Opportunudisten im Tal des Todes

Bekannte Gesichter und Teigbällchen

Die Tour in den Osten beginnt für uns in der Bucht von Mirabello. Genauer gesagt in der Stadt Agios Nikolaos, die wir bisher noch nicht besucht haben. Anders als in Chania oder Heraklion geht es hier beim Spazieren immer wieder auf und ab, was daran liegt, dass die Stadt auf zwei Hügeln errichtet wurde in deren Mitte sich das Wahrzeichen der Stadt, der Voulismeni See, befindet. Ursprünglich nur einer von zwei Süßwasserseen auf Kreta, wurde der See im 19. Jahrhundert durch einen Kanal mit dem Meer verbunden. Seine Form, die auf zwei Seiten von steilen Klippen und darunter von einer hübschen Promenade flankiert wird, hat der See behalten. Ines entdeckt ein Schild, das auf einen "Selfie Spot" mit den dazugehörigen "Hashtags" hinweist. Mein Stirnrunzeln und müdes Lächeln ist Ansporn genug für sie, mich wenige Meter daneben zu einem solchen Foto zu bewegen. Tatsächlich ist der Ausblick hinter uns ganz ansehnlich und aus Mangel an gemeinsamen Erinnerungsfotos, kann ich ihr den schelmischen Wunsch nicht abschlagen.

Uns gefällt der Spaziergang durch Agios Nikolaos auch insofern, dass in den Gassen und Cafés ein bisschen Leben herrscht. Die meisten Geschäfte sind zwar geschlossen, aber ein gut sortierter Reformladen hat nicht nur geöffnet, sondern auch seltenes Roggenmehl, mit dem wir unseren Sauerteig füttern. Nachdem wir kreuz und quer durch die Stadt spaziert sind, steht uns der Sinn nach einer leiblichen Stärkung. Unten am See finden wir ein Lokal, wo es vegetarisch gefüllte Pitas zum Mitnehmen gibt. In dem Moment, als uns die Kellnerin das Menü in die Hand drückt, spricht mich von links ein Mann an. "I know you" sagt die angenehm ruhige Stimme. Als meine Augen den Absender nur zwei Meter neben mir erspähen, schießen meine Mundwinkel nach oben. Es ist Phil, der uns mit seiner Frau Beate am anderen Ende von Kreta so herzlich empfangen hat und offensichtlich ebenso freudig überrascht ist, wie wir. Er ist wegen einem medizinischen Check-up beim Arzt seines Vertrauens hier. So, wie er es alle zwei Jahre tut. Die Wahrscheinlichkeit, das dieser Termin ausgerechnet auf den Tag fällt, an dem wir erstmals die Stadt besuchen und dann noch zur selben Zeit Hunger bekommen und im selben Lokal landen, ist verschwindend gering. "Wait untill Beate sees you, she won't believe it!" sagt Phil. Wir können es auch kaum glauben und freuen uns wenige Minuten später über Beates Gesicht, als sie dazukommt und uns erspäht. Unsere Pitas essen wir gemeinsam am Seeufer und knüpfen unsere offene und interessante Unterhaltung dort an, wo wir vor einem Monat aufgehört haben. Selten trifft man Menschen, in deren Gegenwart man sich unmittelbar so wohl fühlt. Nachdem den beiden noch eine dreieinhalbstündige Rückreise bevorsteht, müssen sie unsere Einladung auf einen Kaffee leider ausschlagen. Ich knipse noch ein gemeinsames Foto um den Moment festzuhalten und frage nach, ob es in Ordnung geht, das Bild in unserem Blog zu verwenden. "Better not, you know...we are searched by Interpol" sagt Phil lachend um hinzuzufügen, dass sie tatsächlich nur ungern (in welcher Form auch immer) im Internet erscheinen. Tatsächlich hat Phil einmal ein Interview gegeben und dabei zu offen über die Vorzüge und Nachteile einer kretischen Dorfgemeinschaft gesprochen. Das daraus tatsächlich ein Artikel werden sollte, der wenig später an der Wand der Dorftaverne hängt, hat ihm damals nicht unbedingt Freude bereitet. Auch darum, falls wir sie in unserer Geschichte erwähnen wollen, nicht ihre richtigen Namen zu verwenden, bittet uns Beate höflich. Ich spüre ein bisschen Enttäuschung, da das gemeinsame Foto gut gelungen ist und wir diesen beiden Menschen gerne unter Verwendung ihrer richtigen Namen die verdienten Rosen streuen möchten. Am jeweiligen Rückweg zu unseren Fahrzeugen teilen wir immerhin noch einige hundert Meter an denen wir plaudern können, bevor wir uns von Beate und Phil (Ines wollte sie ursprünglich zu einer "Brunhilde", ich beide zu "Tristan und Isolde" machen, bevor wir uns für die kurzen Synonyme entschieden haben) ein weiteres Mal verabschieden. Beate wird Anfang Februar für einige Zeit nach Deutschland zurückkehren, was die Chancen auf ein weiteres Wiedersehen deutlich sinken lässt. Sollte sich eine weitere Möglichkeit ergeben, würde es uns Freude bereiten, die beiden wiederzusehen.

 

Unser Tag verläuft auch weiter außerordentlich gut, als wir am Nachmittag den Strand von Karavostasi erreichen. Die lange Bucht mit den vielen versteckten Stellplätzen haben uns die beiden Seebären Michael und Bobby wärmstens empfohlen. Unsere sonnige Nische liegt wunderbar versteckt im letzten Drittel der Bucht, wo nur am Abend ein Einheimischer samt geflicktem Pick-Up an uns vorbeirollt. Die Nacht verläuft jedoch etwas ungewöhnlich. Die dicken Regenwolken und der kräftige Wind beschließen, sich dem Saharastaub der in der Luft liegt, eifrig zu entledigen. Dicke und laute Tropfen erreichen uns in der Nacht, während der Bus einmal mehr kräftig durchgeschüttelt wird. Am Morgen ist der Spuk längst vorbei, offenbart aber die Auswirkungen der nächtlichen Unruhestiftung. Die linke Seite unseres Busses ist neuerdings in braun gefleckter Tarnfarbe überzogen und die Fenster nur mehr eingeschränkt lichtdurchlässig. Als wir mit unserem Duschkanister zur Wasserstelle spazieren, erkennen wir, dass auch die anderen drei Camper weiter vorne unser Schicksal teilen und bereits kräftig am Putzen sind oder waren. Ines bietet mir eine sexy Einlage, als ich sie im knappen Bikinihöschen auf unser Dach hieve, um das Solarpaneel zu reinigen. "Na, die lange Hose mache ich mir sicher nicht dreckig" lacht sie von oben hinunter. Das Putzen zahlt sich aus, da die nächsten Nächte, bis auf die laute Brandung wenige Meter neben uns, angenehm ruhig und weniger geschüttelt verlaufen. Tagsüber hüpfen wir kurz ins Meer, erkunden die Bucht und den langgezogenen Küstenort hinter dem Strand. Dabei begegnen wir in den Obst- und Gemüsegärten, die hinter dem Strand liegen immer wieder freundlichen Einheimischen und bunten Vierbeinern. Ein flauschiger Kater bewirbt sich verführerisch um eine Adoption und genießt die Streicheleinheiten am Wegesrand so sehr wie wir. An einem Abend kommen wir ins Gespräch mit einem Paar, das einen deutlich weiteren Weg als wir zurückgelegt hat, um nach Kreta zu gelangen. Mit den beiden, die mit ihrem Camper aus dem Westen Kanadas bis hierher gefahren sind, teilen wir an dem Abend ein paar Tropfen Ouzu und einige Geschichten.

Am Ende der Woche steht die nächste Sturmwarnung an, der wir weiter östlich entkommen wollen. Der kleine Ort Mochlos liegt, zumindest laut Vorhersage, besser geschützt und soll laut dem Reiseführer auch ansehnlich sein. Als wir dort ankommen und unsere Runde drehen, pfeift der Sturm bereits so heftig, dass wir uns in die einzige geöffnete Taverne des ansonsten völlig ausgestorbenen Dorfes flüchten müssen. Da ohnehin Mittagessen am Plan steht, lassen wir uns von dem alten schrulligen Besitzer/ Koch/ Kellner bewirten, der uns aus den verfügbaren Zutaten ein üppiges vegetarisches Mahl serviert. Am Ende des Dorfes finden wir später einen kleinen Strandabschnitt, der sich gut zum Nächtigen eignet und machen uns an die Arbeit, uns den Weg zu bannen. Mit der Gartenschere stutzen wir das dichte Schilf und entfernen per Hand die scharfen Steine aus der Fahrspur bevor wir die letzten Meter hinunterrollen können. Während ich versuche, auf dem winzigen Fleck am Meer zu wenden und dabei den Bus nicht zu versenken, bekommt Ines draußen beim Lotsen Besuch von einem Einheimischen. "Du, der war ganz komisch. Ich habe freundlich gegrüßt und er hat nur den Kopf geschüttelt und sein Handy gezückt, bevor er umgedreht ist" berichtet Ines von ihrem Außeneinsatz. Wir beschließen somit weiterzufahren, werden aber auch in der nächsten Bucht nicht fündig und kehren an den kleinen Hafen des Dorfes zurück, wo wir uns auf einen stürmischen Abend einstellen. Obwohl wir den Bus so platzieren, das er nicht seitlich vom Wind getroffen wird, erleben wir ein weiteres Mal, wie laut und ungemütlich ein ausgewachsener Sturm auch im geschützten Inneren unseres Busses sein kann.

Am Weg nach Sitia, der Provinzhauptstadt des Ostens, hat sich am nächsten Vormittag der Gott des Windes wieder beruhigt. Wir kehren in Sitia an die nette Strandpromenade zurück, wo wir bei unserem Letzten Besuch vor einigen Jahren der Empfehlung im Reiseführer gefolgt sind und die lokale Süßspeisenspezialität Loukumades gekostet haben. Wer gerne Krapfen isst und gebackenes schätzt, so wie ich, der kommt mit den kleinen Teigbällchen, die mit Honig. Sesam und geriebenen Nüssen garniert werden, voll auf seine Kosten. Außerdem wollen wir uns in Sitia bezüglich einer Überfahrt nach Rhodos erkundigen. Die Agentur, die in Sitia Fährtickets verkauft, finden wir nach unserem Imbiss verschlossen vor. Da wir die restlichen drei der vier Stunden Mittagspause nicht warten wollen, beschließen wir die Stadt nach einem ausgiebigen Spaziergang wieder zu verlassen. Als wir gerade beim Bankomat stehen, passiert etwas seltenes, das ich einen Moment lang nicht einordnen kann. Mein Handy läutet. Es ist Simon, der Fahrradreisende, den wir zuletzt vor Wochen bei Matala getroffen haben. "Seit ihr zufällig gerade in Sitia? Ich habe da so einen blauen Bus gesehen..." tönt es fröhlich aus dem Lautsprecher. Zwei Minuten später trifft Simon auch schon ein. Wir überzeugen ihn, ebenso frische Loukumades zu verkosten und kehren zu dritt nochmals zu Terrasse des Cafés zurück. Nachdem sich der Himmel verdunkelt und sich erste Regentropfen ankündigen, bieten wir ihm an, ihn ein Stück weiter zu unserem geplanten Übernachtungsplatz bei Vai mitzunehmen. Simon freut sich und willigt ein. Sein Rad samt Taschen passt wie angegossen in unser Wohnzimmer und wir freuen uns, ihn ein Stück mitnehmen zu können. Er ist der erste Passagier, seitdem wir unsere Freunde Birgit und Hari in Marokko für einen gemeinsamen Ausflug an Bord hatten. Am Weg nach Vai weist uns das senkrechte Ende eines Regenbogens den Weg und zu unserem Glück befindet sich an dem Gelände nur ein einziger weiterer Camper. Simon hat es eilig, möchte vor Sonnenuntergang noch einen versteckten Zeltplatz finden, verabschiedet sich und verschwindet in der Dämmerung. Unseren Freunden Birgit und Hari, die uns passenderweise am Vortag geschrieben haben, widmen wir nach dem Abendessen ebenso unsere Aufmerksamkeit. Die beiden sind mittlerweile in weites Stück durch Nordamerika gereist und haben beschlossen, ihre Reise auch via Youtube zu dokumentieren. Die zweite Episode auf ihrem Kanal "Planet Lenny" ist online und wir freuen uns über die gute Unterhaltung. Wir machen an dieser Stelle gerne ein wenig Werbung für ihren sehr gelungenen Auftritt, der sich qualitativ vor keinem "Vollzeit-Youtuber" verstecken muss. Am nächsten Morgen machen wir uns erfolgreich auf die Suche nach Simon, um uns vor seiner Weiterreise noch zu verabschieden und machen uns danach zu Fuß auf dem Weg zum bekannten Palmenstrand von Vai ganz im Nordosten von Kreta. Entlang des geschützten und somit umzäunten riesigen Palmenhains wandern wir bis zum Parkplatz, wo in der Urlaubssaison dutzende Reisebusse unzählige Badegäste ausspucken. Als wir die malerische Bucht erreichen, haben sich tatsächlich noch zwei weitere Pärchen dorthin verirrt. Eine bodenlose Frechheit. Mit unseren Badesachen im Rucksack erklimmen wir noch den Aussichtshügel und entdecken, dass die weite Nachbarbucht sogar noch einladender wirkt und obendrein niemand dort zu erkennen ist. Eine langgezogene Düne erhebt sich dort vom Strand weg bis auf eine beträchtliche Höhe und bildet einen wunderbaren Kontrast zum türkis schimmernden Meer. Der Abstieg ist rasch geschafft und nebenbei bemerken wir die beschrifteten Felsen, die als Wegweiser dienen. "FKK" und "Nudist Beach" steht darauf, was auf die Trennung der Badegäste im Sommer verweisen soll. Die recht frommen Griechen lassen sich halt nicht gern von halben oder ganzen Nackerpatzerln den Strandausflug verderben. Wir sind keine Nudisten, aber wenn sich die Gelegenheit ergibt einen Strand für uns alleine zu haben und dabei die Badesachen nicht nass machen zu müssen, nutzen wir das sehr gerne. So werden wir im Winter auf Kreta zu "Opportunudisten" – eine Wortkreation, auf die ich stolz bin. Wobei mir auch ein österreichisches "Gelegenheitsnackerpatzerl" gut gefällt. Ines hadert noch ein wenig mit dem kühlen Wind, lässt sich aber doch von einem Hüpfer überzeugen. Bei mir übertrumpft der visuelle Reiz des funkelnden Meeres (und meiner nackten Frau) jegliches anderes Empfinden. Ein paar Minuten lang genießen wir das Plantschen, bevor die Kälte an den sensibelsten Stellen zu schmerzen beginnt. Zufrieden schlüpfen wir danach in trockenes Gewand und lassen auch wieder die Drohne steigen.

Ein gelungener Ausflug am sonnigsten Tag der Woche liegt hinter uns. Wenn nicht die nächste Sturmfront anstehen würden, würden wir gerne die restliche Woche hier verbringen.

Abenteuer unter der Erde

Kato Zakros heißt das kleine Einöd südlich von Vai, das aus knapp 15 Häusern besteht, von denen 5 Tavernen sind. Auch hier steht das Leben völlig still, als wir uns am kleinen Strand unter einer massiven Felsklippe einrichten. Es gibt nur wenige Gründe, warum es einen hierher verschlägt. Einer, von den vier minoischen Palästen der Insel, befindet sich hier und dahinter öffnet sich das Tal der Toten, wie die Schlucht im äußersten Osten Kretas genannt wird. Der Name stammt von den unzähligen Höhlengräbern, die über der Schlucht in den Fels geschlagen wurden und im letzten Jahrhundert wiederentdeckt wurden. Ines findet im Internet sogar noch ein weiteres Highlight, dass uns besonders reizt. Die Pelekita Tropfsteinhöhle ist nur über den steilen Küstenwanderweg per zweistündiger Wanderung zu erreichen und frei zugänglich. Wohl ein wenig zu ambitioniert machen wir uns nach dem Mittagessen noch auf den anspruchsvollen Weg dorthin. Entlang des steinigen Weges, der teilweise nahe an den hohen Klippen entlang führt, peitscht uns gewaltiger Rückenwind voran. Ab und an kreuzen zottelige Bergziegen samt ihrer Jungen unseren Pfad, der nicht zu enden scheint. Trotzdem "unterbieten" wir die veranschlagte Zeit und erreichen den Eingang der Höhle nach weniger als zwei Stunden Marsch. Von oben werfen wir einen ersten Blick hinunter in den Schlund, wo zu Beginn noch ein Trampelpfad zu erkennen ist. Den folgen wir ein Stück, bis es gerade noch hell genug ist, um uns ein wenig Überblick zu verschaffen. Während Ines die Stirnlampe aufsetzt, hänge ich mir den großen Leuchtstrahler um die Schulter und gehe voraus. Nach den ersten 20 Metern wird es mucksmäuschenstill. Kein Hauch vom Wind, der draußen peitscht schafft es soweit nach unten. Wir denken an unsere steinzeitlichen Vorfahren, die vor tausenden Jahren Kreta besiedelt haben und hier im Schutz der Höhle Unterschlupf gefunden haben. Die Gedanken werden von den kurzen hörbaren Tönen einer Fledermaus unterbrochen. Ein kleines Abenteuer à la Indiana Jones kann beginnen. Ich kraxle zu einem prächtigen Stalagmiten, der knapp 6 Meter in die Höhe ragt und lasse das Scheinwerferlicht über die Oberfläche gleiten. Meine Hände folgen denn glatten Konturen und spüren dabei nur wenig Feuchtigkeit. Anders als bei touristisch vermarkteten Höhlen, wird der Kalkstein hier teilweise von dicken Staub- und Sandschichten bedeckt. Die meisten Formationen hier benötigen ein wenig Politur, bis die weiße Farbe zum Vorschein kommt. Je tiefer wir gelangen, umso unwegsamer und hindernisreicher wird der Abstieg. Wie ein Magnet zieht mich der dunkle Schlund minutenlang immer weiter nach unten bis mir Ines zuruft. "Du, ich mag nicht, dass du noch weiter hinuntergehst!". Dem Tonfall nach zu urteilen, meint sie es ernst. Ihr Echo verleiht dem Wunsch Nachdruck. Tatsächlich ist es vernünftig, hier besser ausgerüstet, samt Seilen und Helmen weiterzumachen. Gerne folge ich ihrer Bitte auch deshalb, weil ich es sehr mag, wenn Ines (ausnahmsweise) die Rolle des "Vorsichtigen" übernimmt. Eine ungeliebte Rolle, in die mich meine Liebste mit ihrer grenzenlosen Zuversicht und Anfällen von Waghalsigkeit (wie zB. die Stürmung eines Sektenzentrums in Nottingham) oft unabsichtlich hineinbugsiert. Nun genieße ich ein wenig ihre Sorge und kehre unter dem Lichtkegel ihrer Lampen wieder zurück nach oben. Auf halbem Weg möchte ich jedoch noch ein wenig das wunderbare Echo ausnutzen und beginne lautstark zu singen. Als ich meine improvisierten Arien schmettere, spüre ich die Resonanz im ganzen Körper. Ein beeindruckendes Gefühl, alles würde man mit den Schallwellen eins werden. Ines stimmt zwar nicht mit ein, gönnt mir aber einige Minuten Freude, bevor wir ins Freie zurückkehren.

Draußen vor der Höhle hat sich der Himmel inzwischen grau gefärbt und der Wind kein bisschen gedreht. Für uns bedeutet das also starken Gegenwind für die kommenden Kilometer. Der Rückweg macht zugegebenermaßen keinen Spaß, aber wir sind froh unseren Bus unversehrt und gerade noch bei Tageslicht zu erreichen.

Der Ort, an dem uns die Wanderung am nächsten Tag führt, klingt bereits nach Abenteuer. Wir wollen das Tal des Todes von seiner Mündung bei Kato Zakros hinauf wandern und dabei die Schlucht erkunden. Vorbei an unzähligen Orangen- und Zitronenbäumen, die wir am Rückweg gerne von ihren schweren Früchten erleichtern wollen, folgen wir den Schildern bis zum Eingang der Schlucht.

Das Tal des Todes sieht am ersten Blick sehr lebendig aus. Nicht unbedingt die kahlen Sträucher, aber der grüne Pflanzenwuchs am Wegesrand vermag in der Sonne ordentlich zu leuchten. Neben uns erheben sie jeweils zwei steile Felswände deren rote Flanken weiter unten dicht bewachsen sind. Die Tierwelt hält sich hingegen bedeckt und lässt sich zu Beginn weder hören noch sehen. Ines findet entlang des schmalen Weges üppige Sträucher voller wildem Oregano und Thymian. "Puh, is der aber intensiv" urteilt Ines, die bereits munter auf ein paar Blättern kaut. "Passt, kommt auf die Pizza" lautet meine Antwort bevor wir uns eifrig ans Pflücken machen. Was die Blätterverkostungen anbelangt, bleibt es natürlich nicht beim Oregano und Ines verzieht immer mal wieder heiter die Miene oder weitet die Augen um ihr Urteil zu untermalen. Die Wanderung selbst, inmitten der roten Felswände, empfinden wir als ganz hübsch und nicht anstrengend. Die beste Jahreszeit dafür haben wir wohl noch nicht erreicht. Die vielen Bäume und Pflanzen lassen auf prächtige Farben schließen, sobald die Sonne im Frühling wieder den Weg hinunter zwischen die Felswände findet. Am Rückweg pflücken wir, wie geplant, noch Zitronen und machen uns am frühen Nachmittag auf den Weg nach Xerokampos. Auf den Besuch der minoischen Ruinen in Kato Zakros verzichten wir dagegen. Die Anlage ist von außen gut einsehbar bzw. kann man von außen gut erkennen, dass es drinnen wenig gibt, dass den üppigen Eintritt rechtfertigt. Wobei sich der Preis seit der Ausgabe unseres Reiseführers im Jahr 2020 auch verdoppelt hat. Ohnehin haben wir uns die vergangenen Wochen oftmals über das hohe Preisniveau auf Kreta, wie im Rest Griechenlands gewundert. Fürs Essengehen haben wir in den vergangen Sommerurlauben nicht mehr bezahlt, wobei auch die Preise bei den Wochen- und Supermärkten deutlich gestiegen sind. So fällt die Rechnung im Supermarkt mittlerweile höher aus, als Zuhause in Österreich, wo das Lohnniveau weit höher liegt. Ein weiterer Grund wohl, warum die Einheimischen sich so intensiv ihren Obst- und Gemüsegärten widmen und selber sehr eifrig Pflanzen und Kräutern sammeln.

Ines erlebt in einem kleinen Laden entlang unserer kurzen Etappe ein besonderes Highlight. "Ziemlich cool, ich hab uns gerade selber die Bananen von der Staude schneiden dürfen" berichtet sie mir mit strahlendem Lächeln von ihrem Besuch in einem kleinen Laden.

Am Strand bei Xerokampos parken wir uns dreimal um, bevor wir einen ebenen und halbwegs windgeschützten Platz finden. Zum Rauschen der Brandung läuft Abends im Bus abermals ein Skirennen, das uns die heftigen Breitseiten des Windes vergessen lässt. Die Gegend hier im Osten Kretas ist sehr dünn besiedelt. An den herrlichen türkisblauen Stränden und der bunten Vegetation liegt es wohl nicht. Eher ist es der Mangel an Infrastruktur, der die Menschen davon abhält, sich hier dauerhaft niederzulassen. Wild und unberührt wirken weite Abschnitte der Küstenlinie, wo jeden Morgen die Sonne über dem Meer aufsteigt. Die Region ist im Frühling wohl noch reizvoller, wenn die Stürme seltener werden und die Wellen sich beruhigen.

Über schier endlose Serpentinen verlassen wir trotzdem zufrieden den Osten und kehren über die Hochebene bei Ziros zurück nach Ierapetra und von dort hinauf in unser kleines Bergdorf, wo eine warme Dusche auf uns wartet und dicke Wände, die uns vor der nächsten Sturmfront schützen.

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Kommentare: 5
  • #1

    Ula (Mittwoch, 18 Februar 2026 22:14)

    Ich lese und folge gerne euren Erlebnissen.
    Danke das ihr uns daran teilhaben läßt.
    Alles Liebe und noch weiterhin gute Erlebnisse.

  • #2

    Hari (Donnerstag, 19 Februar 2026 03:40)

    Hallo ihr 2.
    Zuerst habe ich ja auf das Foto von Ines auf dem Bus � gewartet. Nachdem ihr aber uns und unseren YouTube Kanal so nett erwähnt, ist alles gut �.
    LG von der Baja California aus Mexiko

  • #3

    Mariella (Donnerstag, 19 Februar 2026 19:41)

    Super geschrieben, ich habe das Gefühl ich bin live dabei! �❤️�

  • #4

    Birgit (Samstag, 21 Februar 2026 03:05)

    Ich bin wieder eingetaucht in eure Erlebnisse und freue mich mit euch über eure schöne Reise in Griechenland und all die schönen zufälligen (Wieder)Begegnungen, denn diese machen eine Reise nochmal zu was ganz Besonderem. Die Höhle muss wirklich spannend gewesen sein, wie ihr da in die Tiefe vordringt. Für die Bewohner der Höhe war Michi's musikalische Einlage sicher auch was ganz Besonderes .
    Danke für eure lieben Worte zu unserem Video �
    Es war uns eine Ehre, in Marokko in eurem tollen blauen Bus mitfahren zu können- bleibt unvergessen �
    Weiterhin gute Fahrt und viele schöne Eindrücken und Erlebnisse- freue mich schon auf den nächsten Blog.

  • #5

    Xandi (Donnerstag, 09 Juli 2026 13:23)

    Bussis ihr süßen!!

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