London calling
Tracy verhält sich bei unserem Wiedersehen besonders "gschaftig" und führt uns nach einer kurzen Umarmung im Eiltempo durchs Haus. Sie gesteht, dass sie ein wenig nervös ist, weil sie noch nicht weiß, wie ihr Mutter auf uns reagieren wird. Bereits in Wales, hat Tracy uns erzählt, dass sie ihre Eltern zu sich nach Hause geholt hat, nachdem ihre Mutter an Demenz erkrankt ist. Ihr Briefing ist gut gemeint und ich sehe der Begegnung entspannt entgegen. Ich habe die Krankheit in meiner Familie erlebt und kann einigermaßen nachvollziehen, welche Mühen der Alltag der Angehörigen und Pflegenden mit sich bringt.
Das Kennenlernen mit Tracys Mutter Kay verläuft bestens. Sie bietet uns Tee an, singt ein kurzes Ständchen, hat Freude mit meinem Zöpfchen und wirkt durchwegs erfreut über unseren Besuch. Tracy fällt ein Stein von Herzen und schlagartig füllt eine angenehmere und entspannte Atmosphäre das Zuhause.
Ein guter Zeitpunkt für Kaiserschmarrn also. Unsere Gastgeber haben an der leckeren Nachspeise mindestens so viel Freude wie ich und schöpfen ordentlich nach. Dabei dringt eine seltsame Geschmacksnote an meinen Gaumen. Dass Haubenköchin Ines schon besseren Kaiserschmarrn gezaubert hat, erwähne ich nicht. Ian mixt uns danach noch Drinks und wir lassen uns einige Tipps für den kommenden Tag in London geben. Eine Hürde gibt es tatsächlich. Just zu unserer Ankunft, haben die U-Bahn Fahrer von London zum Streik aufgerufen. Keine absolute Seltenheit: "That happens every second year" erklärt Ian, um im Nachsatz noch ein wenig auf die gierigen Gewerkschafter zu schimpfen. Bis ins Zentrum nach Waterloo kommen wir jedenfalls mit der S-Bahn, danach sind wir auf unsere Füße und eventuell auf den Bus angewiesen.
Vor dem Schlafengehen, als ich längst nicht mehr daran denke, offenbart mir Ines schmunzelnd ihren Fauxpas. Die Meisterin im Umgang mit Zutaten hat das Olivenöl verwechselt und dem Kaiserschmarrn stattdessen unabsichtlich einen Schuss Knoblauchöl verliehen. Mit einem Lächeln fallen uns die Augen nach dem langen Tag zu.
Zeitig machen wir uns auf den Weg ins Stadtzentrum. Das Tagesticket für alle Verkehrsmittel kostet jeweils knapp 17 Pfund und wird von echten Menschen hinter einem Schalter verkauft. Bravo!
Von der Waterloo Station spazieren wir zur Southbank, vorbei an den Menschenmassen die sich vor dem London Eye anstellen und weiter zur nahen Westminster Bridge, die direkt zum gleichnamigen Palast und dem Big Ben führt. Die Sonne lässt das Gold am Wahrzeichen ordentlich leuchten, während die Themse unter uns unappetitlich braun dahinfließt. Dahinter steht die Westminster Abbey, die wir besuchen wollen. Bevor wir uns selbst in die Menschenmassen stürzen, erleben wir etwas besonders "wildes". Ein ausgewachsener Fuchs huscht vor unseren Augen durch den Park der Abbey. Mitten im Herzen von London, wo genauso viele Menschen leben wie in ganz Österreich, wo nie Stille einkehrt und Bäume Mangelware sind, hat Mister Reineke eine Nische gefunden. In der Westminster Abbey gefällt es uns so lange, bis wir den vielen Besuchern überdrüssig werden und durch den St.James Park über das erste Herbstlaub zum Buckingham Palace weiter marschieren. Ines füttert ein Eichhörnchen am Weg und beobachtet wenig später mit mir und hunderten anderen Touristen die Wachen vor dem Palast. Eine Wachablöse findet nicht statt, aber immerhin erleben wir die Wachen in Bewegung. Nach einer Tour auf die Spitze des Wellington Arch, kehren wir in einem Café im Hyde Park ein und ziehen ein erstes Fazit. Trotz der unglaublich vielen Menschen ringsum macht es richtig Spaß, durch London zu streifen und sich den Sehenswürdigkeiten im eigenen Tempo zu widmen. Die nächste Attraktion ist eine Fahrt im roten Doppeldeckerbus, der uns zum Piccadilly Circus bringt. Dort angekommen werfe ich einen Blick auf die ikonischen Werbetafeln, um zu sehen was gerade hip ist in London (und somit sonst wo in der westlichen Welt). Nach Reklamen, die vor aufgespritzten Lippen und monströsen Augenbrauen fast übergehen, rettet mich der gute alte Johnny Depp mit Schnauzbart in seiner Parfüm Werbung. Die Welt ist also noch ein wenig in Ordnung. In einem Shop in der Regent Street müssen wir dann unfreiwillig ausharren. Während draußen Blitz und Donner toben und die Welt in Regen untergeht, blicken wir uns (wie mindestens 30 weitere Passanten) im schicken Geschäft um. Es handelt sich um einen Yoga Shop im aller obersten Preissegment. Ein bisschen Stoff um den Hintern kostet 300 Pfund aufwärts. Ich muss schmunzeln und finde immerhin Socken, die um einen zweistellig Betrag zu haben sind. Wir trotzen dem Regen und erreichen weniger später die Oxford Street, wo ich mich bereits auf mein besonderes Highlight freue. Den offiziellen NBA Store von London. Auf drei Stockwerken werden hier nicht nur Fanartikel meiner liebsten Sportart verkauft, sondern auch interessante Stücke ausgestellt. So kann ich meinen Handabdruck mit dem von Steph Curry vergleichen und stelle fest, dass bei fast identischen Abdruck lediglich sein Daumen größer ist als meiner. Ines geduldet sich fast eine Stunde, bis ich bereit bin unsere Tour fortzusetzen. Es geht durch Soho und Chinatown in den Covent Garden, wo wir einem heiteren Straßenkünstler bei seinen akrobatischen Einlagen zusehen und durch die alten Hallen streifen. Ines Magen knurrt bereits ein wenig. Ein Knurren, das rasch besänftigt gehört. Dabei gehen wir auf Nummer sicher und suchen einen Italiener. Keine Schwierigkeit in der Gegend, ganz im Gegenteil. Wir folgen der Binsenweisheit und entscheiden uns für das unscheinbarste Lokal, das gleichzeitig am besten besucht ist. "Pizza Pilgrims" heißt der Laden wo uns zwei duftende Teigfladen serviert werden. Nachdem an den Wänden unter anderem signierte Bilder von einigen Hollywood Schauspielern beim Lokalbesuch hängen, hegte ich die Vermutung dass hier was Leckeres gebacken wird und werde nicht enttäuscht. Was Aquaman schmeckt, schmeckt uns ebenso. Über die Golden Jubilee Bridge geht es zurück zur Waterloo Station und wieder nach Surbiton. Ein erfolgreicher Tag in London liegt hinter uns. Wir haben uns viel angesehen, sind fast ausschließlich zu Fuß unterwegs gewesen und dabei fast trocken geblieben. Dabei sorgt Kay für eine besonders heitere Einlage. Nachdem ihr Ines gesteht, noch ein wenig zu frösteln, schnappt sie ihre Hand und führt sie zielstrebig zu ihrem eigenen Busen. "Oh, it's always warm and lovely here, isn't it?" sagt Kay während sie Ines Hand fest an sich reibt. Tracy fällt vor Scham fast in Ohnmacht bevor sie lautstark lachen muss. Wir lachen mit ihr und Kay ist ohnehin zufrieden mit ihrer Soforthilfe. Am Abend lassen wir den Tag mit Tracy und Ian Revue passieren. Nachdem sich Tracys Mutter nicht nur an uns erinnern kann, sondern uns offensichtlich auch mag, bieten uns Ian und Tracy an, gerne noch länger bleiben zu können. Ihre anfängliche Sorge um die Situation mit ihrer Mutter hat sich gelegt und obwohl die beiden am nächsten Tag übers Wochenende nach Manchester aufbrechen, dürfen wir gerne auch in ihre Abwesenheit verweilen. Wir freuen uns sehr und sind dankbar, einen weiteren Tag in London verbringen zu können.
Am Morgen bedanken wir uns nochmals bei Tracy und Ian, wünschen ihnen eine gute Reise und brechen wieder ins Stadtzentrum auf. Von der Waterloo Station geht es diesmal in die andere Richtung, über die Themse, quer durch London hinauf zum British Museum. Das älteste Museum der Welt ist gleichzeitig auch das größte und umfangreichste der Welt. Mehr als 8 Millionen Werke werden dauerhaft ausgestellt und von jährlich knapp 6 Millionen Besuchern bestaunt. Zu den bekanntesten Stücken zählen unter anderem der Stein von Rosetta (der die Übersetzung der Hieroglyphen ermöglichte) und die Elgin Marbles (die dem Parthenon in Athen entnommen wurden). Darauf und auf weitere unzählbare Schätze aus der Antike freuen wir uns, als wir nach einem dreiviertelstündigen Fußmarsch in der kurzen Warteschlange stehen. Nachdem der Eintritt wiederum kostenlos ist, müssen wir unsere Rücksäcke nur durch den Scanner laufen lassen und stehen schon mittendrin. Trotz Übersichtskarten an den Wänden fühlen wir uns in der ersten riesigen Halle bereits etwas verloren. Den Horden aus chinesischen Reisegruppen und den unzählige Schulklassen, die einen guten Teil der 16.000 Tagesbesucher ausmachen, gilt es jedenfalls bestmöglich auszuweichen. Eine "Mission Impossible", wie sich herausstellen soll. So überspringen wir das alte China und die Sammlung aus Ozeanien, um mehr Zeit dem alten Ägypten und den Babyloniern zu widmen. Die Plätze vorne an den Vitrinen muss man sich auch dort erkämpfen. Es zahlt sich jedenfalls aus und ein Saal ist spektakulärer, als der andere. Genauso wie über die Schätze Ägyptens, staunen wir über die Schätze Mesopotamiens. Eine Keilschrifttafel der Assyrer aus dem 7. Jh. v. Chr. erzählt die biblische Geschichte der Sintflut bereits viel früher, als es die Bibelschreiber tun bzw. bevor sie die Erzählung übernommen haben. Auch die (bisher bekannte) erste Landkarte der Welt stammt aus Babylon und wurde im selben Zeitraum auf einer handgroßen Tontafel verewigt. Als wir die filigran gearbeiteten Keilschrifttafeln ausgiebig studiert haben, kämpfen wir uns zurück ins Erdgeschoss, wo die wertvollsten Stücke ausgestellt werden. Meterhohe tonnenschwere Statuen von Ramses II. oder Sekhmet, sowie der berühmte Stein von Rosetta warten dort. Um die ikonische schwarze Steintafel zu sehen, muss ich mich durch sämtliche Reihen von Menschen quetschen und bin danach trotzdem glücklich, es getan zu haben. Bei einer anderen ägyptischen Statue geht es mir umgekehrt. Während ich einen Moment alleine vertieft an der Vitrine hänge, umschlingt mich ein lauter, hektischer und enger Menschengürtel aus dem fernen Osten. Warmer Atem, laute nasale Töne, Schultern, Hände und Kameras umringen mich von drei Seiten. Ein Zentimeter noch und ich werde assimiliert. Fluchtartig trete ich einige Schritte zur Seite. Die gefühlt 100 Chinesen waren doch nur 20. Die völlige Abwesenheit von Geduld oder Rücksichtnahme auf den persönlichen Raum stößt mir bei jeder Begegnung mit Menschengruppen dieses Kulturkreises wieder vor den Kopf.
Nachdem wir vor drei Jahren im neuen Akropolis Museum in Athen, die fehlenden Steine des Parthenon vermisst haben, sehen wir uns auch die originalen Marmorstatuen an, die der damals britische Botschafter Lord Elgin im frühen 19. Jahrhundert vom Fries entwendet hat, um sie nach England zu bringen. Die Griechen fordern eine Rückgabe, während die Engländer damit argumentieren, dass die wertvollen Kunstwerke überhaupt nur durch ihre Obhut erhalten geblieben sind. Ein kontroverses Thema jedenfalls.
Nach den vielen Stunden im Museum, die keinesfalls nur annähernd ausreichen, um sich alle Werke anzusehen, zieht es uns zurück an die frische Luft. Im Covent Garden haben wir am Vortag bereits eine Schaubäckerei entdeckt, die unverschämt teure wie leckere Sachen anbietet. Wir sputen uns und erreichen das Lokal gerade rechtzeitig bevor ein weiterer Wolkenbruch London unter Wasser setzt. Unter riesigen Schirmen, die jeweils mit willkommenen Heizstrahlern bestückt sind, nehmen wir Platz und treffen unsere Wahl. Das Ambiente könnte gemütlicher sein, aber der Kaffee samt Süßspeise ist seine üppigen Pfund wert. Eine ersehnte Regenpause nutzen wir, um wieder zur Southbank zu gelangen und bei Tageslicht die Rückreise in unseren ruhigen Außenbezirk anzutreten.
Zum ständigen Regen, der uns seit Wochen treu begleitet, nagen mittlerweile auch die Temperaturen in der Nacht merklich an unserem Gemüt. Wir verbringen großartige Stunden unter Tags und frieren uns am Abend im sonst bequemen Bus zunehmend den Hintern ab. Es wird langsam Zeit, England zu verlassen und auf der anderen Seite des Ärmelkanals die letzten Sonnenstunden des meteorologischen Sommers zu suchen. Davor erleben wir einen herzerwärmenden Abschied von Tracys Eltern. Tracys Mutter bittet Ines zu einem Tänzchen, während ihr Mann mir eine handgeschriebene Liste mit sehenswerten Orten entlang der Ostküste Englands in die Hand drückt. Zwei wunderbare und gastfreundliche Menschen, die wir vor Tagen noch nicht kannten, winken uns zum Abschied.
Goodbye England, it was a pleasure!
Wir legen Mittags einen Stopp im Down House ein, dem Haus in dem Charles Darwin samt Familie sein Leben verbracht hat und das mittlerweile ein interessantes Museum beherbergt. Leider sind in sämtlichen Räumlichkeiten, die großteils originalgetreu erhalten sind, Fotografien verboten. Uns gefallen die Räume und Ausstellungsstücke gut und der Besucherandrang hält sich an diesem Tag ebenso in Grenzen. Im weitläufigen Garten statten wir dem gut erhaltenen Gewächshaus einen Besuch ab, wo der revolutionäre Denker seine Theorien mit der Praxis verknüpfte und noch allerhand Botanisches zu entdecken ist.
Am Abend machen ein paar grölende Teenies den Stellplatz unsicher, an dem wir uns zum Übernachten eingerichtet haben. Ihr Übermut wird dankbarerweise von heftigen Regen und kalten Temperaturen rasch vertrieben und wir verbringen eine halbwegs erholsame Nacht.
Unser vorletzter Stopp in England wird Canterbury. Dort gibt es am Stadtrand einen Stellplatz, der Wohnmobilen vorbehalten ist und in dessen Gebühr ein kostenloser Shuttle-Service ins Zentrum enthalten ist. Den nutzen wir und vertreten uns zwei Tage hintereinander die Füße in der historischen Stadt. Obwohl imposant, verzichten wir auf die Hauptattraktion und entscheiden uns dagegen, die gefühlt 50. Kathedrale Englands zu besuchen. Lieber verbringen wir die Zeit in den kleinen Second-Hand Bücherläden, Kaffeehäusern und der archäologischen Stätte der St. Augustine's Abbey. Ein letztes Mal streifen wir zwischen den Fachwerkshäuser durch und bekommen sogar ein paar Sonnenstrahlen ab. Die roten Ziegeln und die Backstein-Architektur wird uns fehlen.
Am Abend buchen wir das Ticket für die Überfahrt nach Frankreich mit gemischten Gefühlen. Die Menschen haben uns auf der Insel so herzlich empfangen und die englischsprachige Welt war uns offen und so vertraut, wie eine zweite Heimat. Wir haben wunderschöne Orte besucht, die es sonst nirgends auf der Welt gibt und eine Insel entdeckt, die trotz ihrer dichten Bevölkerung noch grün und wild geblieben ist. Zu alten Freundschaften sind neue dazugekommen, die wir gerne pflegen werden. Als vielfältig, voll großartiger Architektur und mystischen Orten würden wir England und Wales beschreiben, wenn uns jemand fragt. Eine Reise, die wir so jederzeit wieder antreten würden.
Gleichzeitig hatte uns seit Juli das unstete Wetter, dass tatsächlich unterdurchschnittlich kühl ausgefallen ist stets im Griff und somit auch immer wieder unsere Route beeinflusst. Nächte knapp über dem Gefrierpunkt haben wir uns Anfang September nicht vorstellen können. Als hätte sich der Golfstrom einfach eine zweimonatige Pause gegönnt. Das freie Stehen mit unserem Bus und das Campen an sich war weitaus schwieriger und empfindlich teurer, als am europäischen Festland. Die Auswahl an Plätzen lässt zu wünschen übrig und für die saftigen Preise erhält man oft nur einen legalen Parkplatz oder ein Fleckchen Wiese am Rande einer Farm. Somit gibt es Dinge, auf die wir uns am Festland durchaus freuen.
Den letzten vollen Tag verbringen wir in Dover, der Hafenstadt ganz im Osten Englands. Neben den weißen Klippen ist das Dover Castle dort die Attraktion schlechthin. Die Sonne zeigt sich nochmal und wir erkunden drei Stunden lang das alte Gemäuer und seine prunkvollen Räume. Oben von der Burg aus erkennen wir die Küstenlinie Frankreichs am Horizont und beobachten wie eine Fähre nach der anderen im Hafen einläuft. Auf die Bunker und Wehranlagen aus dem zweiten Weltkrieg verzichten wir und fahren weiter auf einen überraschend hübschen Campingplatz, der nur einige Kilometer weiter nördlich liegt. Wer in England ankommt und seine erste Nacht hier am Hawthorn Campground verbringt, reist womöglich mit zu hoher Erwartungshaltung weiter. Wir freuen uns über große Parzellen und einen sauberen Sanitärblock mit warmen Wasser.
Der Wecker läutet uns vor dem Sonnenaufgang aus dem Bett. Es regnet zum Abschied. Somit wird es auch kaum heller, als wir eine dreiviertel Stunde später am Hafenterminal ankommen. Der Check-In samt Zollkontrolle verläuft zügig und über eine gewaltige Rampe landen wir abermals im Bauch eines Frachtschiffes. Wir verlassen England genauso, wie wir es erreicht haben.
Belfriede , Wellness und ein Wiedersehen am Heimweg
Knapp 90 Minuten später verlassen wir bereits den Hafen von Calais und wollen noch einige Kilometer machen, bevor wir uns für einen der möglichen Stellplätze entscheiden. Es geht zwei Stunden durch Französisch-Flandern bis in die Stadt Bethune. Ein Stück blauer Himmel grüßt uns höflich und es ist tatsächlich spürbar wärmer als in England. Dem Gemüt tut es richtig gut, erstmals seit Wochen die Jacken im Bus zurückzulassen. Bei unserem Spaziergang streifen wir ein Wahrzeichen der Region, das uns bisher nicht bekannt war. Es handelt sich um einen "Belfried" (frz. "Beffroi") und bezeichnet einen hohen frei stehenden Glockenturm. Der vor unserer Nase gibt zur vollen Stunde eine interessante fremdartige Melodie von sich und gehört mit seinen 33 Metern Höhe zu den kleineren Exemplaren. Den Namen finde ich jedenfalls amüsant und stelle mir vor, einer Tante Elfriede aus Belfast (die Irgendjemand bestimmt hat) sicherlich den selben Kosenamen zu verleihen. Die Nacht verbringen wir aufgrund der wiedergewonnen Auswahl an Plätzen nicht in Bethune selbst, sondern einige Kilometer weiter südlich auf einem ruhigen Wanderparkplatz.
Am nächsten Tag geht es weiter nach Arras, wo wir ausgiebig durch die Stadt spazieren, weitere Belfriede entdecken und auch die Nacht verbringen. Der letzte Auftritt des Sommers folgt am nächsten Tag. Nach einer längeren Etappe erreichen wir die Kleinstadt Corbeny rund 150 nordöstlich von Paris gelegen. Der Stellplatz der Gemeinde befindet sich idyllisch an einem Teich, wo Einheimische um die Wette fischen. Der Thermometer kraxelt auf unglaubliche 26 Grad empor. Solch Witterung, war uns zuletzt vor über zwei Monaten vergönnt. Ein wenig absurd kommt es uns doch vor, dass wir zwei Wärmeliebhaber gänzlich auf den Sommer verzichtet haben. Bei einem kalten Getränk lassen wir uns die Sonne auf den Bauch scheinen und siehe da: unsere Transpiration funktioniert noch! Es sollte bei diesem einen Tag bleiben. Als wir am Sonntagmorgen dem Bäcker von Corbeny einen Besuch abstatten wollen, stehen wir vor verschlossener Tür. Fies und widerwärtig grinst uns von der gegenüberliegenden Straßenseite einer der unzähligen Pizza-Automaten an, die in Frankreich so weit verbreitet sind. Bereits im Frühling sind uns die plumpen Kästen aufgefallen, die der heiligen Flade definitiv keine Ehre machen. Drei Minuten benötigt das Ding, um eine Pizza warm zu machen und nur 30 Sekunden, um sie für den Transport einzufrieren. Eine ganz unverzichtbare App gibt es dazu obendrein. Was eventuell Teenies "nice" finden, darauf können wir gerne verzichten. Die restlichen Tage, die uns immer weiter nach Südosten führen sind abermals kühl und regnerisch. In Reims halten wir, um uns die imposante und geschichtsträchtige Kathedrale anzusehen und verbringen die Nacht am Rande der archäologischen Stätte von La Cheppe. In den Vogesen, ein Mittelgebirge im Osten Frankreichs nutzen wir bei niedrigen einstelligen Temperaturen die Annehmlichkeiten eines Campingplatzes, bevor wir unsere letzte Nacht bei Mulhouse, nahe der Deutschen und Schweizer Grenze verbringen. Ines hatte während der verregneten Tage die wundervolle Eingabe, bei unserer Rückkehr nach Österreich Komfort und Wärme zu tanken. So nutzen wir erstmals seit Jahren wieder unsere private Zusatzversicherung und lassen uns drei Tage Aufenthalt in einem noblen Wellnesshotel am Bodensee spendieren. So können wir auch die Tage überbrücken, bis unsere lieben Freunde aus dem Ländle Magdalena und Rene uns empfangen können. Wir haben die beiden seit über zwei Jahren nicht mehr in Echt gesehen und freuen uns besonders auf das Treffen mit den zwei Weltenbummlern, die erst Mitte des Jahres von ihrer über 5-jährigen Weltreise nach Vorarlberg zurückgekehrt sind.
Die Schweiz durchqueren wir diesmal ohne Zwischenfall und erreichen Österreich fast exakt 8 Monate nach unserer Abreise wieder. Nach den überwiegend kühlen letzten Wochen überwiegt durchaus die Freude und durch die leichte Sprachbarriere fühlen wir uns ohnehin noch nicht ganz daheim. Wobei wir "daheim" ja ohnehin anders definieren. Unser "daheim" schaffen wir uns ja gegenseitig und unser Bus bietet uns ein mobiles Dach über dem Kopf.
Den verlassen wir nun und stehen, aus Mangel an einer Reisetasche, mit unseren Rucksäcken und zwei Stoffsackerln an der Rezeption des feinen "Mental-Spa-Resorts".
Drei Tage lang lassen wir es uns gut gehen, fürstlich bekochen und bedienen. Ines bin ich die Kochpause besonders vergönnt, nachdem sie die letzten Monate fast unentwegt auf kleinem Raum zaubern musste. Jeden Tag schwimmen wir unzählige Längen im Indoor pool, schwitzen kurz in der Sauna und länger im Fitnessraum. Was die anderen Hotelgäste betrifft, fällt uns auf, dass viele Paare beim Essen kaum bis gar nicht miteinander sprechen. Geschweige denn ihre Speisen gegenseitig kosten oder miteinander lachen. An den Tischen, wo geredet wird, hören wir oft Genörgel. Wir fühlen uns ein wenig, wie glückliche "Außerirdische" die dankbar für soviel Luxus sind. Auch unser Bus passt so gar nicht zu den noblen Karossen die am Hotelparkplatz verkehren, was mir durchaus gefällt.
Unser absolutes Highlight folgt danach mit dem Wiedersehen unserer Freunde, die keine dreiviertel Stunde entfernt wohnen. Es ist mittlerweile Herbst und der sieht schön aus in Vorarlberg. Auch wenn's frisch ist, wecken die Berge rings um die Strecke nur positive Assoziationen. Der Sonnenschein passt jedenfalls zu unserem Wiedersehen. Niemand den wir kennen, kann sich im Moment wohl besser in uns hineinfühlen, als Magdalena und Rene. Es gibt jeweils soviel zu erzählen, dass uns der Gesprächsstoff an den kommenden Tagen nie ausgeht. Wir ziehen gemeinsam Fazit über das Erlebte, unternehmen gemeinsam Spaziergänge, kochen und backen miteinander und dürfen ein wenig in ihren neuen Alltag eintauchen. Zu unserer Überraschung packen uns die beiden am letzten Tag ein und unternehmen mit uns einen Ausflug ins nahe Liechtenstein. Es ist das 11. Land, das wir dieses Jahr bereisen dürfen und haben die wohl besten Guides an unserer Seite. Obwohl Renes alter Kumpel, der Fürst von Liechtenstein, kurzfristig die Audienz absagen muss, verbringen wir schöne sonnige Stunden im kleinen Alpenland. Auch ein Rundgang durch Feldkirch geht sich danach noch aus, das uns ebenso gefällt. Nach der gemeinsamen Woche, die wie im Flug vergeht, fällt uns der Abschied schwer. Wir wissen nicht, wann und wo wir uns das nächste Mal begegnen werden. So lange wie zuletzt, wird es jedenfalls nicht dauern. Nach einer herzlichen Verabschiedung treten wir die letzte Etappe unserer Reise an. Wir brechen auf nach Bayern, wo uns abermals zwei liebe Freunde übers Wochenende eingeladen haben. Es wird unser letzter Stopp werden, bevor wir uns und dem Bus in wenigen Tagen eine Verschnaufpause in der Heimat gönnen.












































































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Ursula Etzlinger (Mittwoch, 10 Dezember 2025 18:54)
So schön was ihr erleben könnt. Danke fürs schildern eurer Eindrücke. London habe ich Gott sei Dank noch nicht mit soooo einer Masse von Menschen erlebt, wie ihr es schildert. Ich hatte mir damals im Museun die Tutanchamun Ausstellung angesehen. War sicherlich früh vor dem Museum und da waren noch kaum Menschen die eine Warteschlange geboldet hätten, aber damals war ich schon sehr erstaunt als ich nach Stunden heraus kam, die Warteschlangen vor dem Museum zu sehen. Es waren damals schon so Schlangenzäune aufgestellt. In Österreich hatte ich zu dieser Zeit so etwas vor einem Museum noch nie gesehen.
Wünsche euch für eure weiteren Reisen weitere schöne Eindrücken und neue Freundschaften. Alles Liebe Ula und Josef
Ula (Mittwoch, 10 Dezember 2025 19:02)
Ich hoffe ihr schreibt eure Erlebnisse von weiteren Reisen und berichtet uns!
Alles Liebe Ula
Joxe (Sonntag, 14 Dezember 2025 02:14)
„Der Doppelte Regenbogen“
Mit euren Schilderungen der Erlebnisse, so wie ihr sie empfunden und gespürt habt, und jetzt noch untermalt von den schönsten Fotos, ist es so richtig schön nachzuempfinden.
Kurz gedrückt und schon wieder am Weg in den Süden. Hoffentlich wärmt euch dort die Sonne wieder. Big Hug����♥️�♥️�♥️
Xandi (Dienstag, 20 Januar 2026 20:28)
Schön das ihr eure drei Tage Luxus genießen konntet � ihr macht das aber großartig in eurem Bus!! �