Dorf(un)romantik, Karneval und Abschied von Kreta

Detective Maria ermittelt

Unser Empfang im Bergdorf fällt bescheiden aus. Während wir uns über den letzten freien Parkplatz freuen, kommen zwei aggressive Höllenhunde gelaufen, knurren, demonstrieren ihre scharfen Zähne und bellen lautstark den noch rollenden Bus an. Die Besitzerin scheint nichts außergewöhnliches daran zu finden und verschwindet ohne Notiz zu nehmen um eine Ecke. Nachdem Zerberus und sein hässlicher Zwilling außer Sichtweite sind, packen wir unseren Kram und ziehen vorübergehend ein weiteres Mal ins kleine Häuschen im Bergdorf ein, um den nächsten Sturm auszusitzen.

Am nächsten Vormittag verfolgen wir in der beheizten Küchenstube gerade den ersten Durchgang des Skirennens, als es aus dem Innenhof gewaltig kracht und scheppert. Weder Sturm noch Regen, sondern zwei wildfremde Menschen haben (offensichtlich mit Hilfe eines Schlüssels) die rostige und krachende Eingangstüre geöffnet und sehen mich nun genauso verdutzt an, wie ich sie.

"Oh, oh, you're friends of Sissi, right?" fragt die Dame in gebrochenem Englisch während ihr der Frappébecher fast aus der Hand fällt. Ihr Begleiter, ein Mann um die 60, stellt sich als Iannis vor. Die beiden wollten sich nur kurz umsehen, meinen sie und wir sind ein wenig perplex. Die Dame wirkt, im Gegensatz zu ihrem Begleiter, als wäre sie zumindest mit der Örtlichkeit vertraut. Wir öffnen ihnen kurz die Räume, verstehen kein Wort was die beiden auf griechisch brabbeln und freuen uns dann doch, als sie sich nach wenigen Minuten wieder vom Acker machen.

Nachdem Ines von der Besitzerin Sissi in mehreren Nachrichten intensiv gebrieft wurde, mit welchen Nachbarn wir nicht reden dürfen, welche ihrer Einheimischen Freunde vor Ort gegenseitig zerstritten sind und welche Namen wir in wessen Gegenwart nicht erwähnen sollen, überlegen wir, ob auch ein "Iannis" dabei war. Ines überprüft den Chat-Verlauf, findet aber keinen Hinweis auf einen Freund oder Feind, der diesen Namen trägt. Da die beiden ungebetenen Gäste keinerlei Anstalten gemacht haben, auf ihr Verhältnis zur Besitzerin einzugehen und es doch sehr eilig hatten, wieder zu verschwinden, entscheiden wir uns dazu, Sissi und unserem Kontakt vor Ort, Maria, immerhin kurz Bescheid zu geben.

Aus Österreich erhalten wir am Abend noch "Entwarnung", wonach es sich wohl um Freunde aus Agios Nikolaos handelt, die bloß vergessen haben, sich vorab bei Sissi zu melden.

Ungleich mühsamer wird es am nächsten Tag. Ines gerät mitten in ein WhatsApp Bombardement aus Österreich und der Nachbarortschaft. "Geh bitte, die haben mir noch nach Mitternacht etliche Male geschrieben" seufzt Ines, nachdem sie am Morgen ihr Handy aufdreht. Bei unseren ungebetenen Gästen handelte es sich anscheinend doch nicht um Freunde von Sissi, was im fernen Österreich zu mehr Unruhe, als bei uns geführt hat. Sissis Freundin Maria aus dem Nachbardorf setzt sogar eines drauf und meldet sich bei Ines an, noch am Vormittag vorbeizukommen um "further investigations" zu unternehmen. Ach herrje.

Um die anscheinend angespannte Lage gleich zu entschärfen, setze ich auf Humor und begrüße die ernste Maria bei ihrer Ankunft mit Kaffee und "Hello Detective!".

Nein, wir haben keine Bilder der beiden Fremden gemacht. Nein, wir kennen nur seinen Namen. Nein, wir kennen ihr Fortbewegungsmittel nicht, schließen jedoch auf ein Auto, da der volle Pappbecher mit dem "Eiswürferl-Kaffee" nur bedingt per Fahrrad oder Moped hier angekommen wäre. Auch in Sachen Personenbeschreibung beweisen wir Talent als "Hilfsermittler", die wir am liebsten gar nicht sein möchten.

Detective Maria tätigt in unserer Gegenwart noch einige Anrufe im Dorf und beschließt, noch Anrainer (sofern auffindbar im Geisterdorf) zu befragen, nachdem sie uns verlässt. Alles in allem eine sehr skurrile Situation, von der wir uns mittags ebenso wieder verabschieden.

Im Gepäck haben wir zwei frische Laibe Brot, von denen einer ein Geschenk werden soll. Am östlichsten Zipfel von Istro gibt es einen hübschen Strand, den wir bisher noch nicht besucht haben. Der Tipp kommt von Karin und Stefan, die wir in den vergangenen beiden Wochen zweimal getroffen haben und uns ein Foto von dort geschickt haben. Die heitere Karin, die tatsächlich stets ein Lächeln im Gesicht trägt, hatte zudem am Vortag Geburtstag und soll deshalb die Empfängerin des zweiten Laibes werden.

Die Überraschung gelingt und wir verbringen einen lustigen Nachmittag mit den beiden sympathischen Pensionisten, die in der warmen Jahreszeit ihr Wohnmobil gegen ihr Boot eintauschen, um damit die griechischen Küsten zu erkunden.

Uns zieht es am nächsten Tag weiter in den Westen nach Malia, wo der Wind weniger pfeifen soll. Dort am hübschen Potamos Beach stehen wir wunderbar auf einer Klippe mit Blick auf den Sandstrand, genießen einen sonnigen Nachmittag und machen uns am trüben nächsten Tag auf, zu Fuß die Gegend zu erkunden. An der archäologischen Stätte wird derzeit eine große Überdachung angebracht, was leider eine vorübergehende Schließung des gesamten Areals mit sich bringt. Als Ersatz dient uns am Abend eine neue und sehenswerte Dokumentation auf ARTE aus der Reihe "Abenteuer Archäologie", die konkret von den Ausgrabungen hier handelt.

Von Malia zieht es uns zurück an den schönen Strand von Karavostasi bei Istro, wo wir uns bereits vor einer Woche sehr wohl gefühlt haben.

Wir verbringen die nächsten Tage dort, spazieren täglich ins Dorf zum Bäcker und vorbei an den Gärten, wo wir zusehen, wie geackert und geerntet wird. Abends nimmt die Brandung stets zu und sorgt im Bus für eine liebgewonnene Geräuschkulisse. Obwohl Ines kaum eigene Ambitionen hegt, ins kalte Meer zu springen, gelingt es mir fast täglich sie zu locken. An einem Abend bekommen wir Besuch von den beiden Kanadiern mit denen wir nochmals nett plauschen. Als die Frau sich erkundigt, wie oft wir während unserer Reise getrennte Wege gehen und wer bei uns das "mühsame Kochen" übernimmt, wird mir abermals bewusst, wie glücklich ich mich schätzen darf. Es ist wohl auch unter (dauer)reisenden Paaren nicht so selbstverständlich, dass man Tag und Nacht miteinander verbringt, ohne sich auf die Nerven zu gehen. Ich kürze das Thema wohl ein wenig ab, indem ich stolz von Ines Freude am Kochen und Backen erzähle. Als nach durchwegs sonnigen Tagen die nächste Sturmfront ihre ersten Vorboten schickt, hat Ines einen folgenschweren Einfall. "Du, wir könnten ja heute die Schiebetüre zerlegen und schmieren!". Tatsächlich öffnet sich das Schloss der Türe seit Wochen nur mit Nachdruck bzw. festem Anziehen. Die Arbeit wollte ich eigentlich an einem Ort erledigen, wo ich mich und das Werkzeug ein wenig besser ausbreiten kann. Jedenfalls gefällt mir der Motivationsschub meiner Liebsten, unserem mobilen Zuhause etwas Gutes zu tun, und ich willige ein, mich am Nachmittag an die Arbeit zu machen. Die Blende ist gemeinsam rasch entfernt und das Gleit- und Trennmittel wirkt Wunder. Das Schloss lässt sich von außen leichter öffnen denn je. So ordentlich geputzt und geschmiert, lässt sich dafür die Türe von Innen plötzlich nicht mehr öffnen. Ich überprüfe den Griff und den Mechanismus mehrmals, kann jedoch keinen Fehler finden. Frust macht sich breit. Weitere Versuche dauern bis in die Abendstunden, bringen jedoch keinen Erfolg. Zumindest verstehe ich die (nun offen vor mir wirkende) Mechanik soweit, dass ich die Türe von Innen per Schraubenzieher öffnen und versperren kann. Ein winziger Trost, nachdem ich eher unbegabt im Lesen von Zahnrädern, Hebeln und dergleichen bin.

Aufmunterung bringt uns ein überraschender Besucher am nächsten Morgen. Seebär Michael, kurz Micha, hat uns am Vortag geschrieben und klopft bereits zum ersten Kaffee am Morgen an unsere Türe. Beim freudigen Wiedersehen mit dem herzlichen Micha, fällt uns auf, dass er kaum weniger Steine, Talismane oder Schlüssel um den Hals hängen hat, wie sein Kumpel Bobby, der derzeit eine Tagesetappe hinter ihm ist. "Nun ja, die meisten sind von Bobby...der findet so allerhand oder tauscht Dinge ein" deutet Micha auf den bunten Schmuck. Kein bisschen Zauber oder Voodoo also, zumindest was den einen Seebären betrifft. Er muss für einen privaten Termin einige Tage zurück nach Deutschland fliegen und wollte uns nochmal besuchen, bevor er die Insel kurz verlässt.

Später als geplant, brechen wir wieder auf um den nächsten Sturm im Bergdorf auszusitzen. Wir entscheiden uns noch, einen Umweg zu einer Werkstatt außerhalb von Ierapetra zu machen, wo wir auf Anhieb Glück haben. Ein Mitarbeiter spricht Englisch und ruft einen Mechaniker zu sich, der mich zum Bus begleitet. Sein geschultes Auge benötigt keine zwei Minuten, um einen feinen Riss hinter der Griffmuschel zu finden, der seiner Meinung nach der Grund für die Fehlfunktion ist. Ich tausche mit seinem Kollegen Telefonnummern aus und bitte ihn darum, das Ersatzteil ausfindig zu machen.

Nach einem Besuch im Supermarkt kehren wir mit gemischten Gefühlen zurück ins Haus, wo wir vor weniger als zwei Wochen noch ungebetene Besucher hatten. Ines hat zwischenzeitlich "Fahndungsfotos" von Maria erhalten, wo fremde Menschen abgebildet sind, die als mögliche Eindringlinge verdächtigt werden. Die richtigen Beiden waren jedoch nicht dabei. Auch müssen wir uns abermals mit Maria treffen, die in unserer Abwesenheit veranlasst hat, sämtliche Schlösser tauschen zu lassen und derzeit somit "Exklusivzutritt" hat.

Wir halten den ganzen Aufwand für überzogen, behalten aber unsere Meinung für uns und wollen uns in nicht die klitzekleinste Entscheidung einmischen.

Bei der Schlüsselübergabe erfahren wir, dass ein Freund von Maria und Sissi am Nachmittag noch kommen wird, um die letzten Schlösser zu tauschen und den fehlenden Schlauch der Waschmaschine vorbeizubringen. Hurra, die Tage der Handwäsche sind vorerst gezählt! Die Waschmaschine, die eigentlich vorhanden sein sollte, wurde vergangene Woche tatsächlich ersetzt. Ein Highlight, genauso wie die herrlichen Semmelknödel, die uns Ines für den stürmischen Abend zaubert, an dem der Himmel ohne Unterbrechung donnert und Regentropfen, groß wie Kürbiskerne, auf das Dach schmettern. Die Sturmspitzen halten sich mit 86km/h noch "in Grenzen", während der Ausblick auf die kommenden Tage Windgeschwindigkeiten bis zu 102km/h (!) anzeigt.

Nach zwei Nächten verlassen wir Prina und hoffen auf ruhigere Gezeiten ein Stück weiter weg an der Nordküste. Davor besuchen wir das Bergstädtchen Kritsa, dass nicht nur um einiges größer ist, als unser vertrautes Dorf, sondern auch Tavernen und Handwerksläden zu bieten hat. Die kleine Hauptgasse ist ansprechend schön und könnte ihren Weg in so manche griechische Reisebroschüre finden. Weiße Fassaden, bunte Balkone und wilder Wein, der sich seinen Weg entlang der Mauern bannt. Viele der alten Holztüren verrichten wohl seit Generationen ihren Dienst und haben Schlüssellöcher, die ganze Finger verschlingen könnten. Die geöffnete Taverne bietet mit ihrer Terrasse, die rund um einen großen Baum angelegt wurde, einen weiteren Blickfang. Dort gönnen wir uns ein griechisches Mittagessen und lassen die Idylle wirken.

An der Küste erwartet uns später der altbekannte Sturm. Ines Wetterapps laufen auf Hochtouren und tatsächlich nehmen weiter westlich die Sturmspitzen ab. So landen wir nochmals in Malia, wo wir uns ein gut verstecktes Plätzchen hinter hohen Büschen suchen und zu Fuß nach vor zum Strand spazieren. Dort staunen wir nicht schlecht, als wir nicht nur den Pick-up von Micha, sondern auch den VW Bus seines Seebärkollegen Bobby entdecken. Ein überraschend schnelles und freudiges Wiedersehen, auf das wir mit den Beiden und einigen "Zaungästen", die Bobby spontan eingeladen hat, zum Sonnenuntergang noch anstoßen. Am Morgen verabschieden wir uns wieder von den beiden, da Micha seinen Flug erwischen muss und Bobby ihm beim Transfer vom Stellplatz zum Flughafen hilft. Die Beiden haben ähnliche Pläne wie wir und wollen Kreta demnächst in die selbe Richtung verlassen. Die Chancen stehen also gut, dass wir die zwei herzlichen Zeitgenossen bald wiedersehen. Danach folgt einer der wärmsten und gleichzeitig wackeligsten Tage überhaupt. Besonders fies sind die überdurchschnittlich warmen Temperaturen, die zum draußen sein einladen. Der Bus bietet zu wenig Windschatten und so sitzen wir erstmals seit Ewigkeiten tagsüber nur mit Unterwäsche bekleidet in unserem Bus und lassen uns von den Böen kräftig durchschütteln. Als der Leidensdruck zu groß wird, beschließen wir trotz Sturm ins Meer zu hüpfen, verwerfen die Idee nach einer heftigen Sandstrahlung aber rasch wieder. Beim Verwenden der Stranddusche bedarf es dagegen an Kreativität. Der überschaubar kräftige Strahl schießt nun horizontal aus dem Brausekopf und findet den willigen entblößten Körper erst in rund vier Metern Entfernung. Solche Aktionen machen mit Ines besonders Spaß, die sich nicht nur anschließt, sondern dabei aus dem Lachen nicht mehr herauskommt und mit heiteren Tönen die Situation kommentiert.

Das Aussitzen macht sich dann am kommenden Tag bezahlt, wo der Wind endlich wieder Pausen einlegt. So bauen wir zwischen den Büschen unser kleines Fitnessstudio auf, platzieren die Yogamatte und wissen die "guten" Stunden besonders zu schätzen. Auch das Schwimmen holen wir gemeinsam nach. Am Abend marschieren wir, länger als erwartet, bis zum einzigen Geschäft, dass in Malia geöffnet hat. Dabei sehen wir erstmals, seit unserer Ankunft, die Auswüchse des Massentourismus auf Kreta. Der Ort ist weitläufig, beherbergt abertausende Hotelbetten, etliche Geschäfte, Autovermietungen oder Tavernen, die allesamt geschlossen sind. An der zentralen Straße der Stadt befindet sich sogar ein McDonalds Restaurant, das im Winter völlig dicht ist. Danach reihen sich Diskotheken, Nachtclubs, Bars sowie unzählige Tattoo- und Piercingstudios aneinander, die darauf schließen lassen, welche Art von Urlaub hier normalerweise verbracht wird. Wo tausende Leute am Abend sonst grölen und feiern, hört man derzeit nur wie der Wind ein leeres Chips-Sackerl über die Straße weht. Am Ende der Partymeile, die länger als eine Meile ist, finden wir endlich den Supermarkt und kaufen beinahe mehr, als wir in unseren Rucksäcken transportieren wollen. Am Rückweg fragen wir uns, wer hier im Sommer Urlaub macht und ich muss mir augenzwinkernd eingestehen, dass es eine junge, hormonell unausgewogene 20-jährige Version von mir gab, die wohl zur Zielgruppe gehört hätte. 

Buntes Treiben zum Abschied von Kreta

In der Werkstatt, wo der neue Griff (in Form eines makellosen Originalersatzteils) auf uns wartet, kommt Freude auf. Bereits beim ersten Anziehen der Schrauben funktioniert der Mechanismus wieder und wir starten unsere letzte Etappe zurück in den Westen von Kreta. Nachdem der Geburtstag meiner bezaubernden Frau ansteht, wollen wir etwas außergewöhnliches erleben, das zufällig am selben Wochenende stattfindet. Der große Karneval von Rethymno, von dem wir erstmals vor wenigen Wochen gehört haben, ist nicht nur der größte Karneval Kretas, sondern gemeinsam mit dem in Patras der größte in ganz Griechenland. Ines freuts sich auf das Rahmenprogramm und den Besuch der hübschen Stadt, die wir bisher kaum kennen.

Davor dürfen wir noch Gutes tun und Seebären Micha vom Flughafen abholen und zu seinem Fahrzeug bringen, nachdem sein Kumpel Bobby noch im Süden festhängt. Das verbinden wir mit dem Besuch der einzigen IKEA Filiale Kretas, direkt neben dem Flughafen von Heraklion. Dort gönnen wir uns neben den obligatorischen veganen Snacks auch noch ein vorgezogenes gegenseitiges Geburtstagsgeschenk. Bereits in Österreich waren wir auf der Suche nach einem Matratzentopper, der uns zufällig hier auf Kreta in der richtigen Größe in die Hände fällt. Nachdem die große Filiale außerdem kaum besucht war, kann ich auf einen der angenehmsten Besuche aller Zeiten beim schwedischen Einrichtunghaus zurückblicken.

Danach gabeln wir Micha am Flughafen auf, liefern ihn bei seinem Fahrzeug ab und fahren noch ein Stück weiter in den Westen, wo wir kurz nach Sonnenuntergang eine ruhige Bucht erreichen. Dort plantsche ich am nächsten Morgen noch ergiebig, bevor wir den Campingplatz bei Rethymno ansteuern. Die Wettervorhersage bewahrheitet sich. Es wird trüb, der Wind pfeift und pünktlich zu Ines Geburtstag am nächsten Tag soll es auch regnen. Von einem ersten Ausflug in die Altstadt lassen wir uns dennoch nicht abhalten, finden eine Bushaltestelle und lassen uns öffentlich ins Zentrum chauffieren. Die vermischte Architektur, über Jahrhunderte von Venezianern und Osmanen geprägt, sticht ins Auge. Ringsum sieht es älter und geschichtsträchtiger aus, als an den meisten Orten auf Kreta. Stadttore, venezianische Brunnen, alte Kirchen und eine umfunktionierte Moschee liegen dicht beisammen und laden zum Verweieln ein. Einige der kunstvoll gestalteten Karnevalsfiguren zieren bereits die Plätze und warten auf ihren Einsatz. Wir werden beim Flanieren von den Einheimischen angesteckt, die sich in den vielen Kostüm- und Maskengeschäften tummeln. In einem dieser bunten Läden drücke ich meiner Liebsten gleich eine Auswahl an Masken in die Hand und finde danach auch ein passendes Exemplar für mich. Mit einem Mindestmaß an Verkleidung für den nächsten Tag ausgestattet, gönnen wir uns unter der Fortezza, wie die Burganlage genannt wird, noch einen griechischen Kaffee und treten vor Sonnenuntergang die Rückfahrt an.

Am nächsten Morgen darf ich Ines ein extra liebevoll zubereitetes Frühstück kredenzen und sie zu einem Sprung ins Meer einladen. Danach gibt es nochmals Kaffee. Diesmal in bester Gesellschaft der beiden Seebären, die sogar ihr selbst auferlegtes (Vormittags-)Fasten sausen lassen, als Ines die Orangentorte teilt, die sie sich am Vortag eigenständig im Supermarkt ausgesucht hat. Was für ein zufriedenes und bescheidenes Geburtstagskind sie doch ist.

Bobby versteht sich bekannterweise auf das Knüpfen von Ketten mit unterschiedlichen Anhängern. Mit größtem Vergnügen macht er sich daran, den Stein, den Ines gerade am Strand gefunden hat, einzuknüpfen um ihr wenig später den fertigen Halsschmuck zu schenken. Daneben lauschen wir gern den Geschichten, die Bobby in seiner besten allgäuer-australischen Dialektmischung zum Besten gibt.

Drinnen in der Stadt steppt bereits mittags der Bär. Die Straßen sind knallig bunt geschmückt, die ersten Lautsprecher werden getestet und an den Ecken noch die letzten Konfetti und Luftballone angeboten. Die Stunden bevor der Karneval eröffnet wird, nutzen wir zum Reservieren eines Tisches in einem ansprechenden Restaurant im Hafenviertel, laufen die noch unbekannten Ecken der Altstadt ab und stoßen mit einem Cocktail auf Ines Jubiläum an. Vor genau einem Jahr waren wir in Marokko. Damals in Tanger, wo wir uns auch bekochen ließen, ins Museum eingeladen wurden und bei deutlich angenehmeren Temperaturen langsam in den Orient eingetaucht sind.

Als wir gerade (unter einer Markise geschützt) die Lippen an die Strohhalme setzen, beginnt es kräftig zu regnen. Gutes Timing an einem guten Tag.

Pünktlich zum Beginn der Parade lässt der Regen nach und wir erreichen rechtzeitig die Hauptstraße, wo bereits dröhnender Bass das nahe Spektakel ankündigt. Tatsächlich muss man nur dem Gehör folgen, um die Parade zu finden, die akustisch wie eine Dampflokomotive auf uns zurollt. Wir wandern dem Umzug entgegen, um danach ins dessen Mitte einzutauchen. Unsere einfachen Masken aus chinesischer Produktion können mit der bunten Kostümvielfalt nur bedingt mithalten. Mönche, Comic Helden, Obstsorten und Tierkostüme stehen hoch im Kurs. Es ist der Familienumzug, wo auch zahlreiche Kinder dabei sind und viele Kostüme äußerst kreativ in Eigenproduktion hergestellt wurden. Irgendwo zwischen einem Skelett und einem Pink Panther werden wir Teil der Horde und ziehen bis hinunter durch das Stadttor mit. Es bleibt irrsinnig laut, aber das Drängen und Schubsen hält sich dagegen in Grenzen.

So ganz wohl fühlen wir uns in Menschentrauben dann doch nicht, verlassen die Menge bevor es dunkel wird und brechen zu unserem reservierten Tisch auf. Ines hat sich die beste Pizzeria der Stadt ausgesucht. Che bello! Man könnte meinen, es sei mein Geburtstag.

Wir schmausen zufrieden, bekommen zum Dessert in zweites Geburtstagstörtchen serviert und mischen uns danach nochmals unter die Narren und das bunte Treiben.

Nachdem es so kalt geworden ist, dass wir unseren eigenen Atem sehen können und der Himmel sich wieder erleichtert, beschließen wir auf den nächtlichen Umzug zu verzichten und mit den öffentlichen Bus zum Campingplatz zurückzufahren. In unserem Bus wird später noch lange geheizt, bevor wir uns unter die Decken kuscheln und auf einen heiteren Tag zurückblicken.

Für uns geht es am nächsten Tag zurück in den Osten, wo wir noch Vorbereitungen treffen wollendem Bergdorf einen letzten Kurzbesuch abstatten. Dort buchen wir die Fährtickets, waschen Wäsche und brechen nach Sitia auf, wo unser Boot am nächsten Tag abfährt. Unser Plan, Kreta nach zwei Monaten zu verlassen, um unserem nächsten Ziel, der Türkei, näherzukommen, hat ein konkretes Datum bekommen. Wunderschöne und teils völlig einsame Strände liegen hinter uns. Inmitten der malerischen vielfältigen Natur, haben wir uns aber oft über das mangelnde Umweltbewusstsein der Einheimischen geärgert. Die Menschen, die uns freundlich empfangen haben, werden wir gerne in Erinnerung behalten und gleichzeitig den weniger freundlichen Einheimischen Zeitgenossen "Yassas" sagen. Es geht für uns mit der Fähre nach Rhodos. Die viertgrößte Insel Griechenlands, wo die Türkei bereits in Sichtweite ist und einst ein Weltwunder der Antike gestanden haben soll. Wir freuen uns auf eine neue Insel, neue Eindrücke und bekannte Gesichter in Form der sympathischen Seebären, die am selben Tag übersetzen wollen wie wir.

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Kommentare: 4
  • #1

    Regina (Mittwoch, 01 April 2026 10:58)

    Liebe Ines, lieber Michi!
    Eure Reiseabenteuer klingen wirklich spannend! Wir wünschen euch noch viele schöne und glückliche Momente auf eurer Reise! Regina & Norbert ��

  • #2

    Birgit (Dienstag, 07 April 2026 04:42)

    Hallo ihr Lieben ��
    Es war wieder so schön in eure griechischen Erlebnisse einzutauchen.
    Ich musste auch herzlich lachen, als ich mir das Duschen beim starken Wind so bildlich vorgestellt habe � �
    Wie immer schreibt ihr so gut, dass ich es gefühlsmäßig und bildlich miterlebe �
    Ines ich freue mich schon, deine leckeren Semmelknödel vielleicht irgendwann probieren zu können �
    Ich wünsche euch jetzt a ganz schöne Zeit auf Rhodos, viele wunderschöne Erlebnisse, gutes Auftanken ���und schönes Wetter und weniger Wind �☀️

  • #3

    Joxe (Mittwoch, 08 April 2026 00:08)

    Liebe Birgit, du sprichst mir aus der Seele. Genauso hab ich das Gelesene auch empfunden �
    Super Gefühle und Stimmungen werden bei euren Abenteuern geweckt. Danke, dass ihr sie mit uns teilt.
    Big Hug ����

  • #4

    Xandi (Donnerstag, 09 Juli 2026 13:46)

    So schön das ihr immer wieder bekannte Gesichter auf eurer Reise trefft. Ein gelungener Geburtstag war das auf heden fall �

So findet man uns

wir freuen uns über Nachrichten von euch :)