Frohe Weihnachten und ein herzlicher Empfang
Vier marode Laternen genügen um den kleinen Kai am Hafen von Kissamos zu beleuchten. Ringsum ist es stockdunkel, als wir kurz vor Mitternacht die Fähre verlassen und knapp außerhalb der Stadt unseren Schlafplatz finden. Am Morgen weckt uns naher Lärm aus dem Träumen. Knapp 50 Meter neben uns, wo gestern Abend die Dunkelheit in ihrer vollkommensten Form gewirkt hat, eröffnet sich unseren Augen eine Baustelle, an der fleißig gehämmert und verladen wird. Auch deshalb wählt man, wenn es möglich ist, seinen Nächtigungsplatz bei Tageslicht. Ein wenig verwundert, dass am 24. Dezember so emsig gewerkt wird, wollen wir in Kissamos unser Glück auch gleich bei einer Bäckerei versuchen. Tatsächlich sind die Läden geöffnet und wir steuern bei strahlendem Sonnenschein unserem ersten richtigen Stellplatz auf Kreta entgegen. Von dem schattigen und leicht verdreckten Plätzchen am Meer sind wir jedoch weniger angetan und versuchen unser Glück woanders. Auf der zweiten Halbinsel im Nordosten Kretas befindet sich ein kleiner malerischer Strand, der mit ein wenig Glück besser passt. Eine dreiviertel Stunde später rollen wir die steile Rampe hinab in Richtung Bucht und freuen uns unmittelbar über den Ausblick. Das Meer funkelt uns türkisfarben entgegen und außer einem Kleinwagen, der wohl zu den beiden grauen Köpfen vorne im Wasser gehört, ist offensichtlich niemand hier. Ein Volltreffer! Auf einer erhöhten Felskante, wo zwei ausrangierte Boote lagern, schaffen wir uns ein ebenes Plätzchen. Bevor wir selbst ins Meer hüpfen, erkundige ich mich bei dem Paar ob es in Ordnung sei, hier ein wenig länger zu verweilen. "Yes, that will be okay during winter. In summer the locals won't be too happy for sure" erwidert mir Phil, in seiner Muttersprache Englisch. Seine deutschstämmige Frau Beate und er leben seit über 30 Jahren hier und wirken beim Plaudern irrsinnig nett. Den beiden wünsche ich gerne meine neueste Grußformel "Kali Chronia", die mir der Steward auf der Fähre beigebracht hat und was sowohl ein "Frohes Fest", als auch ein "Gutes neues Jahr" bedeutet.
Dann haben wir den Strand, das Meer und alles rundherum für uns alleine. An dem bisher wärmsten Tag der letzten Wochen, schwimmen wir eine Runde in der Bucht und lassen uns in danach von der Sonne wieder wärmen. Kein Trubel und keine Verpflichtungen - ein fantastischer Weihnachtsnachmittag. Nachdem wir unseren Familien und Freunden Weihnachtsgrüße und ein wenig von dem Sonnenschein weiterleiten wollen, machen wir etwas Ungewöhnliches und Posieren für ein Foto. Es ist nicht so schwer hinzukriegen, das Handy irgendwo zu fixieren, aber uns wohl doch zu mühsam, um es öfter zu machen. Jedenfalls haben wir unseren Spaß, bilden einen lebenden Weihnachtsstern und posieren als Baum. Bis auf eine kleine Herde neugieriger Ziegen, verirrt sich tatsächlich niemand mehr an die Bucht.
Ines ist dieser Tage nicht zu überbieten und kreiert uns am Abend eine Pizza im Omnia Backofen, während meine romantische Antwort ein Form eines Lagerfeuers gezündet wird. Im Flackern unseres Weihnachtsfeuers findet auch unsere Bescherung statt. Ines erhält (sehnsüchtig vermisste) flauschige Hauspatschen in schrillem Pink mit modischen Kusslippen-Muster, während ich einen (ebenso oft gewünschten) Raumthermometer zum Aufhängen bekomme. Jeweils ein Volltreffer, der dem Anderen ein Lachen ins Gesicht zaubert. Wie wenig es doch braucht, dem richtigen Partner eine Freude zu bereiten. Dabei habe ich ohnehin Glück, denn meine wunderbare Frau gehört zu den Menschen, die sich selten Materielles herbeisehnen. Mir macht es deshalb umso mehr Freude, ihr etwas (in welcher Form auch immer) zu schenken.
Während das Feuer knistert und die Brandung gemächlich vor sich hin rauscht, suchen wir gemeinsam die Sternendecke nach uns bekannten oder neuen Sternbildern ab. Dieses außergewöhnlich schöne Weihnachten wird uns lange in Erinnerung bleiben.
An den nächsten beiden Tagen gehen wir immer wieder schwimmen, spazieren in die Nachbarbucht und lassen endlich wieder die Drohne steigen. Nur das Paar, das auch am Vortag schwimmen war, besucht wieder die Bucht und winkt uns freundlich. Am dritten Weihnachtstag kommen uns die beiden sogar besuchen. "Das ist aus unserem Garten für euch" lacht Beate und drückt uns eine Flasche Olivenöl in die Hände. Wow, eine schöne Überraschung. Wir laden Beate und Phil bei der Gelegenheit zu einem Tee ein und werden im Gegenzug gleich wieder beschenkt. Phil besteht darauf, unseren Wassertank wieder aufzufüllen und nimmt prompt einen der 20 Liter Kanister ins Dorf mit. "It's just better i'll do it...". Wir mögen die Gesellschaft der Beiden, stellen uns gegenseitig viele Fragen und lauschen interessiert den Antworten. Über das Leben als Zuwanderer in Griechenland und Kreta im speziellen erfahren wir besonders viel. Von unserer Reise und dem "fahrenden Chalet", wie Beate unseren Bus aufgrund des vielen Holz nennt, sind sie spürbar angetan. Was wir besonders schön finden ist, wie viele Gedanken und Ansichten wir mit dem sympathischen Paar teilen, das bereits eine Generation vor uns das Licht der Welt erblickt hat.
Als wir uns schweren Herzens nach 5 Tagen auf den Weg machen, um weiterzuziehen und frische Lebensmittel zu kaufen, kommen uns im letzten Moment Beate und Phil mit dem Auto entgegen. So können wir uns nochmals bedanken und von den beiden verabschieden, die uns so herzlich auf Kreta empfangen haben. Zur Draufgabe überreicht mir Phil noch ein großes Glas Honig aus lokaler Produktion und wir überlassen den beiden zur Erinnerung eine nagelneue unbenutzte Grillpfanne, die wir zwei Wochen zuvor bei "Übermama" Maria vor dem Wegwurf gerettet haben.
Mit jeder Menge Freude im Herzen reisen wir in den Süden nach Paleochora, wo sich Ines bei einem Spaziergang von der strapaziösen Etappe erholt. "Mah, mir war so schlecht von den ganzen Kurven" wiederholt sie erleichtert. Tatsächlich ist die Strecke dorthin so kurvenreich, dass sie bestimmt nicht die Erste ist, der bei der Ankunft die Farbe im Gesicht noch hinterherreist. Ein Besuch beim Bäcker, einem Reformladen und im Kaffeehaus verschaffen erfolgreich Abhilfe. Einige Kilometer außerhalb des netten Ortes finden wir eine hübsche Parkbucht an einer Schotterpiste, von wo wir erstmals die Sonne im Meer untergehen sehen. Neben Paleochora befindet sich außerdem einer von den (nur) drei geöffneten Campingplätzen auf Kreta. Dort waschen wir erfolgreich unsere Kleidung, die bei starken Wind in Rekordzeit trocknet, verbringen eine ruhige Nacht und schließen am Vormittag der Abreise noch Bekanntschaft mit zwei "Seebären". So nennt Ines, die zwei Männer, die uns spontan zu einem Kaffee einladen. Wie jeweils eine abenteuerliche Version von Kapitän Iglo, der gerade die Odyssee hinter sich hat, wirkt die sympathische Erscheinung der beiden Freunde Michael und Bobby. Sie haben sich unterwegs erst kennengelernt und verstehen sich so gut, dass sie beschlossen haben, gemeinsam am Landweg bis in den Oman zu reisen.
Durch das nette Plauschen, verzögert sich unsere Ankunft in Kretas zweitgrößter Stadt Chania ein wenig. Halb so wild, denn wir waren vor 5 Jahren bereits schon mal hier. Der freundliche junge Mann, der uns dort zum letzten freien Parkplatz am Rand der Innenstadt lotst, erweist sich als Scheibenwischer-Verkäufer. Seinen Hilfsdienst entlohne ich ihm trotzdem und wir erkunden, wie die Stadt sich im Winter präsentiert. Es ist der bisher dunkelste Tag, den wir auf Kreta erleben und möglicherweise auch einer der ruhigsten, was den Andrang in der sonst so belebten Altstadt betrifft. Die schwimmenden Souvenirshops liegen vor Anker, der venezianische Hafen ist völlig ausgestorben und die meisten Läden sind geschlossen. Die Nacht verbringen wir an einem besonderen Ort. Neben dem Kloster der Dreifaltigkeit, östlich von Chania gelegen, gibt es ein riesiges Areal wo wir parken können. Der Heimat der Mönche statten wir vor Sonnenuntergang noch einen Besuch ab, versorgen die streunenden Katzen der Nachbarschaft und fallen rasch ins Bett.
Den letzten Tag des Jahres wollen wir abermals am Meer verbringen, kehren zurück in den Süden und erreichen mittags Chora Sfakion. Spektakulär ist die Anfahrt, die über 20 (teilweise sehr) steile Serpentinen mit grandiosem Ausblick führt. Der kleine Ort ist bis auf die Dorftaverne, wo uns bereits zur frühen Stunde Menschen entgegentorkeln, völlig ausgestorben. Erst nach unserem Rundgang entdecken wir ein weiteres Lokal, wo wir noch einkehren, bevor wir uns am Weg zu einem Stellplatz machen.
"Du, i hob do ka guads Gefühl" deute ich Ines auf unseren Platz zwischen zwei Bäumen. Abgesehen vom kräftigen Wind, gefällt uns der Strand, den wir auserkoren haben eigentlich richtig gut. Das Problem liegt in der Beschaffenheit des Untergrundes. Obwohl wir den kieseligen Bereich des Strandes zweimal abgeschritten sind, habe ich beim Fahren bemerkt, dass wir tiefer einsinken, als gedacht. Als ich mich umparken möchte, fahren wir uns fast fest und nehmen noch rechtzeitig Schaufel und Geäst zur Hilfe, um einem Schlamassel zu entgehen. "Ka Problem, mit deinen Superkräften, oder?" frage ich bei Ines nach, die beim Zurücksetzen kräftig angepackt hat. Wenige Meter weiter oben, stehen wir sicherer und können beruhigt das neue Jahr Willkommen heißen. Zum prächtigen Sonnenuntergang verziehen sich die Wolken im Hinterland und geben schneebedeckte Gipfel preis. Ein schönes Bild zum Jahresabschluss, den meine Herzensköchin noch mit einem kleinen Festschmaus krönt.
Obwohl die Sfakiaten, so nennen sich die Bewohner der kleinen Region, gerne Ballern, verläuft die Silvesternacht ruhig. Wie in unserem Reiseführer zu lesen ist, sind die Menschen hier sehr stolz, auf ihre Geschichte, in der sie unbeugbar ihre Dörfer vor Feinden verteidigt haben. Bis heute horten sie gerne Schusswaffen und machen davon gebrauch, wie die vielen durchlöcherten Ortsschilder und Wegweiser bezeugen können. Uns hat zumindest keinerlei mitternächtliches Geballer aus dem Schlaf gerissen.
Das neue Jahr beginnt, wie prognostiziert, äußerst stürmisch. Bereits in der Nacht hat der Bus begonnen unentwegt zu schaukeln, was sich auch beim Frühstück fortsetzt.
"Wenn das so weitergeht, dann werde ich an Land noch seekrank" meint Ines nüchtern, während wir uns auf einen unruhigen Tag im Bus einstellen. Die Wetter-Apps zeigen Windspitzen über 90km/h und obendrein auch Sturmwarnungen für die kommenden Tage an. Selten haben wir erlebt, dass Wolken so schnell durch die Luft gepeitscht werden. Das Ergebnis sind mehrere Regenbögen, für deren Anblick wir uns sogar kurz nach draußen wagen. Unsere Toilette im Bus ist abermals Gold wert, denn bei diesen Verhältnissen möchte man draußen kein "kleines Geschäft" verrichten.
Einen weiteren Tag wollen wir uns den Launen von Äolos, dem Gott des Windes, nicht aussetzen und finden unweit von Frangokastello eine etwas windgeschütztere Bucht.
Hier wird wieder einmal offensichtlich, warum wir als Youtuber oder Content Creators wenig taugen würden. Ines erkundet vorab die steile Schotterpiste zu Fuß und testet die Tiefe des Flusses, den wir queren müssen um die Bucht zu erreichen. Sie ist zuversichtlich was die Durchfahrt anbelangt und kehrt in die Fahrerkabine zurück um gemeinsam das fließende Hindernis zu überwinden. Es ist eine der spektakulärsten Szenen unseres Busses überhaupt und wir sind kurz darauf stolz, sie bestens gemeistert zu haben. Daran, diese spannenden Momente auch nur irgendwie auf Bild oder Video festzuhalten, hat natürlich keiner von uns beiden gedacht. Der Weg hat sich jedenfalls bezahlt gemacht und beschert uns einen angenehm sonnigen Nachmittag, bevor uns am Abend kräftiger Wind und Wolken wieder einholen.
Unser nächster Halt wird Kretas Kräuterdorf Spili. Das kleine Dorf in den Bergen und sein Umland, sind für die vielfältigen Kräuter berühmt, die in der Region wachsen. Neben Salbei, Thymian oder Lavendel wächst hier der "König" der endemischen Heilpflanzen, der Diktamus. Ich kann mich erinnern, dass wir vor über 5 Jahren im Sommerurlaub einen Stopp in Spili eingelegt haben und uns durch die Läden geschnüffelt und gekostet haben. Mittlerweile ist Ines eine Expertin im Bereich der Heilkräuter geworden und wird den Ort umso mehr genießen können. Die Rückkehr versüßt uns außerdem der erste (und einzige) offizielle Wohnmobilstellplatz Kretas. Hier schätz man (wahrscheinlich die Kaufkraft der) Camper und hat ihnen am Ortsanfang einen ansehnlichen Stellplatz errichtet. Das wir den mit niemanden teilen müssen, überrascht uns weniger, als die Tatsache, das der Ort, wo im Sommer die großen Reisebusse halt machen und Touristen die kleinen Kräuterläden stürmen, wiederum völlig ausgestorben ist.
Geöffnet hat immerhin der größte Kräutergarten der Stadt, wo über 300 verschiedene Heilkräuter gedeihen. Hier im "Maravel Garden" kann man während der Saison an Führungen teilnehmen, lecker Essen und obendrein ergiebig einkaufen. Letzteres ist auch im Winter möglich. Die schlichten Wandregale biegen sich von den großen Behältern, wo die bunten Gewürzen und Teemischungen lagern. In einem weiteren Raum, finden sich allerhand Naturkosmetika, Essenzen und unzählige andere Produkte, die dem Garten entspringen. Ein Paradies für meine Liebste, die sich nach einem ausführlichen Rundgang bescheiden einige Teemischungen aussucht.
Dorfromantik für Fortgeschrittene
Erstmals während der Nacht nicht durchgeschüttelt, machen wir uns früh auf den Weg in den Süden zum kilometerlangen Sandstrand zwischen Tymbakti und Matala. Dort verbringen wir im Windschatten einer Düne mehrere schöne Tage an denen wir ausgiebig spazieren und ins Meer hüpfen, dass uns rasch wieder ausspuckt. Neben den glitschigen Felsplatten sind es hohe Wellen die den Einstieg erschweren. Einer dieser heimtückischen Wellenbrecher lässt mich zum "großen Helden" werden, der Ines, mit vollem Körpereinsatz, vor einer unsanften Arschbombe am Gestein bewahren darf. Einen Bekannten treffen wir an dem Strand ebenso. Der Fahrradreisende Simon, den wir bereits bei Delphi kennengelernt haben, hat 100 Meter hinter uns in einem Hain sein Zelt aufgeschlagen und kommt täglich zum Plaudern vorbei. Wir können ein paar Tipps für Übernachtungsplätze austauschen und seine Reise mit einer Trinkwasser Lieferung ein wenig unterstützen. Am diesigen dritten Tag fahren wir ins nahe Dorf Matala, das wir in lebhafter und bunter Erinnerung haben und früher Kretas erste Anlaufstelle für Hippies und Aussteiger war. Auch hier ist es völlig menschenleer. Gerade mal eines, der unzähligen Cafés und Tavernen ist geöffnet. Nur an der Ecke, an der die einheimischen Katzen gefüttert werden herrscht vierbeiniger Andrang. Im geöffneten Supermarkt können wir zumindest unsere Vorräte wieder aufstocken und treffen dort doch noch zwei barfüßige Althippies, mit hüftlangen grauen Haaren, Rauschebart und gemächlichem Gang.
Nachdem uns Kreta so sonnig und mild empfangen hat, werden wir in den darauffolgenden beiden Wochen dem stürmischen und wechselhaften Wetter überdrüssig. Ein guter Zeitpunkt also, das Haus unserer Gastgeber Sissi und Peter zu besuchen, wo wir uneingeschränkt verweilen dürfen und nach dem Rechten sehen sollen. Ein Termin zur Schlüsselübergabe mit einer Freundin Sissis aus dem Nachbardorf wird für den kommenden Tag vereinbart und wir machen uns auf die lange Etappe in Richtung Ierapetra. Wer schon einmal auf Kreta unterwegs war, weiß dass die Insel nicht nur von hohen Bergen, sondern auch etlichen tiefen Schluchten durchzogen ist. So sind viele Orte entlang der Küste nur schwer mit dem Fahrzeug zu erreichen oder es bedarf für wenige Kilometer Luftlinie einen beträchtlichen Umweg durchs Landesinnere. Wir entscheiden uns am Weg in den Osten für die Strecke, die auf den besseren Straßen verläuft. So passieren wir Heraklion und Agios Nikolaos, bevor wir an der schmalsten Stelle Kretas wieder zur Südküste abbiegen. In Ierapetra wartet außerdem ein Paket auf uns. Mit viel Improvisationsgeschick und einem weiteren Kontakt Sissis auf Kreta, ist es Ines gelungen, unseren neuen Spannungswandler dorthin zu bestellen. Aus Mangel an "Drop-off"-Locations, sind wir in Griechenland auf eine (nicht selbstverständliche) physische Adresse angewiesen gewesen, die uns Sissis Freundin Christina zur Verfügung gestellt hat. Seit über zwei Wochen, hütet sie das Paket von dem wir sie erleichtern wollen. Da uns die einzig verfügbare Schachtel Pralinen, im sonst gut sortierten Supermarkt, nicht zusagt, entscheiden wir uns für eine Schachtel lokaler Süßspeisen um uns bei Christina erkenntlich zu zeigen. Unsere Einladung zum Kaffee muss sie aus Termingründen ablehnen, aber bietet uns freundlich an, jederzeit wieder auszuhelfen.
Die Schlüsselübergabe am nächsten Tag bringt einige Überraschungen mit sich. So erfahren wir, dass das Haus selbst gar nicht mit dem Auto erreichbar ist, sondern am Ende einer schmalen Gasse liegt. Mit etwas Glück, können wir aber am kleinen Dorfplatz parken. Mein Plan, den neuen Spannungswandler in einer Einfahrt zu installieren und andere kleine Arbeiten zu erledigen, kann also verworfen werden. Sissis Freundin Maria aus dem Nachbardorf fährt als Lotse voraus, was sich als nützlich erweist. Da eine Kurve so spitz ist, dass wir zurücksetzen müssen, verlieren wir sie fast aus den Augen. Am winzig kleinen Dorfplatz ist tatsächlich Endstation. Die Ankunft erinnert an einen Western. Ein alter Einheimischer erhebt sich von seiner Bank um uns genauer zu beäugen und ein Rollladen wird kurz geöffnet, um die "Ankömmlinge" zu begutachten. Nur der rollende Strohballen fehlt. "Don't bother, if they say something to you", meint Lotsin Maria, was mich eher beunruhigt. Vielleicht auch, weil der Alte nebenan bereits auf griechisch zu lamentieren beginnt. Ich bitte Maria, bei dem Einheimischen nachzufragen, ob wir hier parken können. "It's okay" meint sie, nachdem sie einige Worte mit dem Alten getauscht hat. Außer den drei Autos, die neben uns stehen und die sich wahrscheinlich die zehn verbleibenden Einwohner im Dorf teilen, wirkt alles völlig verlassen. Grundsätzlich gefällt uns das, wobei wir somit auch ein klein wenig Aufsehen erregen.
Das Haus, das wir beziehen, wurde von den Besitzern einst liebevoll restauriert, ist zweckmäßig ausgestattet und verfügt neben einem kleinen Patio auch über eine Dachterrasse. Die Geräuschkulisse ist übrigens wie erwartet: ein eifriger Gockel kräht schon vor Sonnenaufgang, ein Hund der erst nach Mitternacht los bellt und ein Priester, der am Morgen per Lautsprecher die Messe verliest. Nur das unregelmäßige Getose und Pfeifen des Sturms vermag alles zu übertönen.
Unsere Highlights sind an den kommenden Tagen die warme Dusche, das Backrohr und der große Heizstrahler, der innerhalb der dicken Wände für Gemütlichkeit sorgt.
Ich muss mich an die niedrigen Türstöcke gewöhnen, unter denen Ines problemlos hindurchschlüpft. So eine fiese hölzerne Kante erwischt mich glücklicherweise nur einmal und kann sich dafür Einiges anhören.
Wir erkunden die Gegend rund ums Dorf ausgiebig zu Fuß und entdecken dabei jeden Tag etwas Neues. Vorbei an Ziegenherden und unzähligen Bienenstöcken erreichen wir unter anderem einen Aussichtspunkt, von dem man das Meer auf beiden Seiten Kretas sehen kann. Die Farben und Formen, die Kreta im Jänner zu bieten hat, sind Balsam für die Seele. Meer und Himmel teilen sich die Blautöne, dazwischen die grüne Insel mit angezuckerten grauen Bergen am Horizont.
Da wieder sonnige Tage anstehen, verlassen wir das Dorf am Wochenende und kehren zurück ans Meer nach Myrtos. Ausgestattet mit einem großen selbstgebackenen Laib Roggenbrot und allerhand Leckereien erreichen wir den kleinen Platz an der Uferpromenade, wo bereits ein anderer Camper steht. Bei unserem Spaziergang durch den hübschen Ort bemerken wir, dass es sich um den selben Ort handelt, wo wir vor Jahren bereits mal für ein Getränk gehalten haben.
Diesmal haben wir länger Zeit und wandern hinauf zu den minoischen Ruinen, die auf einem Hügel vor dem Ort liegen. Dort kann man sich frei zwischen den wenigen Überresten bewegen, die konserviert wurden.
Am nächsten Morgen spricht mich der ältere deutsche Nachbar an, der bereits am Vortag hier gestanden ist. Es bedarf nur weniger Sätze, bis offensichtlich wird, das ich mit dem Typen nicht reden möchte. Ein Paradebeispiel aus der Kategorie "Dampfplauderer", der von sich besonders angetan ist und dessen Umwelt ihm kaum würdig ist. Auch solche Menschen trifft man unterwegs.
Mich zieht es in Myrtos zweimal zum Basketballplatz am Ortsrand, während Ines sich beim Lesen von der Sonne wärmen lässt, oder den langen Strand erkundet. Danach hüpfe ich jeweils ins Meer, das sich hier wieder von seiner sanften Seite zeigt. An der ruhigen Uferpromenade machen wir uns auch daran, den neuen Spannungswandler zu installieren. An sich ein leichtes Unterfangen, wenn das neue Modell nicht ein wenig längere Flügelschrauben benötigen würde (die ich unter den unzähligen Reserveschrauben natürlich nicht dabei habe). So müssen wir den Testlauf noch etwas aufschieben.
Die nächste Regenfront zieht uns nach 4 Tagen zurück nach Ierapetra und von dort wieder hinauf ins kleine Bergdorf. Wenige Minuten nach der Abfahrt von Myrtos kommen uns ein Pick-up samt Wohnkabine und ein bunt bemalter VW Bus entgegen, deren Fahrer jeweils kräftig winken und uns Küsse schicken. Es sind die beiden Seebären Michael und Bobby. An der nächstbesten Stelle drehen wir um und holen die Beiden rasch wieder ein. An einer Parkbucht gibt es dann ein freudiges Wiedersehen mit den sympathischen Freunden, bei dem wir Telefonnummern austauschen und vereinbaren, in Kontakt zu bleiben. Bobby hat soviel Talismane und Edelsteine um den Hals hängen, das jeder Druide und Zauberer nur so vor Neid erblassen würde. Wir sind neugierig, was die funkelnden Anhänger alles so draufhaben und freuen uns schon darauf nachzufragen.
Der zweite (Mini-) Baumarkt, den wir finden können, hat passende Flügelschrauben im Angebot. Draußen am Parkplatz geht mir Ines erfolgreich zur Hand und hilft mit, den neuen Spannungswandler einzubauen. Alles klappt hervorragend, womit wir künftig wieder seltener auf unser tragbares Solarpaneel samt Powerstation zurückgreifen müssen. Da bei abermals trüben und stürmischen Wetteraussichten ein paar Tage einbunkern ansteht, fällt der Besuch im Supermarkt nochmals länger aus. Etliche Liter Trinkwasser und sogar ein wenig Junk-Food fürs Backrohr purzeln uns spontan in Wagerl.
Pünktlich zur ersten Regenfront erreichen wir dann das kleine Bergdorf, wo Ines im Geiste bereits den selben Parkplatz reserviert hat, den wir in der Woche zuvor hatten. Ihren Fähigkeiten sei Dank, dass es tatsächlich so passiert und wir uns zwischen den exakt selben Autos einparken. Ganz, als wäre die Zeit stehengeblieben. Wir schaffen es, mit nur zwei Märschen alles Notwendige hinauf ins Haus zu bringen und gerade noch trocken zu bleiben. Drei Tage lang schüttet und stürmt es teilweise so gewaltig, dass wir uns Sorgen um die maroden Dächer der Nachbarschaft machen.
Die kleine Küche, in der der Heizstrahler auf Hochtouren läuft, wird zum Dreh- und Angelpunkt der dunklen Tage. Hier treiben wir Sport, Lesen, Schreiben, spielen Karten und Kochen bis der Tag vergeht. Als wäre ihr das gemeinsame Wäschewaschen (und Auswinden) bei Hand nicht genug gewesen, knetet und zaubert Ines noch ein knuspriges Brot, das sie mit einer romantischer Botschaft verziert.
Ein Monat auf Kreta liegt hinter uns. Die dunkelsten Wochen haben wir zum größten Teil hinter uns gebracht. Sturm war ein ständiger Begleiter. Nicht der lästige Wind, der auf der Insel meistens bläst. An mehreren Tagen hat der Sturm Geschwindigkeiten über 90km/h (!) erreicht und Straßen wie Strände leer gefegt. Der Westen und Süden der Insel hat uns sehr schöne Tage beschert, die nun im Osten ihre Fortsetzung finden sollen. Mit dem Lieblingsmenschen an der Seite und dem Segen von Äolos (und natürlich dem der Bergdorfbewohner) im Gepäck wird das bestimmt gelingen.




























































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Joxe (Freitag, 06 Februar 2026 11:01)
So ein abwechslungsreicher stürmischer Abschnitt durch den Griechischen Winter. Nicht Hut ab/ sondern Haube auf!!! �
Das positive überwiegt und die Wärme in euren Herzen � freuen uns schon auf den Nächsten Blog ���
Ula (Freitag, 06 Februar 2026 18:51)
Es ist soooo schön euren Berichten zu folgen! Danke
Lilly (Mittwoch, 11 Februar 2026 10:13)
Wir lesen eure Berichte immer mit Begeisterung und Wunder. So viele tolle Erlebnisse!!!! LG aus Wien
Xandi (Mittwoch, 11 Februar 2026 21:08)
Gut das ihr einen angenehmen Ausgangspunkt gefunden habt um von dort aus eure Reisen zu starten. Weiter so ihr Lieben! Bussis
Mariella (Donnerstag, 19 Februar 2026 20:08)
Aussichtspunkt, von dem man das Meer auf beiden Seiten Kretas sehen kann. Die Farben und Formen, die Kreta im Jänner zu bieten hat, sind Balsam für die Seele. Meer und Himmel teilen sich die Blautöne,……oh das klingt unglaublich schön. � Eure Reise ist Balsam für meine Seele. So schön was ihr gemeinsam erlebt. Freue mich sehr für euch . ❤️�