Lagune erkennen wir immerhin. Wenig später stehen wir unten am Meer und finden die Stimmung gar nicht mal so übel. Mit heftigem Getose peitscht Welle um Welle an das steinige Ufer. Ein Angler hat ein Zelt zwischen dem dunklen Himmel und der braunen Gischt errichtet. Heftiger Wind pfeift um die Ohren, die längst bedeckt sind. Willkommen an der Jurassic Coast. Am Rückweg entdecken wir seltene Verbotsschilder, die den Umgang mit Metalldetektoren verbieten. Mich macht das Schild eher neugierig und weckt die Lust auf eine Schatzsuche. Den Nachmittag verbringen wir in Abbotsbury und stimmen uns auf das große Highlight ein, das morgen vor uns liegt. Nach all den Steinkreisen der letzten Wochen, sind wir nur mehr 100 Kilometer von der "Mutter aller Steinkreise" in Stonehenge entfernt.

Stonehenge geht auch zweimal

Ines navigiert uns am nächsten Vormittag in weniger als zwei Stunden ans Ziel. Der Besucherparkplatz ist groß, aber nicht so riesig wie erwartet. Jedenfalls ist er nicht voll. Noch mehr Freude bereiten uns die blauen Himmelsfetzen, die sich hinter den Wolken durchsetzen. Am Ticketschalter von "English Heritage" erhalten wir im Gegenzug zu unserer Mitgliedschaft bunte Festivalarmbänder zum Verkleben. Der erste Weg führt uns ins kleine und gut übersichtliche Museum wo Fundstücke und große Modelle der Anlage ausgestellt werden. Wir nehmen uns Zeit und vertiefen unser bisher gesammeltes Wissen um Stonehenge. Dabei sind es gerade die Wissenslücken und bisher ungelösten Rätsel, die den Ort für uns so besonders machen. Die wichtigsten Eckpunkte möchten wir festhalten:

Stonehenge ist ein prähistorisches Monument aus riesigen Steinen (Megalithen) und zählt zu den bekanntesten und mysteriösesten archäologischen Stätten der Welt. Mehrere konzentrische Steinkreise wurden hier auf unbekannte Weise errichtet. Die schwersten der Steine wiegen dutzende Tonnen und wurden sorgfältig bearbeitet, um sie hier perfekt in Position zu bringen. Eine erstaunliche Leistung war auch der Transport dieser Megalithen, die sowohl aus dem heutigen Wales, als auch aus Schottland stammen. Wie die Menschen es vor über 4000 Jahren geschafft haben, diese tonnenschweren Steine über hunderte von Kilometern zu transportieren, beschäftigt die Wissenschaft bis heute.

Auch die Verwendung von Stonehenge gibt weiter Rätsel auf. Einige Forscher glauben, dass es als Observatorium diente, um den Himmel zu beobachten und die Sonnenzyklen zu verfolgen, während andere es als heilige Stätte betrachten, an der rituelle Handlungen durchgeführt wurden. Vielleicht war es ja beides?

Im Shuttlebus stellen wir zufrieden fest, dass wir während der 3-minütigen Fahrt fast die einzigen Gäste sind. Am gepflasterten Gehweg, der die Besucher einmal um das Monument führt, geht es dann doch etwas belebter zu. Was den Andrang betrifft, hatte ich es mir jedenfalls schlimmer erwartet. Wir marschieren gegen den Uhrzeigersinn und kommen so rasch zu dem Punkt, wo man den Steinen am nächsten ist. Etwas weniger als 10 Meter trennen uns von der imposanten Stätte. Ringsum wird fotografiert und posiert, geknipst und gelacht. Wir beobachten die Vögel, die sich auf den Steinen niederlassen und wieder losfliegen, staunen über die Größe der Monolithen und spüren Sonnenstrahlen an den Wangen. Dann knipsen auch wir unsere Bilder und lassen uns dabei viel Zeit. Die Sonne bleibt ein regelmäßiger Besucher und ist so willkommen, wie Schneeflocken zu Weihnachten. Vom südlichen Bogen des Gehwegs blicken wir tatsächlich auf die nahe Bundestraße hinunter, wo die Autos gerade nur im Schritttempo vorankommen. Ob es an einem Touristen vorne weg liegt, oder die Einheimischen sich an Stonehenge ebenso wenig satt sehen können, erfahren wir vorerst nicht.

Von der Ostseite erhalten wir den klassischen Blick auf das Monument. Hier liegen drei massive Megalithen horizontal (genannt Lintels) auf den senkrechten Sarsensteinen. Erbaut vor mindestens 4500 Jahren. Ohne Lastwägen und ohne Kräne. Wir halten am so genannten "Fersenstein", der außerhalb der Kreise direkt neben dem Gehweg aus der Erde ragt. Von dem 36 Tonnen schweren (!) Megalithen aus kann man zur Wintersonnenwende genau beobachten, wie die Sonne entlang der "Stonehenge Avenue" inmitten der Steinkreise untergeht.

Zufrieden lassen wir uns zurück zum Besucherzentrum bringen, wo wir uns noch ein wenig im Souvenirshop umsehen. Es gibt zwar deutlich mehr zu entdecken als Socken oder Kühlschrankmagnete, aber nichts was uns nachhaltig Freude bereiten würde.

Am Weg zu unserem erhofften Nachtlager, finden wir auch den Grund der Verkehrsstockung heraus. Ein Auto liegt am Rand des Kreisverkehrs am Dach. Wir manövrieren uns am Scherbenmeer vorbei und erreichen bereits 5 Minuten später unser Ziel. Das "Stonehenge Inn" ist das nächstgelegene Pub und bietet Campern Platz in seinen Carpark an. Der freundliche Barkeeper serviert uns, die bisher teuersten Getränke unserer Reise und erzählt uns von einem Konzertauftritt in Österreich, den er mit seinem Orchester hatte. Die klare Nacht verläuft halbwegs ruhig und bringt kalte Luft mit sich.

Am Morgen stoppen wir kurz in Woodhenge, der Nachbarstätte von Stonehenge, die aus Holzpfählen gebaut wurde. Hier gibt es jedoch wenig zu sehen und wir kehren rasch zu einem zweiten Besuch nach Stonehenge zurück. Der Andrang ist abermals überschaubar und wir entscheiden uns diesmal für einen Spaziergang im Uhrzeigersinn. Wie oft, bei einem zweiten Besuch, gelingt es uns heute noch besser, die Landschaft und Umgebung als Ganzes wahrzunehmen. Ines wird von den Touristen als Fernost bestens unterhalten, die sich jeder "Selfie-Challenge" stellen und dabei laufend Kleider und Sonnenbrillen wechseln. Bei mir wirft solch ein Anblick eher Fragen auf, die ich nicht beantworten kann. Nach unserer zweiten Tour erkunden wir (weiterhin zu Fuß) das Gelände nördlich der Steinkreise. Dort gibt es Hügelgräber und vielleicht eine Gelegenheit, die Drohne illegalerweise kurz starten zu lassen. Leider sind die Hügel ebenfalls abgezäunt und bieten nur wenig Sichtschutz. Gerade genug jedenfalls, um ein "kleines Geschäft" zu verrichten. Als ich bereits an einer Geschichte feile, für den Fall dass die Wächter die Drohne entdecken, verdunkelt ein dickes Wolkenband den Himmel. Meine Geschichte voller Unschuld und Unwissenheit bleibt der Welt erspart, die Drohne wird wieder eingepackt.

Am Nachmittag erreichen wir neuerlich einen Campingplatz auf einer Farm. Der junge Landwirt mit knallgelben Dreadlocks, überlässt uns die Platzwahl und versorgt uns mit Jetons für die Waschmaschine und den Trockner. Neben der Wäsche, kümmere ich mich noch um meinen Körper und lege eine Sporteinheit hin. Ines sieht einstweilen den Schafen und Pferden zu, die neben uns genüsslich grasen und widmet sich einem Buch. Wir genießen die angenehme Witterung und sehen unserer Wäsche beim (Rest-)Trocknen zu.

Vom größten Steinkreis zum gesegneten Tiefseetaucher

In der Grafschaft Wiltshire befindet sich nicht nur Stonehenge, sondern weiter nördlich auch der größte Steinkreis der Welt. Mit einem Durchmesser von 427 Metern (!) hat das Monument von Avebury einen Umfang von über 1200 Metern. Insgesamt standen hier 154 Monolithen in kreisförmiger Anordnung. Zählt man die Steinalleen dazu, wurden in unmittelbarer Umgebung knapp 600 der riesigen Steine errichtet. Exakt 36 davon sind noch erhalten. Schlichte Betonpfeiler markieren die nun leeren Stellen. Die Zerstörung wurde ab dem 14. Jahrhundert von der christlichen Kirche angewiesen. Manche Steine wurden schlicht gestürzt und vergraben, während Fragmente anderer Megalithen in der örtlichen Kirche verbaut wurden. Erst in den 1920er Jahren begann der wohlhabende Hobby-Archäologe Alexander Keiller mit Ausgrabungen und kaufte prompt alle verfügbaren Grundstücke der Umgebung, um diese zu schützen. Ihm sind die (teils wieder) aufgestellten Megalithen zu verdanken. Der Steinkreis von Avebury soll übrigens, wie Stonehenge, zumindest 4500 Jahre alt sein und ist in seiner Geometrie sogar noch fortgeschrittener als vergleichbare Monumente.

Am Besucherparkplatz wird uns von einem rüstigen Volontär ein breiter Parkplatz inmitten anderer Busse zugewiesen. Im Besucherzentrum erwartet uns die nächste freundliche Mitarbeiterin. Voller Enthusiasmus markiert sie uns auf der Übersichtskarte alle Highlights und weitere Sehenswürdigkeiten im Umkreis. Erst als die Schlange hinter uns bis nach draußen reicht, entschuldigt sie sich und deutet auf die weiteren Gäste. Der Kontrast zu unserer Heimat ist wiederum offensichtlich, wo uns zumindest 3 gestresste Zwiderwurzen von hinten angeschnauzt hätten. Vielleicht hätte sich die Situation auch gar nicht erst ergeben, da sich die Mitarbeiterin nur widerwillig von ihrem Smartphone getrennt hätte, um uns wortlos eine Karte in die Hand zu drücken. Warum nun Avebury weniger spektakulär und bekannt als Stonehenge ist, offenbart sich rasch. Der Steinkreis ist dermaßen groß, dass er als Ganzes nur aus der Luft erkennbar ist und außerdem bis vor 100 Jahren die kleine Ortschaft in den Steinkreis "hineingewachsen" ist. Mehr als 10 (bewohnte) Gebäude befinden sich darin. Eines davon ist natürlich ein Pub. Das einzige weltweit innerhalb eines Steinkreises. Eigenartig ist auch die Tatsache, das vor weit weniger als 100 Jahren eine Straße mitten durch den Steinkreis verlegt wurde, die gegenwärtig gut befahren ist. Eine weitere Straße für Anrainer kreuzt die Anlage in die andere Richtung, was den Steinkreis in unterschiedliche große Viertel teilt.

So nehmen wir uns Abschnitt für Abschnitt vor und freuen uns über uneingeschränkten Zugang. Anders als in Stonehenge dürfen wir hier jeden Megalithen untersuchen und uns frei durchs gesamte Gelände bewegen. Wir sind von den riesigen Steinen, die bis zu 6 Meter hoch empor ragen ebenso beeindruckt, wie vom noch höheren Erdwall, der um die Anlage errichtet wurde. Jeder Abschnitt ist interessant und so verbringen wir den gesamten Nachmittag neugierig und glücklich in Avebury. Wir werden sogar Zaungäste einer Trauung, die direkt vor einem prächtigen Monolithen stattfindet. "How do you feel, do you think it is the right energy at this stone?" hören wir, die im keltischen Priesterinnengewand gekleidete Zeremonienmeisterin, das Paar fragen. Nach einem Abstecher in die Buchhandlung und den angrenzenden Zauberladen geht es für uns weiter zum Silbury Hill. Dabei handelt es sich um einen der größten menschengemachten Hügel der ganzen Welt. Über 40 Meter hoch mit einem Durchmesser von 167 Meter erinnert der Bau an ein gigantisches Hügelgrab oder eine abgeflachte Pyramide. Tatsächlich wurden im Zuge der Ausgrabungen keine menschlichen Überreste oder Grabbeigaben gefunden. Der Zweck des Hügels bleibt bis heute ungeklärt. Wir spazieren entlang der Umzäunung und finden eine Stelle, wo wir ein Stück näher kommen. Unsere Drohne steigt und sinkt aufgrund ihrer Launenhaftigkeit verfrüht im abgesperrten Gebiet. Ines, die ebenso Verbotsschilder ignorieren kann, läuft schneller los als ich reagieren kann und holt das mürrische Ding zurück.

Unser Nachtlager wird die Postern Hill Campsite, die mitten in einem Wald am Rand von Marlborough liegt. Ein ruhiges Eck mit wenig Nachbarn in Sichtweite wird für die kommenden Nächte unser Zuhause.

Am Morgen bedarf es an Wärme. Der Bus wird kurzerhand in die Sonne gestellt und die Bordbatterie freut sich mit uns. Nur kurz, da innerhalb einer Stunde der Regen zurückkehrt. Als es am Nachmittag trocken wird, spazieren wir hinunter nach Marlborough. Die Stadt wirkt nett und gleichzeitig völlig unspektakulär. Kaffeehäuser, Kleiderläden und Antiquitätenshops dominieren den langgezogenen Hauptplatz. Ins Auge stechen einige Häuser mit Reetdächern, im ansonsten beschaulichen Städtchen.

Die zweite Nacht verläuft noch kühler, als die erste. Die 4 Grad am Morgen, sind beim Anblick des blauen Himmels jedoch gut wegzustecken. Ein Himmel der so bleiben mag. Uns zieht es zurück nach Avebury, wo wir noch zwei weitere Monumente besichtigen wollen. Zuerst sehen wir uns das West Kennet Long Barrow an. Das ist eines der größten zugänglichen Hügelgräber Englands und liegt in Sichtweit des Silbury Hill. Megalithen verdecken wie riesige Wächter den Eingang der Kammern. Dahinter führt ein Pfad ins Innere, wo mehrere Grabnischen sichtbar sind. Es ist eng, dunkel und das Wissen, dass hier Menschen begraben wurden, lassen uns nur kurz verweilen. Lieber schreiten wir den Hügel ab und fahren das kurze Stück weiter nach Avebury. Wir suchen uns einen passenden Monolithen aus, unter dem wir uns niederlassen und ein kleines Picknick veranstalten. Danach geht es zur West Kennet Avenue. Der Name "Avenue" steht für eine 2,5 Kilometer lange Allee aus riesigen Steinen. Etwas vergleichbares haben wir noch nicht gesehen und treten in Fußstapfen unserer steinzeitlichen Vorfahren. Die Zeitreisen im Geist machen uns abermals Freude und regen die Fantasie an. Ob die Menschen der Steinzeit tatsächlich nur in dunkler Fellkleidung oder auch farbenprächtig bekleidet waren, frage ich mich unter anderem. Avebury und seine Monumente wird uns als vielfältig und außergewöhnlich in Erinnerung bleiben.

Die Laune am nächsten Morgen könnte besser nicht sein. Ein wenig blauer Himmel und die Vorfreude auf die kommenden Tage in London sind der Grund. Tracey und Ian, die wir bei Clare in Wales kennenlernen durften, mussten ihre Einladung nur einmal erneuern, bevor wir zusagt haben. Auf das Wiedersehen freuen wir uns sehr. Die Beiden bieten uns die großartige Gelegenheit London zu besuchen, was ich mir ohnehin gewünscht hatte. Mein letzter Besuch in Englands Hauptstadt ist schon länger her und Ines kennt die Stadt noch gar nicht. Morgen sollen wir dort sein.

Dazwischen liegt noch unser Mittagsstopp beim Ludgershall Castle und eine Nacht in Winchester. Vom Castle sind nur mehr ein Turm und einige Grundmauern erhalten. Dafür liegt es ganz hübsch, ist umgeben von einem hohen Erdwall und wir haben den Ort für uns alleine. Am kurzen Rückweg entdeckt Ines vor einem Gartenzaun einen riesigen Haufen Äpfel. "Feel free and take as much as you like" steht auf einem kleinen Schild daneben. Obwohl uns in den vergangenen Wochen bereits mehrmals gehäufte Äpfel am Straßenrand aufgefallen sind, bedienen wir uns heute erstmals. Nachdem wir unseren Gastgebern am nächsten Abend einen Kaiserschmarren aufwarten wollen, kommen uns die Früchte ohnehin gelegen.

In Winchester erhalten wir den letzten Platz in dem zentrumsnahen Carpark, der 4 ausgewiesene Plätze für Wohnmobile bietet. Das Bezahlen funktioniert erfreulicherweise mit Bargeld und unsere neuen Nachbarn aus Belgien haben eine weitere Überraschung parat. Sie brechen auf und schenken uns ihre wiederverwendbaren Tickets für die Kathedrale. Den Besuch planen wir für den nächsten Morgen und lassen uns beim Abendspaziergang durch die historische Stadt treiben. Winchester ist die erste und somit ehemalige Hauptstadt Englands und beherbergt eine sehenswerte Altstadt. Festungsmauern, Stadttore, Denkmäler und Fachwerkshäuser pflastern unseren Weg. Uns gefallen ohnehin Städte, die man großteils zu Fuß erkunden kann. Winchester gehört definitiv dazu.

Am Vormittag geht es für uns ins riesige Gotteshaus. Der langgestreckte Hauptteil der Kathedrale, genannt Langhaus, ist der größte in ganz Europa. Viele Details offenbart der Boden, wo Grabplatten aneinandergereiht sind. Das bekannteste Grab gehört der britischen Schriftstellerin Jane Austen, die hier 1817 beigesetzt wurde. Kurioserweise wurde auch einem Tiefseetaucher ein Denkmal gewidmet. Als vor 120 Jahren massive Risse am wassergetränkten Fundament entdeckt wurden, beauftragte man William Walker, der mit seiner Taucherausrüstung 6 Jahre lang täglich (!) Säcke voll Beton platziert hat und so die Kathedrale vor größeren Schäden bewahrt hat. Der Chor, die Orgel und die begehbare Krypta sind für Enthusiasten sicherlich weitere Highlights.

Durch strömenden Regen wandern wir weiter zu den Ruinen des ehemaligen Bischofsitz, dem Wolvesey Castle. Dort ist bei den wenigen Überresten der 800 Jahre alten Anlage wieder viel Fantasie gefragt. Ein Besuch, auf den man auch bei Schönwetter verzichten kann. Entlang der alten Stadtmauer sticht mir ein ungewöhnliches Verbotsschild ins Auge. Wir befinden uns in einer "Alcohol Control Zone". Dem Schild zu entnehmen, handelt es sich um kein generelles Verbot. Hier muss ein Trinkender (wenn er erwischt wird) sein Gebinde dem langen Arm des Gesetzes aushändigen, wenn er keine Strafe zahlen möchte. Ob das Verbot Wirkung zeigt, oder die Besenkammer des Polizeireviers in Bierkisten untergeht, werden wir nicht herausfinden. Es bleibt kurios in Winchester, während es für uns an der Zeit wird aufzubrechen. Die Stadt hatte die undankbare Aufgabe, als "Lückenfüller" zwischen den erlebten Highlights rund um die Steinkreise und den kommenden Highlights in London zu dienen und hat ihre Sache äußerst gut gemacht. 

Die knapp 100 Kilometer Strecke bis an den Stadtrand von London verlaufen unspektakulär. Am Weg kaufen wir noch die restlichen Zutaten ein, um unseren Gastgebern Tracy und Ian am Abend die österreichische Spezialität zu servieren. Während Chefköchin Ines natürlich die Hauptverantwortung trägt, wird es an mir liegen, die Speise anzupreisen und gscheit daherzureden. Diese Aufgabenteilung ist nicht ungewöhnlich und sollte uns jedenfalls gelingen. Im besten Fall finden sie es "wonderful". Während Tracy uns an der Haustüre bereits winkt, freuen wir uns auf den fluffigen Geschmack der Heimat, gute Gesellschaft und die Tage in London.

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Kommentare: 3
  • #1

    Katrin (Dienstag, 04 November 2025 09:05)

    Toll! Ein Foto vom Kaiserschmarren fehlt noch �.

  • #2

    Birgit+Hari (Freitag, 07 November 2025)

    Danke für den weiteren tollen Bericht über die Geschichte Englands und den mystischen Steinkreisen. Wieder so gut geschrieben mit wunderschönen Bildern, wo man sich alles gut vorstellen kann. Wir haben kurz den Kontinent gewechselt und sind mit euch mitgereist ;-)sind gespannt wie es weiter geht :-)

  • #3

    JoXE (Montag, 10 November 2025 11:32)

    Ohne wirklich physisch bei eurer Reise dabei gewesen zu sein fühlen und spüren wir beim Lesen eure Begeisterung und Freude an den Erkundungen der vielfältigen Natur und Monumente des Landes und deren Bewohner.
    Besonders Xenia, die das Land von ihren Gartenreisen schon lieben gelernt hat, würde sich freuen mehr Eindrücke davon zu bekommen. Sie droht mir schon mit einer Reise dort hin. ��
    Big Hug

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