Pfauenaugen zum Frühstück

Die letzte Nacht im Bergdorf und die letzte Wanderung vergehen wie im Flug. Von Ines, die von der großen Küche Abschied nimmt, darf ich mir vorerst zum letzten Mal eine richtig "exotische" Speise wünschen. Tatsächlich zaubert sie Kaspressknödeln (mit griechischer Note), die meinen spontanen Gusto wunderbar stillen. Auch die Waschmaschine erweist uns einen letzten Dienst, bevor wir nach Sitia aufbrechen, wo am kommenden Morgen unsere Fähre ablegt. Am langen Kai, direkt neben dem Hafen treffen wir Micha, der schon am Vortag angekommen ist und erfahren, dass Bobby erst früh am nächsten Morgen zu uns stoßen wird. Sitia bedeutet für uns auch, die letzte Chance zu haben, noch einmal leckere Loukoumades zu schlemmen und so machen wir uns auf zur Konditorei Mitsakakis, wo wir vor knapp sechs Jahren zum ersten Mal in den Genuss der süßen Teigbällchen gekommen sind. Selbst ein, an Durchfall leidender schwarz-weißer Kater, der sich an der Palme neben unserem Tisch erleichtert, kann uns den Appetit nicht verderben. Über die Glasscheibe zwischen uns und seinen Hinterlassenschaften, sind wir jedenfalls dankbar. Danach vertreten wir uns zum letzten Mal auf Kreta ausgiebig die Füße und hoffen am Abend, trotz der vielen parkenden Autos neben uns, auf eine ruhige Nacht. Da es sich um einen "ruhigen" Wochentag handelt haben wir Glück und der letzte löchrige Sportauspuff und sein Lenker verabschieden sich bald nach Mitternacht. Nachdem wir um 7:00 am Hafen erwartet werden, läutet bereits gegen 6:00 der Wecker. Eine eher kurze Nacht liegt hinter uns. Am Hafen komplettiert Bobby unser Quartett und fügt sich erfrischend heiter in die Runde ein. "Luahgats, i moch nu an Kaffffffe fir uns" gibt er lachend zu verstehen. Den braut dann doch Micha, nachdem Bobby aus dem Erzählen, Organisieren und Werkeln an seinem Bus nicht mehr rauskommt und aufs Wesentliche vergisst. Wir kommen sogar noch zum Frühstücken, da die Fähre über eine Stunde Verspätung hat und Ines kann die Netzverbindung noch nutzen, um ihrer Schwester per Videoanruf zum Geburtstag zu gratulieren.

Auch die Mitarbeiter dieser Fähre gehören zu einem sehr unentspannten Menschenschlag. Sämtliche Fahrzeuglenker werden nicht nur durch den Schiffsbauch kommandiert, sondern angeschrien und mit harschen Gesten in Position getrieben. Ines durfte diesmal sitzen bleiben und das übertrieben hektische Schauspiel live erleben. Oben an Board finden wir eine kleine Tischgruppe, wo wir uns für die kommenden acht Stunden einrichten. In der Zeit lernen wir unsere Reisegefährten noch ein Stück besser kennen. Der ruhige und gelassene Micha, der mit viel trockenem Humor ausgestattet ist, hat sein gesamtes Berufsleben bei der Polizei verbracht, ist stolzer Vater einer erwachsenen Tochter und obendrein ein passionierter Taucher. Der extrovertiertere Bobby, der nahe der Tiroler Grenze im Allgäu aufgewachsen ist, hat als junger Bursche bereits seine Koffer gepackt und ist nach Australien ausgewandert. Dort hat er sein halbes Leben verbracht, geheiratet, in einer Mine geschuftet und sich seinen Rücken ramponiert. Bevor er vor drei Jahren mit seinem VW Bus auf Reisen ging, hat er zuletzt in Indonesien gelebt und gearbeitet.

Uns verbindet die Liebe zur Natur und seinen Geschöpfen sowie das Empfinden, das mit unserer Welt und der modernen Gesellschaft, einiges nicht in Ordnung ist. "Rübe runter" sagt er jedes Mal scherzhaft, wenn ein Smartphone-Zombie ausdruckslos den Flur entlang schlurft. Es wird eine kurzweilige Überfahrt, wo wir viel zu lachen und erzählen haben.

Nach dem letzten Zwischenstopp auf Karpathos senkt sich langsam die Sonne und es wird Gewissheit, dass wir Rhodos erst bei Dunkelheit erreichen. Zum Stellplatz für die erste Nacht möchten wir auf jeden Fall gemeinsam fahren, bevor wir in den kommenden Tagen dann getrennt die Insel erkunden wollen. Ich darf den Konvoi von der Verladerampe weg anführen und bin dabei auf Ines Navigationskünste angewiesen. Knapp 20 Minuten südlich von Rhodos Stadt befindet sich ein Kloster auf einem Berg, wo wir unser Glück versuchen wollen. Ein wenig Mühe habe ich, langsam genug zu fahren, um meine gemächlichen Gefährten nicht aus den Augen zu verlieren. Oben am Berg finden wir ein weitläufiges Plateau samt Parkplatz vor, wo wir uns rasch einrichten und mit einem Tropfen Ouzu auf die geglückte Ankunft anstoßen, bevor wir uns jeweils in den warmen Bus zurückziehen. "I flack mi nieder in'd Kombüs, haun eich liab!" lauten Bobbys letzte Worte vor dem Schlafengehen.

Tatsächlich ist es eine ungewöhnlich kalte, wenn auch sternenklare erste Nacht, die wir auf Rhodos verbringen.

"Schau mal, der Micha ist schon weg" meint Ines, nachdem sie frühmorgens aus dem Fenster blickt. Es ist 7:00 Uhr und auch Bobby startet neben uns seinen Bus und tuckert davon. Wie wir beim ersten Kaffee beobachten können, zieht es die Beiden hinaus aus dem Schatten 100 Meter weiter auf ein Plätzchen in der Sonne. Verständlich, nachdem es auch am Morgen äußerst kalt ist. Wir folgen ihnen etwas später nach und erleben die Hauptattraktion dieses Ortes vor unserem Bus umherlaufen. Eine Kolonie von Pfauen stolziert quer über den Parkplatz und folgt uns bis in die Sonne. Neben Micha und Bobby, die bereits ihre Stühle aufgebaut haben, tummeln sich weitere Pfaue ohne jegliche Scheu. "I glaub, di san Menschen gwehnt!" kommentiere ich das Offensichtliche. Tatsächlich umrunden uns die prächtigen Vögel in der Hoffnung, ein paar Reste vom Frühstück abzubekommen. Das Gefieder der männlichen Exemplare, schillert noch intensiver, als wir es in Erinnerung hatten. Ein Wunderwerk der Evolution, das nicht nur die Damenwelt der Pfauen zu begeistern weiß. Micha findet eine Packung Sonnenblumenkerne in seinen Vorräten und wir füttern gemeinsam ein ums andere Tier. Zum Dank hätten wir uns ab und zu ein Rad erhofft, müssen uns aber dafür noch ein wenig gedulden. Wie wir erleben, öffnen die Männchen ausschließlich im Schatten ihr einzigartiges Gefieder. Seltsam doch, wo die Farbenpracht im Sonnenlicht weit besser zur Geltung kommt. Immerhin tun sie es, was auf die nahende Paarungszeit hindeutet. Ein herrlich tierisches Schauspiel, begleitet von einer raschelnden Kulisse, folgt auf das Nächste.

Die Suchmaschine bietet keine Infos, warum die Pfaue den Schatten bevorzugen, jedoch ein paar andere Infos. Pfaue sind demnach tief in der griechischen Mythologie verwurzelt. Der Legende nach stammen die "Augen" auf dem Pfauenrad vom Riesen Argos, der von Herakles getötet wurde. Göttin Hera (deren Tempel wir im Dezember besuchten) hat daraufhin seine Augen auf dem Gefieder der Pfaue verewigt.

Ines und ich erkunden das weite Plateau am Nachmittag, in der Hoffnung einige der hübschen Federn zu finden. Während ich besonders erfolgreich im Finden der brauen Federn der Weibchen bin, hat Ines mehr Glück. Drei Augen, auf kurzen sowie langen Federn, lautet ihre stolze Ausbeute. Sie trägt seit dem Morgen auch ihr Pfauenstirnband, das wohl ihren sechsten Sinn schärft.

Am einen Ende des Berges, fällt eine steile Klippe hinunter, von wo man auf den Flughafen und die Westküste hinunter sieht, während man im Norden bereits die Berge der Türkei erkennen kann. Wir bleiben eine weitere Nacht, trinken am Morgen nochmal gemeinsam Kaffee und lachen zusammen über den einen Pfau, der unseren Bus umgarnt. "Maah, des isch bockguat!" kommentiert Bobby, in seinem unverwechselbar herzigen Dialekt, das Exemplar, das sich direkt an und vor unserem blauen Bus aufplustert und mehrere Räder zum Besten gibt. Ob seine Augen bei dem Hintergrund besser zur Geltung kommen, darf vermutet werden. Wo bleiben die redseligen Pfauenforscher und Experten, wenn man eine Auskunft braucht?

Danach verabschieden wir uns vorerst von unseren Gefährten, die die Insel im Schnelldurchlauf einmal umrunden wollen, um danach die schönsten Plätze ein weiteres Mal zu besuchen. Ines und ich gehen es gemächlicher an und wollen nur ein Stück hinunter an die Ostküste fahren. Gerade am Zusammenpacken, bemerke ich ein Polizeiauto, dass schnurstracks zu uns hinaufrollt und direkt vor mir stehenbleibt. "Kalimera" begrüße ich den schnauzbärtigen Polizisten freundlich. "Kalimera, do you speak english?" erhalte ich als Antwort. "Okay sir, you have three problems now...." beginnt er seine Aufzählung. Tragend ist dabei nur das generelle (Wild)Campingverbot, mit dem er auch seine Aufzählung beginnt. Ich gebe mich verständnisvoll, bringe meine wenigen griechischen Floskeln an und werde vorerst nur verwarnt. Bevor er wieder fährt, merkt er an "And tell your firends as well", was mich verwundert. Der Polizist erklärt, dass gestern Abend jemand angerufen hat und drei "fremde Fahrzeuge" gemeldet hat. Nun gut, nichts passiert. Offensichtlich sind jedoch nicht alle Einwohner der Insel im selben entspannten und glücksseligen Gemütszustand, wie wir.

Ines, die sich bei meinem Gespräch dezent aus dem Staub gemacht hat, bekommt den Dialog entlang unserer kurzen Etappe nachgeliefert und ist ebenso froh, dass der Polizeibesuch glimpflich verlaufen ist. Unser Ziel, der "Anthony Quinn Beach" (benannt nach dem gleichnamigen Schauspieler), ist ein hübscher Fleck Erde, den wir uns mit der ansässigen Katzenfamilie teilen. Erst als ich dort, in Erwartung eine Runde zu schwimmen, die Füße ins Meer halte, bemerke ich die Unmengen an großen und kleinen Plastikteilen, die ans Ufer der halbrunden Bucht geschwemmt werden. Anfang März hat sich hier noch niemand berufen gefühlt, den sonst beliebten Badestrand ein wenig zu säubern. Der Badespaß wird erstmal vertagt. Auch gut, denn wir haben ohnehin zu tun. Meine Stiefmutter Margit, die bereits in Versuchung war, uns auf Kreta zu besuchen, hat am Vortag bei uns angerufen und angemeldet, "ab sofort und jederzeit" ein wenig Sonne und Meeresluft mit uns tanken zu wollen. Ein Flug ist relativ rasch gebucht, doch bei der gemeinsamen Unterkunft kommen wir ein wenig ins Schwitzen. Margit möchte ein Quartier am Strand, umgeben von Lokalen und Geschäften. Wir hätten gerne einen Parkplatz, ein gemeinsames Wohnzimmer und bestenfalls ein Waschmaschine. Eine eierlegende Wollmilchsau wird gesucht, die uns Rhodos Anfang März nicht bieten kann.

Da wir ja schon vor Ort sind, wollen wir uns eine Auswahl an möglichen Unterkünften am nächsten Tag ansehen. Die drei Häuser sind von außen ansprechend, doch die gesamte Umgebung liegt jeweils noch tief im Winterschlaf. Immerhin haben wir ein paar schöne Strände und verschlafene Orte besucht, bevor wir am späten Nachmittag in Lindos ankommen. Der Ort ist mit seiner bekannten Akropolis, der Besuchermagnet schlechthin auf der Insel. Am Ende des Ortes liegt über einer Bucht ein riesiger Besucherparkplatz, der außerhalb der Saison frei zugänglich ist. Im letzten Eck, richten wir uns neben Micha und Bobby ein, die bereits vor uns angekommen sind. Wir tauschen uns über die jeweiligen letzten 36 Stunden aus und sind ziemlich überrascht, dass sich Micha plötzlich überhaupt nicht mehr wohlt fühlt auf Rhodos. Er redet von Müllbergen, dreckigen Stränden und Bausünden, die ihm untergekommen sind. Wir erkennen nicht Ungewöhnliches, verglichen mit den letzten Monaten auf Kreta. Nun, man sieht halt was man sehen möchte und das eigene Gemüt beeinträchtigt doch immer unsere Wahrnehmung. Während Ines und ich sehr nette Plätzchen entdeckt haben und dabei sogar eine durchschnittlich riskante Flussdurchquerung weggesteckt haben, ist unserem Freund in der Zwischenzeit offenbar eine große Laus über die Leber gelaufen. Obwohl Bobby auch durchwegs positive Eindrücke sammeln konnte, ist Micha leider nicht umzustimmen. Er verabschiedet sich am kommenden Morgen tatsächlich von uns, mit dem Ziel, Rhodos schnellst möglich wieder zu verlassen. Die "Laus" bleibt ein Rätsel.

Um mir nicht weiter darüber den Kopf zerbrechen zu müssen, widme ich mich meiner liebsten sportlichen Aktivität und verbringe die Mittagsstunden am malerischen Basketballplatz, der nur hundert Meter entfernt liegt. Mit Blick aufs Meer und die Akropolis, hat ein Genie dafür gesorgt, das man hier Basketball spielen kann. Ein großartiges Vergnügen, das mir noch lange bildhaft in Erinnerung bleiben wird. Danach begleitet mich Ines zum Schwimmen und schlägt sich gut bzw. lang im kalten Nass. Das glasklare Wasser wird hier kein bisschen von Müll beeinträchtigt, obwohl auch hier gerade erst begonnen wird, die Buchten zu säubern.

Einen Erfolg ergibt auch eine neuerliche Internetrecherche, bei der wir ein kleines Häuschen samt Garten in Ialysos finden, dass viele Wünsche abdeckt und für die kommende Woche gebucht wird. Am Nachmittag grüßt uns ein Einheimischer mehrmals freundlich. Seine Walking-Runde führt ihn mehrmals über das Gelände bis er vor uns stehen bleibt. "Yes, we are really from austria!" stillen wir seine freundliche Neugier. "Oh, i've been there. It was beautiful and the best thing was Kaiserschmarrn!!!" gerät er ins Schwärmen und erzählt, dass er den halben Koffer mit (Kaiserschmarrn) Fertigmischungen vollgepackt hat, als er heimgeflogen ist. Wir sind gut unterhalten und spazieren am Nachmittag gemeinsam mit Bobby durch den Ort, besuchen dabei einen Künstler, den er am Vortag kennengelernt hat und lassen danach den Abend mit Blick auf die Akropolis ruhig ausklingen.

Nachdem wir uns am Morgen auch von Bobby verabschieden, gibt's einen Drohnenflug und eine weitere Runde Basketball samt anschließendem Badespaß, bevor wir noch am Vormittag Lindos verlassen.

Uns zieht es weiter in den Südosten der Insel, wo wir unter dem Ort Gennadi einen ruhigen Platz direkt am langen Strand entdecken, wo wir uns einrichten. Rhodos meint es weiterhin gut mit uns. Glücklich, abermals einen ganzen Strand mit niemanden teilen zu müssen, "vergessen" wir beim Plantschen unsere Badesachen und genießen die unbeschwerten Momente. Am Ufer finden wir außerdem eine Vielzahl an bunten Steinen, die sich ausgesprochen gut eignen würden, um sie um den Hals zu tragen. Nach zwei Nächten dort erkunden wir den südlichen Zipfel von Rhodos, entdecken dabei eine verfallene Seidenfabrik, unterhalten uns mit den herzlichen Ladenbesitzern in dem letzten kleinen Dorf der Insel und landen am Nachmittag ganz unten an der Westküste von Rhodos. Wir entscheiden uns für eine der unzähligen Holperpisten, die an den kilometerlangen Strand führt und staunen dort über die üppige Vegetation, die sich ihren Weg durch die Sanddünen bahnt. Tatsächlich macht nur der (teils angeschwemmte) Müll den Pflanzen Konkurrenz. Eine angenehme griechische Lektion in Sachen Langsamkeit erteilt uns danach eine Ziegenherde, die sich dreimal bitten lässt, bevor sie den Weg räumt.

Abermals idyllisch dazu interessant wird es unter Monolithos, als wir den Fourni Beach erreichen. Abgesehen vom schönen Stellplatz auf einer Klippe über dem Strand, lässt die Aussicht auf etwas ganz Altes unser Herz höher schlagen. Am Ende des Sandstrandes ragt ein langes Felsplateau ins Meer hinaus. Dort sollen sich mehrere prähistorische Höhlen befinden, die nur darauf warten von uns entdeckt zu werden. Nachdem wir im Internet von einigen gescheiterten Versuchen gelesen haben und keinerlei Hinweisschilder vor Ort sind, freuen wir uns, als wir die ersten menschengemachten Nischen an der Rückseite des Felsens entdecken. Trotz der beschaulichen Abmessungen im Inneren, sind sämtliche Höhleneingänge so platziert, dass sie einen ausgezeichneten Schutz vor dem Wind bieten. Der Ausblick von drinnen dürfte sich in den vergangenen Jahrtausenden wohl kaum geändert haben.

Erstmals seit langem können wir am Fourni Beach den Bus wieder so platzieren, dass wir die Sonne direkt über Meer untergehen sehen. Alleine am malerischen Strand, beobachten wir zum sanften Rauschen des Meeres, wie die Sonne zunehmend roter wird und den feinen Sand unter uns mit letzter Kraft golden färbt. Momente wie diese entschädigen für die Strapazen und Entbehrungen einer langen Reise. Solche Momente mit seinem Lieblingsmenschen zu teilen, machen sie unvergesslich.

Nach nur einer Nacht verlassen wir den Strand wieder mit dem Wunsch nochmal hier her zurückzukommen. Nachdem unser Besuch am nächsten Tag ansteht, wollen wir ein Stück weiter zurück in den Norden und bestenfalls noch ein wenig die Altstadt von Rhodos besuchen, um in der kommenden Woche gute Guides abzugeben. In Embonas, einem der wenigen "Bergdörfer" von Rhodos, legen wir eine Pause ein. Das kleine Café an der einzigen Kreuzung sieht einladend aus und tischt obendrein noch deftige Leckereien auf.

Später landen wir ein weiteres Mal beim "Anthony Quinn Beach" und freuen uns, über eine Überraschung. Am Ende des leeren Parkplatzes erkennen wir Bobbys VW Bus. Ohne ihn zu sehen, greife ich auf sein patentiertes Erkennungszeichen, einen Juchzer, zurück und erhalte vom Strand unten prompt einen Juchzer zurück. Unser Freund verbringt den Nachmittag mit der deutschen Frau, die er auf Kreta kennengelernt hat und ihn für drei Tage nun auf Rhodos besucht. Wir haben seine Begleiterin bereits auf Kreta kurz kennengelernt und freuen uns für Bobby, das er anstatt zu schwärmen, nun wieder gemeinsame Erlebnisse mit seiner Freundin kreiert. Wir vereinbaren, uns Morgen beim Stadtrundgang zu kontaktieren und uns eventuell dort noch mal zu treffen. Außerdem laden wir Bobby ein, am Abend vor seiner Weiterreise in Richtung Türkei, uns und Margit zu besuchen. Zum Sonnenuntergang werden wir von drei Touristen herzlichst gegrüßt, die am Rückweg vom Strand ein Gespräch mit uns suchen. Gail, Stuart und Samuel sind per Leihauto ihrer Reisegruppe entflohen und wollen wissen, ob wir tatsächlich von Österreich bis hier her gefahren sind. Die drei Engländer sind ganz angetan von unserem fahrbaren Zuhause und den Ländern, die wir in den vergangenen 14 Monaten besucht haben. "Wow, that's so inspiring" hören wir mehrmals. Bevor wir uns verabschieden, wollen sie noch Nummern austauschen und sprechen eine Einladung zu ihnen nach Birmingham aus, sollte es uns wieder nach England ziehen.

Obwohl wir entlang der alten Festung keinen freien Parkplatz finden, verläuft unser Vormittag in Rhodos Stadt durchwegs ruhig und erfolgreich. Die Gassen der Altstadt sind ausgestorben und lassen nur erahnen, wie es im Sommer vor den noch geschlossenen Lokalen und Geschäften zugeht. Der erste Eindruck der historischen Altstadt ist jedenfalls vielversprechend und wir können bereits ein paar Orientierungspunkte im Kopf abspeichern. Nach einem üppigen Mittagessen sind wir ein wenig tollpatschig und fassen unabsichtlich einen Schwips aus. Nachdem in dem Lokal, der von uns bestellte Rakomelo (Honiglikör) ausgegangen ist, bekommen wir als Ersatz einheimischen Tsipouro kredenzt. Der klare Schnaps ist nicht nur wesentlich hochprozentiger, sondern wird uns in einer heimtückischen Karaffe serviert, die mehr Fassungsvermögen hat, als gedacht. Das viele Eis in den großen Gläsern, schafft es auch nicht, den Schnaps ein wenig milder zu machen und an der Legalität dieses Erzeugnisses darf gezweifelt werden. Als wir eine Stunde später Bobby und seine Begleitung zum Kaffeetrinken treffen, hinken unsere Gehirnwindungen noch ein wenig träge hinterher.

Zum Lachen und zum Weinen

Danach geht es schnurstracks zum Flughafen, wo Margit pünktlich aus der Ankunftshalle spaziert. Es ist ein sehr freudiges Wiedersehen, das wir uns so rasch nicht erwartet hatten.

Unser Haus übertrifft sogar die Erwartungen und der dazugehörige Garten wird bereits bei unserer Ankunft von etlichen bunten Miezen frequentiert. Ein Lokal zum Abendessen findet sich um die Ecke und bei einem Gläschen Wein lassen wir im geräumigen Wohnzimmer den Tag ausklingen. Bei der Gelegenheit erwähne ich auch, dass uns Bobby eventuell besuchen kommt. Gelassen und heiter, wie meine Stiefmama ist, geht sie mit der Nachricht bestens um. Das sonnige Wetter am kommenden Tag verstärkt die gute Stimmung zusätzlich. Nach einem gelungen Strandausflug und einem griechischen Festschmaus in der angeblich besten Taverne der Stadt, kommt uns Bobby tatsächlich am Abend noch besuchen. Ein gemeinsames Gläschen Ouzu und ein bisschen Plaudern geht sich aus, ehe sich Bobby zum Schlafengehen in seinen Bus, den er bei uns am Grundstück geparkt hat, verabschiedet.

Das Margit nicht nur einen ausgeprägten Sinn für Humor hat, sondern auch manchmal Neues probiert, stellt sie am nächsten Morgen unter Beweis. "Mog wer an Fuchs....isch nu a echter" ruft uns Bobby beim Frühstücken zu. Tatsächlich transportiert er, zwischen all den Sammelstücken aus der Natur, noch ein völlig intaktes Fuchsfell samt Kopf. "Sowas gibts heit nimma!". Margit ist sich wiederum nicht zu blöd, den Fuchs aufzusetzen, um den Seher aus Asterix zu imitieren. Dazu versucht sie sich im Tönen mit verschiedenen Klangschalen. Ein Riesenspaß. Gemeinsam geht es dann in die Altstadt von Rhodos, wo sich Bobby nach einem gemeinsamen Mittagessen herzlich von uns verabschiedet. Er folgt Micha nach Kos, um von dort in die Türkei überzusetzen. Wir wollen in den nächsten beiden Wochen dieselbe Route nehmen, womit die Chancen gut stehen, Bobby und Micha auf Kos oder in der Türkei wiederzusehen.

Beim anschließenden Bummeln kommen wir trotz der wenigen Läden die geöffnet sind, auf unsere Kosten und erfahren, dass genau in zwei Tagen viele Geschäfte erstmalig öffnen werden. Die Händler bekommen einen Kalender, wann die großen Kreuzfahrtschiffe im März anlegen und öffnen ausschließlich an diesen Tagen ihre Geschäfte.

Als gute Guides fahren wir mit Margit am nächsten Tag hinauf zu der großen Pfauenkolonie am Berg. Unser Gast ist übrigens noch pflegeleichter, als erhofft und wäre auch mit ein paar Stunden Ruhe im Garten zufrieden gewesen. Die kräftigen Rufe, die Farbenpracht sowie die Zutraulichkeit der großen Vögel beindruckt uns auch beim zweiten Besuch. Für Margit haben wir eine Packung Sonnenblumenkerne dabei, die sie geduldig und mit jeder Menge Freude verfüttert. Die wunderbaren Tage gehen weiter.

Gerade als wir am späten Nachmittag eifrig am Streicheln unserer beiden liebgewonnenen Kätzchen sind, passiert etwas Seltsames. Mein Bruder, der wesentlich lieber ein paar Worte tippt oder Emojis schickt, als zum Hörer greift, ruft mich an. Tatsächlich stimmt etwas nicht. "Die Mama ist heute ins Spital gebracht worden" teilt er mir etwas besorgt mit. Auch für ihn, der sehr regelmäßigen Kontakt mit ihr hat, kam die Info sehr überraschend. Er möchte sie am nächsten Tag besuchen und wir vereinbaren, dass er sich danach wieder melden soll.

Nachdem Frühstück läutet bereits mein Telefon. "Du, das Krankenhaus hat mich gerade angerufen, die Mama ist in der Nacht gestorben" höre ich ihn sagen. Dabei wusste ich bereits, als ich seine Stimme hörte, wie der Satz zu Ende gehen würde.

Die Situation, auf die ich nicht vorbereitet war, erreicht mich gerade zu dem Zeitpunkt, an dem es uns so unbeschwert gut geht. Die Achterbahnfahrt des Lebens wird um einen neuen Streckenabschnitt erweitert. Völlig absurd , wo wir doch gerade Besuch von meiner Stiefmutter haben, der Frau die mir im Erwachsenenleben stets näher stand, als meine leibliche Mutter.

Am Weg in die Altstadt schießen mir tausend Gedanken durch den Kopf. Nach dem Mittagessen und einem weiteren Telefonat mit meinem Bruder, erscheint es unumgänglich: wir müssen unsere Reise an diesem Ort unterbrechen und für unbestimmte Zeit nach Hause zurückkehren. Bei all den wertvollen Talenten die mein Bruder mit sich bringt, sind es meine Fähigkeiten, die gerade gefragt sind. Nach Telefonaten mit dem Bestattungsinstitut und Ämtern, sowie einigen Recherche im Internet gibt es erste wertvolle Erkenntnisse. Danach suchen Ines und ich das Internet nach möglichen Plätzen ab, wo wir unseren Bus sicher unterstellen können. Wir erhalten nur ungenaue Infos und beschließen, die möglichen Stellplatzanbieter direkt abzuklappern. Beim zweiten Anbieter haben wir ein gutes Gefühl und lassen uns auf einen Deal gegen Vorauskasse ein. Im selben Flieger, mit dem Margit in zwei Tagen abheben soll, ergattern wir danach tatsächlich noch zwei Plätze.

Neben Margit, die viel Konstruktives beiträgt (und dabei auch mal übers Ziel hinaus schießen kann), bleibt Ines ein Fels in der Brandung, versprüht Zuversicht und erhält die positive Stimmung. So erkunden wir am letzten Tag nochmals zu dritt Rhodos Stadt, spazieren zum Strand und werden von Margit mit Eiscreme und Törtchen überrascht. Es fällt uns schwer zu überlegen, was wir in unsere kleinen Rucksäcke packen sollen und was wir hier im Bus zurücklassen wollen. Am Ende wird es nur ganz wenig, was den Abschied von unserem Bus am nächsten Morgen nicht leichter macht. Mindestens drei (Kontroll)Runden brauche ich, bevor ich beruhigt Abschied nehmen kann. Hätten meine Augen im Hinterkopf nicht erkannt, dass Ines und Margit bereits den Kopf schütteln, hätte ich noch eine vierte Runde gedreht. Völlig surreal und zum Kopf schütteln ist auch, dass wir eine Strecke für die wir über drei Monate gebraucht haben, nun in wenigen Stunden zurücklegen werden. Die Erkenntnis, unser Freunde Bobby und Micha nicht mehr sehen zu können, schmerzt. Gleichzeitig freue ich mich auf eine Handvoll großartiger Menschen, die ich zuhause wieder sehen werde.

Herausfordernde Tagen und Wochen in unserer Heimat stehen bevor. Wir bleiben zuversichtlich, alles positiv bewältigen zu können, um unsere Reise bald wieder fortzusetzen.

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Kommentare: 3
  • #1

    Andi (Montag, 20 April 2026 14:05)

    Auch wenn die Umstände keine schönen waren, so haben wir uns doch sehr gefreut euch zwischendurch wiederzusehen! ☺️

  • #2

    Margit (Dienstag, 21 April 2026 09:37)

    Die Zeit war wunderschön!! Danke!

  • #3

    Xandi (Sonntag, 12 Juli 2026 12:17)

    Die Pfaue hätte ich auch gerne gefüttert.
    Mach dem Bericht ist gut zu wissen das ihr eure Reise noch gut fortsetzen konntet � drück euch ganz fest �

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