Zurück auf unserer Reise
Ein Flug mit der unbeliebten Billigfluglinie aus Irland ist mitunter auch unangenehm. Aus Gründen, die ich im Detail gar nicht mehr so recht weiß, hatte ich mir geschworen, auf die Dienste der Fluggesellschaft dauerhaft zu verzichten. Der Direktflug ab Wien samt dem überschaubaren Preis, haben dann doch den Ausschlag gegeben, Ryanair eine weitere Chance zu geben. Kosten und Unkosten hatten wir und speziell ich ohnehin jede Menge in den vergangenen drei Wochen. Die ersten Tage nach unserer Rückkehr, bis zur Organisation und Durchführung des Begräbnisses meiner Mutter haben einiges an Nerven gekostet. Auch danach gab es noch so viel zu tun und regeln, dass kaum Momente zum Verschnaufen geblieben sind. Gleichzeitig bin ich um viele Erfahrungen reicher und konnte im Rahmen des Begräbnisses auch etliche Gesichter wiedersehen, die ich seit vielen Jahren nicht mehr gesehen habe. Die Besuche unserer liebsten Menschen haben zwischenzeitlich ebenso gut getan und Ines wie ich, dürfen uns über die besonderen Menschen, die wir Freunde und Familie nennen, sehr glücklich schätzen. Mit einem ganz besonderen Besucher hatten wir jedoch gar nicht gerechnet. Obwohl wir beiläufig mitverfolgen konnten, dass Micha und Bobbys Wege sich in der Türkei abermals getrennt haben, war es völlig surreal dass uns Bobby, weniger als drei Wochen nach unserem Abschied in Rhodos, zuhause in Niederösterreich besuchen kommt. Vier Tage zuvor, war er (der nie eine Autobahn verwendet) noch in Istanbul. Er möchte auf Kreta einen Neubeginn starten und hat deshalb seinen zwischenzeitlichen Heimweg in den Allgäu so zügig angetreten. Es sind herzerwärmende 24 Stunden, die unser Reisegefährte Bobby bei uns verweilt. Mein liebster Freund aus der Heimat, hat uns am Abend ebenfalls noch Gesellschaft geleistet und sich (wie erwartet) sofort wunderbar mit Bobby verstanden.
Nun sitze ich eine Reihe hinter den beiden Familien, die trotz Gurtenzeichen und Durchsage der Stewardess, ihre kleinen Kinder auf ihrer und den Sitzreihen davor klettern lassen. Als einer der Bengel noch mit Apfelscheiben wirft und dabei zwei Passagiere davor trifft, findet der dumme Papa das noch lustig und versteckt sich mit dem kleinen Satansbraten hinter der Bordzeitschrift. Wer sich also über so manche Fratzen beschwert, sollte sich erstmals die dazugehörigen Eltern ansehen, die als Vorbilder dienen. Leider sind kaum Österreicher an Board, die sich möglicherweise zu einer Wortspende hinreißen lassen würden. "Hehrst Deppata, pass amoi auf auf dein Gschroppn!" höre ich im Geiste jemanden schimpfen und muss schmunzeln. Wo sind die grantigen Österreicher, wenn man sie braucht?
Auf Rhodos angekommen sieht es ein wenig anders aus, als zu unserer Abreise. Das satte Grün des Frühlings ist nach den grau-braunen Wochen daheim, zwar Balsam für unsere Augen, dafür sind die vielen Menschen, die aus der Ankunftshalle taumeln neu. Unser Bus ist zwischenzeitlich von einer dicken Staub- und Sandschicht bedeckt worden. Außen wie Innen fehlt ihm aber nichts und die fünf Zylinder schnurren gesund und ordentlich, als ich den Schlüssel umdrehe. Am Anthony Quinn Beach, wo wir Anfang März (völlig alleine mit ein paar Katzen) schon zwei Nächte verbracht haben sieht es mittlerweile auch anders aus. "Ich glaub, das liegt an den Osterferien" trifft Ines den Nagel wohl auf den Kopf. Zum Sonnenuntergang sind wir nicht mehr das letzte, sondern eines von zig Fahrzeugen, die noch parken. Das Gelände ist immerhin groß genug, um etwas abseits ein ruhiges Fleckchen zu finden. Angenehm sind zumindest die Abend- und Nachttemperaturen, die seit unserer Abreise spürbar gestiegen sind. Als wir uns beim Abendessen im Bus in die Augen sehen, empfinden wir ähnlich. "Es fühlt sich echt komisch an, so richtig angekommen bin ich nicht". Ines nickt, ihr geht es genauso. Ein seltsames Gefühl, so plötzlich zurück zu unserer Reise, unserem Bus und nach Rhodos zurückzukommen. Wie eine Zeitreise, in der man auf einer parallelen Linie landet. Eine Linie auf der plötzlich alles anders ist, als zuletzt am selben Ort. Margit ist fort, Micha und Bobby tausende Kilometer weit weg und auf meinem Telefon wird nie wieder eine Nachricht meiner Mutter ankommen.
Wir besuchen am nächsten Morgen, die "Seven Springs", füllen dort unseren Wassertank mit Quellwasser und machen uns bald auf die Weiterreise in den Südwesten der Insel. Mein Geburtstag steht am kommenden Tag an und der malerische Fourni Beach eignet sich bestens für ein Jubiläum. Außerdem haben wir den Ort so ruhig und idyllisch in Erinnerung, dass wir dort unsere eigenen Batterien wieder aufladen möchten. Im Bergdorf Embonas legen wir beim kleinen Café abermals einen Zwischenstopp ein und werden überraschend freundlich begrüßt. Nicht die Wirtin, sondern eine freundliche Dame winkt mir von drinnen zu, als wir Platz nehmen. Eine halbe Stunde später sitzen wir mit Astrid, der freundlichen Dame, und ihrem griechischen Partner Nuli an einem Tisch und sind eifrig am Plaudern. "I hob eicha Kennzeichn gsegn und scho gwusst, dass ihr Österreicher satz!". Astrid kommt aus Salzburg, hat aber über 20 Jahre auf Rhodos gelebt, eine Taverne betrieben und verbringt ihren Ruhestand teilweise in Österreich, sowie hier auf der Insel in ihrem kleinen Haus. Ihren griechischen Partner Nuli hat sie tatsächlich in ihrer Nachbarschaft in Österreich kennengelernt, wo er die letzten vierzig Jahre gelebt hat. Beide machen einen rundum sympathischen Eindruck und wir freuen uns, über die Einladung zu ihnen nach Hause, die sie aussprechen. Ines tauscht mit Astrid Nummern aus und wir versprechen uns zu melden, sobald wir bereit sind vom Strand wieder aufzubrechen.
Der Fourni Beach empfängt uns, entsprechend der Wetterprognose, erstmals stürmisch und kühl. Meterhohe dunkelgrüne Wellen peitschen an das Ufer, wo sich vor Wochen türkisblaues Meer vorsichtig ans Ufer geschmiegt hat. Vom über 20 Meter breiten Strand, sind die letzten beiden Meter nur dann sichtbar, wenn die Wellen sich kurz sammeln. Am nächsten Tag scheint zwar vermehrt die Sonne, aber schweren Herzens muss ich auf ein geburtstägliches Schwimmen verzichten und lasse mir lediglich die Wellen um die Waden schlagen. Nach wie vor ist es zu wild und stürmisch um ins Meer zu hüpfen, sagt mir die Extraportion Vernunft, die ein paar Lebensjahre mit sich bringen. Immerhin sind die wenigen Touristen, die sich mittlerweile an den Fourni Beach verirren, auch nach wenigen Minuten wieder fort. Ines weiß, was sie mir Gutes tun kann und beschenkt mich mit einer saftigen Pizza Calzone aus unserem Omnia Backofen. Ein ansonsten sehr ruhiger Tag, wie ich ihn gerade von Nöten habe, vergeht in Gesellschaft meines Lieblingsmenschen. Als sich am nächsten Tag die Gezeiten wieder beruhigen, steht dem ersehnten Sprung ins Meer nichts im Weg. So nutzen wir diesen und die nächsten Tage, um drinnen wie draußen aufzuräumen, Gedanken auszumisten und wieder auf unserer Reise anzukommen. Nach einer Weile sind unsere Geister endlich dem Körper gefolgt und wieder im "Hier und Jetzt" angekommen, wo sie hingehören. Dann erst buchen wir die Fähre für unsere Weiterreise nach Kos und vereinbaren ein Treffen mit Astrid und Nuli für den kommenden Tag.
Als wir uns pünktlich vor dem Garten von Astrids Haus am Rand der kleinen Ortschaft Sianna einparken, sind wir uns nicht ganz sicher, ob unser Timing passt. Nuli bemalt gerade alte Blechkanister und Astrid werkt ebenso im Sonntagsoutfit fleißig im Garten. Die Unsicherheit ist beim gemeinsamen Kaffee rasch verflogen und die beiden unterrichten uns sogar spontan in ihrem Lieblingsspiel "Tavli", der griechischen Version von Backgammon. Astrid, die fließend griechisch spricht, wechselt mit ihrem Partner immer wieder Worte in der Landessprache und erzählt uns nebenbei, wie es zu ihrem Leben auf der Insel, der Arbeit hier und dem damit verbundenen Lernen der Sprache gekommen ist. Von ihrem beeindruckenden Lebenslauf, der manch filmreife Episoden beinhaltet, erzählt sie klar und bescheiden. Nuli, der in den 80ern mit seiner ehemaligen Partnerin von Athen nach Österreich getrampt ist, hat ebenso viel erlebt und wird durchaus ein wenig nostalgisch, als er von seinen jungen Jahren berichtet. Besonders schön, ist ihre "junge Liebe" auch mitanzusehen. Immer wieder suchen sich ihre Hände beim erzählen, oder sie necken sich liebevoll. Gerne begleiten wir unsere Gastgeber am Abend in die Dorftaverne, wo wir bestens bekocht werden und Astrid mit der halben Belegschaft plaudern muss. Die Nacht verbringen wir nur wenige Meter unter ihrem Grundstück und kehren am Morgen nochmal zurück, um uns bei Astrid und Nuli zu bedanken und zu verabschieden. Ines, die Bobbys Tradition nun eigenständig fortführt, beschenkt Astrid mit einer selbstgemachten Kette. Astrid wartet uns sogar ein ganzes Geschenksackerl mit Oliven, Öl und Zitrusfrüchten aus ihrem Garten auf. Eine Begegnung mit zwei besonders herzlichen Menschen zur richtigen Zeit.
Unser Zeit auf Rhodos neigt sich am Weg zurück in den Norden wortwörtlich dem Ende zu. Wir erreichen die Fähre pünktlich und zittern bei der Abfahrt über eine Rampe im Schiffsbauch um unser Dach. Als deutlich größtes Fahrzeug parken wir am untersten Deck zwischen Kleinwägen. Der (einzige) Einweiser war übrigens überraschend entspannt und hat in angemessener Lautstärke die Lenker dirigiert. Oben an Deck finden wir noch ein kleines Tischchen zwischen vielen griechischen Familien, die das anstehende griechisch-orthodoxe Osterfest wohl im Kreise ihrer Verwandten verbringen wollen. Dabei erleben wir, wie hoch Designer-Jogginghosen nicht nur bei griechischen Männern, sondern auch den Damen im Kurs stehen. Armani in beige oder Gucci in braun sind ziemlich in. Auch die geschwollenen Lippen, die manchen Teenagerinnen bereits erlaubt wurden, sind weit verbreitet. Tennisschuhe haben den dezenten Sneakers ebenso den Rang abgelaufen und der anhaltende Hit bleiben die gigantischen Sonnenbrillen, die Stirn und Wangen verdecken. Das alles fällt uns umso deutlicher auf, als der Großteil der Menschen die uns in den letzten Monaten umgeben haben, wesentlich mehr Wert auf inneres Wachstum, als auf äußeres gelegt haben. Selten haben wir selber uns weniger gewünscht als derzeit. Und falls doch, sind es bestimmt keine materiellen Dinge.
Pünktlich zum Sonnenuntergang legen wir am kleinen Hafen von Kos Stadt an, der ähnlich wie auf Rhodos, nahe einer alten Festungsanlage liegt. Im letzten Tageslicht finden wir unseren ersten Stellplatz auf Kos direkt am Strand von Psalidi neben einer geschlossenen Beach Bar. Den einzigen Spaziergänger weit und breit grüße ich freundlich und komme mit dem Mann mittleren Alters kurz ins Gespräch. "Are you not afraid of sleeping here?" fragt er mich verdutzt. "Should we be?" frage ich ebenso verwundert. Seine Sorge wirkt auf Nachfrage jedenfalls unbegründet und Moussarad stellt sich als Nachwächter des Apartmentkomplexes nebenan vor. Der gebürtige Pakistani lebt seit 30 Jahren auf Kos und passt während der Wintermonate auf die Anlage auf. Er besteht darauf, mir das geöffnete Waschhaus zu zeigen, dass wir doch unbedingt benutzen sollen. Bis Mitte Mai ist hier alles noch geschlossen und wir dürfen gerne diesen kleinen Teil der Infrastruktur nutzen. Ein Empfang auf der neuen Insel, wie er sich sehen lassen kann! Von unserem Bus aus erkennen wir deutlich die Lichter der türkischen Hafenstadt Bodrum, wo wir in den nächsten Wochen unsere Füße auf den asiatischen Kontinent setzen wollen. Nicht nur die dröhnenden Motoren der Küstenwache, die regelmäßig entlang der Küste patrouilliert, sondern auch heftige Böller sorgen für eine überraschend unruhige erste Nacht auf Kos.
Am nächsten Tag machen wir uns früh auf, die Hauptstadt der Insel zu erkunden und sind Schritt für Schritt angetan, von der Mischung aus Sehenswürdigkeiten, kleinen Plätzen und hübschen Gassen. Die Sonne scheint kräftig und die farbenfrohen Grünflächen zeugen von einem fortgeschrittenem Frühling. Unweit der Statue des berühmtesten Sohnes der Insel, Hippokrates, spendet eine riesige Plantane seit tausenden Jahren Schatten, den wir für eine kurze Rast nutzen. Von einer Dame erfahren wir von der großen Osterprozession, die am Abend durch die Altstadt führt und für die meisten Einheimischen das absolute Highlight des Jahres darstellt. "You should go there and witness!". Nach dem Mittagessen finden wir noch ein besonders buntes und einladendes Café, wo wir uns entscheiden, in der Stadt zu verweilen um dem Spektakel am Abend beizuwohnen. Später zieht es uns noch zur alten römischen Tempelanlage am Rande der Altstadt. Das große Gebiet ist frei zugänglich und wirkt wie eine ungepflegte Parkanlage, wo Pflanzen und Sträucher uneingeschränkt blühen und wuchern dürfen. Dazwischen finden sich spektakuläre Überreste aus hellenistischer und römischer Zeit, die teilweise 2500 Jahre alt sind. So entdecken wir hier die Ruinen einer römischen Badeanlage, die mit schönen Mosaiken geschmückt ist. Mein Archäologenherz schlägt höher, als ich mit einfachen Pflanzenstielen, statt einem Pinsel, mehrere Zentimeter der Kunstwerke freilegen kann und von Sand und Erde befreien darf. Dabei entscheide ich mich bewusst, mich über die kleinen Entdeckungen zu freuen, anstatt im Geiste zu nörgeln, warum hier keiner die Stätte besser in Schuss hält. Es wirkt und trotzdem verspüre ich große Lust, mit einem Rasentrimmer sowie Schaufeln und Besen das wertvolle Kulturgut auf Vordermann zu bringen. Eine Straße dahinter steht das sogenannte Odeum, ein Amphitheater, das zwar (im kleineren Rahmen) eine ähnlich Funktion hatte, jedoch ursprünglich überdacht war. Hier können wir sogar unter der geschlossenen Tribüne die antike Konstruktion bewundern und zahlen abermals keinen Eintritt.
In unserem "Wohn- und Esszimmer", dass in der Nähe des Hafens parkt finden wir danach noch ein wenig Ruhe, bevor wir gegen 20:00 zum Hauptplatz zurückkehren. Vor der Kirche warten bereits etliche Besucher auf das nahe Ende der Ostermesse und dem gleichzeitigen Beginn der Prozession. Die startet dann erst gegen 21:30 mit Pauken und Trompeten. Eine Kapelle in roter Uniform marschiert im Gleichschritt an uns vorbei und wir schließen uns an. Der Hauptplatz ist mittlerweile voller Menschen, die seltsam ruhig und bedächtig auf den Epitaphios warten. Dabei handelt es sich um ein detailreiches und und mit Blumen dekoriertes (symbolisches) Grabtuch Christi, das von mehreren männlichen Trägern auf einem Holzkonstrukt aus der jeweiligen Kirche zum Hauptplatz getragen wird. Jede Kirche hat ihren eigenen Schrein reich mit Blumen geschmückt und beleuchtet, um ihn weithin zur Schau zu stellen. Es bedarf jeweils 6-8 Männer um die schweren Holzkonstruktionen auf den Schultern zu tragen. Kurz nacheinander treffen die Träger samt einem Pfarrer aus den unterschiedlichen Richtungen ein. Es bleibt verhältnismäßig ruhig. Weder gemeinsamer Gesang, noch Gebete oder Ansprachen finden statt. Nur die Blasmusikkapelle zieht einmal durch die Menge und sorgt für Beschallung. Stimmgewaltig wird es nur kurz, als die jeweiligen Anhänger "ihrer Kirche" mehrmals ihren Schutzpatron huldigen. Danach zieht es die Träger samt ihren Schreinen wieder zurück in die Richtung aus der sie gekommen sind. Das Schauspiel ist zu Ende und hat kaum eine Stunde gedauert. Ohne konkrete Erwartungen dazugestoßen, wissen wir auch nachher nicht ganz recht, das Erlebte einzuordnen. Von Feststimmung oder gar Stadionatmosphäre kann keine Rede sein. Von völliger Ruhe, Einkehr und Besinnung ebenso wenig. Vielleicht geht es dem Publikum ähnlich wie uns, die nur des Erlebnis (und in ihrem Fall der Tradition) wegen gekommen sind.
Kurz vor Mitternacht sind wir zurück auf unserem Stellplatz am Strand, wo es abermals kräftig donnert und knallt. Nicht in unmittelbarer Nähe, jedoch so laut, dass wir uns doch über den Ursprung ein wenig den Kopf zerbrechen.
Nach einem weiteren Spaziergang in Kos Stadt am Morgen, wo sich Ines für ein super "Touri-Foto" in Pose wirft, verbringen wir den Tag am Aliki Salzsee an der Nordküste von Kos. Wir haben Glück und treffen sogar die letzten Exemplare von Flamingos an, die hier regelmäßig den Winter verbringen um im März weiterzuziehen. Bei unserem Spaziergang zähle ich 26 Stück der großen Vögel, von denen die meisten noch überwiegend weiß gefiedert sind. Bis auf die deutlichen Spuren der Zivilisation im Hintergrund, fühlen wir uns ein wenig nach Afrika zurückversetzt. Auch der weiße Sand am dahinterliegenden Strand ist ähnlich fein, wie an Afrikas Ostküste. Zwei Katzenschwestern leisten uns obendrein Gesellschaft und sorgen dafür, dass wir uns rundum wohl fühlen. Die zutrauliche von den beiden Katzen weicht mir nach der ersten Fütterung nicht mehr von der Seite und umgarnt mich sogar, als ich unter dem Bus liege, um den Stabilisator zu kontrollieren. Am Nachmittag telefonieren wir mit meiner Stiefschwester Kerstin und ihrem Mann Hans, die Kos nicht nur gut kennen, sondern hier sogar geheiratet haben. Der Grund dafür sind Hans Cousine und seine Cousins, die hier leben und deren Kontakt sie uns bereits weitergeleitet haben. Gerne hätten wir die Beiden gerade bei uns und umgekehrt wären sie auch lieber auf der Insel, auf der sie so besondere Erinnerungen gesammelt haben.
Nach einem frühmorgendlichen Sprung ins Meer zieht es uns weiter in den Südwesten der Insel. Eine Etappe, die auf Kos wenig Zeit in Anspruch nimmt. Die Insel ist nur knapp 50 Kilometer breit und somit erreichen wir trotz einiger Zwischenstopps den herrlichen Sandstrand Lagada Beach bereits am Nachmittag. Im dünn besiedelten Westen der Insel gibt es mehrere Strände, die wir zwar ebenso erkunden wollten, jedoch aufgrund der kaputten Pisten nicht erreichen konnten. Selbst ein Allradfahrzeug mit viel Bodenfreiheit hätte derzeit dort seine lieben Nöte.
Wir dürfen uns jedenfalls glücklich schätzen, parken abermals direkt an einem wunderschönen Sandstrand und sind die einzigen Menschen weit und breit. Ein paar Meter neben uns zeugen nur ein paar Steher und Balken davon, dass hier im Sommer wohl eine kleine Bar öffnen wird.
Am nächsten Vormittag lernen wir den freundlichen Besitzer der Balken kennen, der beginnt den Verschlag in Ordnung zu bringen. Mein Angebot, ihm zu helfen lehnt er ab, aber über die große Flasche Wasser freut er sich sehr. Die Sprachbarriere überwinden wir dazwischen mit Händen und Füßen, wobei er uns herzlich zu verstehen gibt, dass wir hier bleiben können solange wir wollen. Frühestens im Mai wird er die kleine Bar öffnen und selbst dann sei es "ola kala", also alles gut. Lambros, wie der Mann heißt, reiht sich in Liste der freundlichen Griechen ein, von denen wir zuletzt auf Rhodos und nun auf Kos, einige kennenlernen durften. Anders als auf Kreta, erleben wir hier vermehrt, wie uns gewunken wird oder auch aktiv das Gespräch gesucht wird.
Bei einem ausgiebigen Spaziergang entlang des Strandes am nächsten Tag stoßen wir auf unzähligen Müll und Unrat den das Meer hier ausspuckt. Stühle, Kisten, Plastikbehälter aller Größen sowie etliche Schuhe und Sandalen säumen den Strandabschnitt weiter im Süden. Weiters finden wir einen imposanten aber aufgelassenen Hotelkomplex. Ohne dessen Mitarbeiter gibt es anscheinend auch Niemanden, der sich um den sonst so hübschen Strand kümmert. Ein Jammer. Dabei bräuchte man doch nur ein paar Schulklassen wetteifern lassen, oder einen Upcycling Wettbewerb veranstalten. Aber höchstwahrscheinlich stelle ich mir das alles mit meiner mitteleuropäischen Brille viel zu einfach vor. Antworten und Tipps bekommen wir jedenfalls bald von Hans Cousine Lina, die sich am Abend bei mir meldet. Sie betreibt einen Blumenladen in Kos und möchte sich mit uns und ihrem Mann Stamatis im Lokal ihres Bruders, Hans Cousin Michalis, zum Abendessen treffen. Wir willigen gerne ein und ich freue mich darauf, nach den vielen Erzählungen von Kerstin und Hans (die im Bezug auf Menschen ähnliche Wahrnehmungen haben wie wir), die Verwandten meines lieben Schwagers kennenzulernen. Davor genießen wir ein drittes Mal das Privileg, die Nacht ganz alleine an dem herrlichen Strand verbringen zu dürfen.
Familienfreuden und eine blutige Nase
Nach einem Spaziergang durchs unspektakuläre Kefalos, der Stadt am südwestlichen Zipfel der Insel, kehren wir nach Kos Stadt zurück. Den Bus parken wir eine Gasse von Michalis Lokal entfernt und nutzen die verbleibende Zeit bis zu unserer Verabredung noch, indem wir uns beim Hafen nach den verfügbaren Fährverbindungen in die Türkei erkunden. "Die Türken haums sicha ausquartiert!". Mein Verdacht, dass keines der vier kleinen Containerhäuschen, die dicht nebeneinander mit Reklamen für ihre Touren werben, sondern der alleinstehende graue Container vis-a-vis zu der türkischen Gesellschaft gehört, bestätigt sich. Sehr freundlich und in gutem Englisch bekommen wir mögliche Termine sowie einen Preis genannt. Die Fähre (falls sie sich so bezeichnen darf) ist so klein, dass sie nur 2-3 Fahrzeuge (Open-air) transportieren kann. Mitte der kommenden Woche ist noch ein Platz verfügbar, den wir kurzerhand buchen. Zufrieden ob unserer schnellen Entscheidung kehren wir zurück in Richtung "Xasapaki", dem Lokal wo wir verabredet sind. Hans Cousine Lina sieht ähnlich aus, wie auf ihrem WhatsApp Profilbild und erkennt uns nach einem kurzen Austausch von Blicken, als die fremden Gäste. Wie erhofft, gehören Lina und auch ihr Ehemann Stamatis, der kurz nach uns mit ihrem Pudel "Fridolph" eintrifft, zu den Griechen die gut Englisch sprechen. So steht einem sehr netten Kennenlernen nichts im Weg und wir verbringen mehr als drei angenehme Stunden mit den beiden. Linas Bruder Michalis gehört zwar das Steakhaus (dass er neben seiner Fleischerei und einem kleinen Deli-Shop betreibt) in dem wir gerade sitzen, muss jedoch selber an dem Abend so viel arbeiten, dass er nur kurz vorstellig wird. Er ladet uns dafür für den nächsten Morgen in den Deli-Shop ein, wo wir unbedingt zum Kaffee oder Frühstück vorbeikommen sollen. Unser Outing als Vegetarier ist übrigens sehr entspannt verlaufen, nachdem die Speisekarte viele leckere Vorspeisen und Beilagen beinhaltet, die wir mit Freude probiert und uns obendrein bestens gemundet haben. Wir erfahren außerdem den Grund der nächtlichen Schüsse und der maroden Pisten im Süden. Tatsächlich ist es auf Kos und der Nachbarinsel Kalymnos Tradition, in der Osterwoche Abends Dynamit zu zünden. Bevorzugt auf den Hügel und Bergen, wo der Schall sich leichter ausbreiten kann. Der vergangene Winter war laut Lina und Stamatis der regenreichste, den sie bisher auf Kos erlebt haben. Viele Schotterpisten sind weggebrochen und es wird ihrer Einschätzung nach erst im Juni begonnen werden, die Strände für die Touristen wieder zugänglich zu machen. "You see, some things take a lot of time here!". Beim Verabschieden ladet Lina uns ein, das Wochenende in ihrem Haus, oder auf ihrem Grund zu verbringen, obwohl sie und Stamatis zwischenzeitlich für eine Nacht verreisen werden. Wir bedanken uns abermals und lassen uns diese neue Option gerne offen.
Nach einer weiteren Nacht am Strand bei Psalidi, die erstmals ohne Böller verläuft, kehren wir am Morgen zurück zu Michalis, der uns bereits vor seinem Deli-Shop begrüßt. Wie bereits am Vorabend, besteht Michalis darauf, uns einzuladen und wir bemerken, dass es uns durchaus schwer fällt, so viel Großzügigkeit anzunehmen. "You don't pay, you are family!". Das wertvollste Geschenk ist jedoch die Gesellschaft und ungeteilte Aufmerksamkeit von Michalis, mit dem ich mich sehr rasch sehr gut verstehe. "I am very impressed about your decision" lobt er unsere Entscheidung, dem Herzen zu folgen und unsere Jobs hinter uns zu lassen. Mich regt das ebenso zum Nachdenken an, denn gleichzeitig bin auch ich beeindruckt, wie mein nur geringfügig älterer Namensvetter drei Betriebe führt, mehrere Mitarbeiter beschäftigt und daneben versucht, seinen beiden Töchtern und seiner seiner Frau ein guter Vater bzw. Ehemann zu sein. Das "Hamsterrad" hat ihn erwischt meint er wehmütig. Viel Verantwortung und viele Gedanken, die ihm in den oft zu kurzen Schlaf begleiten, begleiten ihn. Freude findet er bei der lokalen Theatergruppe oder wenn er seine spärliche Freizeit in der Natur verbringen kann. Dorthin ladet uns Michalis auch spontan ein. Seine jüngere Tochter Rhea nehmen wir ebenfalls mit und lassen uns überraschen, wohin uns Michalis mit seinem Geländewagen bringt. Der Weg führt hinaus aus der Stadt in Richtung der kleinen Bergkette, die den Südosten der Insel prägt. Wir halten bei einer alten Kapelle, uralten römischen Ruinen und einer versteckten Schwefelquelle. Die Insel ist vulkanischen Ursprungs und der bekannte Geruch nach faulen Eiern lässt daran keine Zweifel. Der Rückzugsort, den Michalis bevorzugt Sonntags aufsucht ist seine "Villa Kulla", also die "Villa Kunterbunt". Der Name überrascht eigentlich wenig, hat ihm seine schwedische Mutter doch sicherlich aus Astrid Lindgrens Werken vorgelesen. Vor mehreren Jahren hat Michalis ein großes Stück Land an der Bergflanke erworben und dort sein einfaches Refugium samt Stallungen errichtet. Wir fühlen uns rundum wohl und können trotz des bewölkten Himmels weit hinüber bis in die Türkei blicken. Bis auf den leichten Windzug ist es hier oben mucksmäuschenstill. Der richtige Ort für Michalis also, dessen Handy sonst im Minutentakt klingelt. Zum Kaffee, den er mit dem Gaskocher zubereitet, gibt es weitere persönliche Einblicke und Anekdoten seines Lebens und der Realität, die ihn umgibt. Er erzählt von schwer bewaffneten Schleppern und angespülten Leichen, die im Zuge der Flüchtlingswelle vor 10 Jahren, vor seinen Augen die Küste von Kos erreicht haben. Trotzdem möchte er an keinem anderen Ort leben und schätzt das persönliche und berufliche Umfeld, das er sich geschaffen hat. Als ich ihn auf unsere durchwachsenen Erfahrungen mit den Kretern anspreche, ist er nicht überrascht. "You know, they always pretend to be the tough guys and prefer to be on their own". Während seines Militärdienstes sind unzählige Bekanntschaften entstanden, wobei er und seine Kollegen aus anderen Teilen Griechenlands tatsächlich mit den Kretern am schlechtesten ausgekommen sind. Neun von Zehn sind zum Vergessen meint er, wobei der Zehnte dafür genau der Eine ist, mit dem man Pferde stehlen kann.
Nach den vielen persönlichen Gedanken die wir teilen, halten wir noch kurz bei Michalis Nachbarn am Berg einige hundert Meter weiter. Michalis ist tief beeindruckt von der Lebensweise des alten Eremiten, der nur von und mit der Natur lebt. Rhea und Ines sind hingegen angetan vom frischen Wurf einer Katzenmama, die ihnen erlaubt ihre Jungen zu streicheln. Am Weg hinunter durch einen Nadelwald entdeckt Ines am Straßenrand noch etwas tierisches, dass sich als "bewegender Stein" präsentiert. Dieses Phänomen kennen wir bestens aus Afrika, wo ebenso wie hier gut getarnte Schildkröte unterwegs sind.
Nachdem wir beim Verabschieden später noch den Hinweis erhalten, dass es unfreundlich wäre, Linas Einladung auszuschlagen, besuchen wir noch Michalis Schwester in ihrem sehr geschmackvollen Blumenladen um ihr fürs Wochenende zuzusagen. Uns zieht es trotz des trüben Wetters und eines aufziehenden Sturms hinunter an den östlichsten Zipfel von Kos, wo eine natürliche Thermalquelle direkt am Strand entspringt. Wie uns bereits erzählt wurde, sind die kleinen natürlichen Becken tatsächlich dem Regen und Sturm der vergangenen Wochen zum Opfer gefallen. Dafür freuen wir uns über den ordentlichen Stellplatz auf einer Klippe und lassen dort den Tag ausklingen. Am Weg zurück in den Westen halten wir nochmals kurz bei Michalis auf einen zweiten Frühstückskaffee. Als ich ihm beiläufig erzähle, dass Basketball mein Lieblingssport ist, wird unsere Verbindung um eine weitere Facette reicher. "It's my favourite sport too!" freut er sich euphorisch und macht sich gleich daran, für kommenden Sonntag ein paar Leute zum Spielen zusammenzutrommeln.
Ines und mich zieht es hinauf ins kleine (und einzige) Bergdorf Zia, wo es uns nicht so besonders gefällt. Die erhöhte Lage samt Nadelwald und Wanderwegen hat sicherlich etwas spezielles, gleichzeitig wirkt der kleine Ortskern so offensichtlich auf Touristen getrimmt und keineswegs authentisch, dass wir nach einem Rundgang beschließen, die Nacht woanders zu verbringen. Einige der wenigen Sonnenstrahlen an diesem Tag erkennen wir unten am Salzsee, was wir als Zeichen interpretieren. Dort erfrischen wir uns nochmals im Meer und füttern abermals die beiden Katzenschwestern.
"Schau mal, wir haben richtig Glück!" hat Spürnase Ines letzte Woche verkündet, als sie im Internet entdeckt hat, dass während unseres Aufenthalts der "Tag des Denkmals" gefeiert wird, wo sämtliche Museen und historische Stätten kostenlos ihre Pforten öffnen. Kos hat in Sachen Geschichte vieles zu bieten, dass wir am kommenden Tag nun noch ausgiebiger erforschen wollen. Vieles dreht sich dabei um Hippokrates, dem berühmtesten Arzt der Antike, der im 5. Jahrhundert v. Chr. begonnen hat, die Grundlagen der modernen Medizin zu legen. Unsere Tour beginnt im archäologischen Museum, wo Funde aus der Antike bis hin zur spätrömischen Zeit ausgestellt werden. Neben einem hervorragend restaurierten Bodenmosaik, zählen Statuen und Skulpturen von Hermes, Apollo und Artemis zur Hauptattraktion. Uns gefällt auch die umfangreiche Münz- und Schmucksammlung besonders, an denen man den Zeitgeist sowie technischen Fortschritt aus den unterschiedlichen Epochen erkennen kann. Danach besuchen wir die Festung Neratzia am Hafen. Die riesige Burganlage stammt aus dem 14. Jahrhundert und kann nur über eine schmale Steinbrücke betreten werden. So imposant von außen, ist im Inneren der Festung nach etlichen Belagerungen und Erdbeben bis auf Mauerwerk nur mehr wenig erhalten. Dazwischen blüht und sprießt es, wie schon zwischen den Ruinen im Süden der Altstadt. Wir fahren danach knapp 15 Minuten hinaus aus der Stadt, um das historische Highlight der Insel zu besuchen. Das Asklepieion ist nicht nur eine der ältesten Heilanstalten der Welt, sondern wurde auch als Heiligtum verehrt. Der Name der Kultstätte leitet sich vom griechischen Heilgott Asklepios ab. Hier, auf einer Fläche die mehrere Fußballfelder übertrifft, fanden die Lehren von Hippokrates Anwendung. Erst vor 125 Jahren haben Forscher die antike Stätte wiederentdeckt, wo wir nun unseren Nachmittag verbringen. Uns beeindruckt die Größe der Anlage, von der verhältnismäßig wenig übrig ist. Auf einer der drei riesigen Terrassen befinden sich gar keine Ruinen mehr, während auf den anderen beiden Etagen Reste eines Tempels, Badehäuser und Brunnen zu erkennen sind. Die heutigen Kurgäste und Bewohner der Anlage sind Echsen und Katzen, die sich auf den alten Steinen sonnen. Nachdem wir kein explizites Verbotsschild für Drohnen gesehen haben, erlaube ich mir von der obersten Terrasse aus, den kleinen Flugkörper zu starten. Es dauert keine Minute, bis zwei junge Wärter angelaufen kommen, die uns freundlich, aber bestimmt ersuchen, wieder zu landen. Der "Ansturm" der beiden ist jedenfalls auf den wenigen Fotos verewigt, die ich vorher noch aus der Luft knipsen konnte, was mich daraus amüsiert.
Bevor wir das Asklepieion verlassen, holen wir noch den Sack Katzenfutter aus dem Bus und platzieren ein paar Häufchen für die zutraulichen Vierbeiner. Eine Katzendame lässt sich lieber von Ines streicheln und umgeht geschickt alle Versuche von ihr aufzustehen. Die Geduld meiner Frau ist in dieser Hinsicht grenzenlos. Der Pförtner meint, dass diese Katze etwas speziell und sehr heikel sei. Tatsächlich verfolgt sie uns als Einzige hinaus auf den Parkplatz, wo Ines sie mit Hart- und Frischkäse belohnt, den sie umgehend verputzt.
Den Abend verbringen wir mit Lina und Stamatis in ihrem Haus am Stadtrand. Wir jausnen gemeinsam zu Abend, unterhalten uns abermals gut und suchen uns danach ein ebenes Plätzchen in ihrem Hinterhof. Unsere Gastgeber fliegen am nächsten Morgen nach Athen, um sich ein Fußballspiel anzusehen und danach die Nacht dort zu verbringen. Wir sind zwischenzeitlich eingeladen das Haus zu hüten und uns heimisch zu fühlen. Dafür sorgt am nächsten Morgen die große Waschmaschine und der riesige Esstisch im Wohnzimmer, der zum Verweilen einlädt. Ines spannt aus und darf ein paar Stunden ohne mich auskommen, da ich um 12:00 zum Basketballspielen verabredet bin. Michalis erwartet mich vor dem Deli-Shop schon in passender Montur und wir fahren zu einer ansprechenden Sportanlage, die zu einem (noch geschlossenen) Hotel gehört. Die nächsten Stunden werden ein absolutes Vergnügen. Wir spielen 4 gegen 4, wobei die Teams dem Alter entsprechend gebildet werden. Zu Michalis, Giannis, seinem sympathischen Kellner den ich bereits kenne, und mir kommt noch ein Elias dazu. Unser Altersschnitt liegt bei 46. Die Herausforderer sind eine Gruppe ehrgeiziger Jungs Anfang 20. Wie ich es erwartet hatte, geht es intensiv und körperlich zur Sache. So, wie man halt richtig Basketball spielt. In meinem Team fasst sich immer wieder mal jemand ans Kreuz, oder bleibt nach einem harten Foul kurz liegen, um seine Knochen zu zählen. Die jungen Burschen stecken die kleinen Blessuren hingegen weg wie nichts. Wir gewinnen das erste Spiel, das über eine Dreiviertelstunde lang geht. Im Rückspiel erwischt es mich bzw. ein Ball erwischt mich aus wenigen Zentimetern mit voller Wucht auf die Nase. Das bisschen verschwommene Sehen beunruhigt mich weniger, als meine Mitspieler die alle gelaufen kommen und mir rasch Wasser und Taschentücher reichen. Tatsächlich läuft mir ein wenig Blut von und aus der Nase. Auf Nachfrage bestätigen mir meine Mitspieler, dass mein Riechorgan jedenfalls gerade sitzt. Schlimmer ist, dass wir nach der kurzen Unterbrechung das Rückspiel aus der Hand geben und somit ein drittes und entscheidendes Spiel austragen müssen. Die Nase macht mir weniger zu schaffen, als der angestauchte Finger und Zeh. Mit den letzten Reserven und jeder Menge Routine spielen wir die Youngsters noch einmal an die Wand und krönen uns zum Sieger des Turniers. Danach brechen zuerst die Jungen, dann meine Mitspieler so rasch auf, dass ich gar nicht mehr dazukomme eine Erinnerungsfoto zu machen.
"Please use the restroom, i can't let you get back to your wife like that" deutet mir Michalis zurück vor seinem Lokal, dass er für mich aufsperrt. Mein Anblick im Spiegel schreckt mich tatsächlich. Über meiner Lippe ist ein breiter blutroter Schnurbart entstanden, der parallel zu einem tiefen Cut auf der Nase verläuft. "Na, das wäre mal ein lustiges Erinnerungsfoto geworden" muss ich innerlich schmunzeln. Frisch gewaschen und ohne roten Bart lässt mich Michalis zurückkehren und lobt zum Abschied mein Basketballspiel.
Als ich Ines entspannt beim Lesen im Garten vorfinde, ist es weniger die Nase, sondern vielmehr der gestauchte Zeh und Finger, der schmerzt. Wie sagt man in Österreich so passend: "Oid derfst ned werdn!". Nach einer kalten Dusche und neuerlichen Reinigung sieht die Nase bereits viel harmloser aus. Ines versorgt mich liebevoll mit einer passenden Creme und wir machen uns an die Arbeit, uns bei den verreisten Gastgebern zu revanchieren. Lina, die ein Faible für fancy Sneakers und ein Buch über Designerhandtaschen am Tisch liegen hat, freut sich womöglich wenig über eine selbstgemachte Kette von Ines. So lassen wir lieber den Sauerteig wachsen, um am nächsten Morgen für unsere "neue Familie" auf Kos Brot zu backen. Obwohl angeboten, verspüren wir keine Regung den großen Flachbildfernseher inklusive aller Streamingdiensten aufzudrehen. Dafür sehe ich am Abend im Internet nach, wie das Match ausgegangen ist, dass sich Lina und Stamatis angesehen haben. Ihr Team hat mit 3:0 gewonnen hat und ich stelle mir vor, wie sie mit Freunden gerade am Jubeln und Feiern sind.
Am nächsten Morgen wird Fridolph, der kleine Pudel, von Stamatis Schwester überraschend früh zurückgebracht und landet somit noch für einige Stunden in unserer Obhut. Er darf zusehen, wie Ines den fertigen Teig verarbeitet, die Kruste verziert und die drei Laibe in den Backofen schiebt. Unser Brot schmückt ein Herz, während Romantikerin Ines für Lina eine Blume und für Michalis eine Sonne geschaffen hat. Die Überraschung kommt bei Lina und Stamatis gut an, die nach ihrer Rückkehr noch ein wenig mit uns verweilen, bevor sie am Nachmittag jeweils in ihre Arbeit fahren und wir aufbrechen, um das zweite Brot an den Mann zu bringen. Michalis ist gerade zuhause und freut sich glücklicherweise über den spontanen Besuch. Er weist uns auf die symbolische Bedeutung hin, die es hat, in Griechenland Brot zu verschenken. Eine Geste die besonders von Herzen kommt. Obwohl er uns immer wieder als "family" bezeichnet, bringt Michalis so vieles mit, dass ich ihn ohne weiteres bereits als Freund bezeichnen kann. Dafür und für die vielen Einblicke, die er mit uns geteilt hat, bedanke ich mich zum Abschied. Wir werden uns wieder sehen, da bin ich mir sicher. Den Tag lassen wir in völliger Ruhe an einem bisher unbekannten Strandabschnitt ganz im Osten ausklingen. In weniger als 24 Stunden werden wir einen neuen Kontinent betreten. Sehen können wir ihn schon seit Wochen, aber nun ist es soweit. Ich schnappe mir vor dem Sonnenuntergang die Klangschalen, die wir von Bobby erhalten haben und gehe hinunter zum Ufer. Mit den Füßen im Wasser spiele ich auf den unterschiedlichen Schalen. Ein wunderbares Gefühl, miteinander verbunden zu sein. Ob Frequenzen, Schwingungen oder die Sprache des Herzens. So viele gute Menschen durften wir bereits kennenlernen und weitere warten bestimmt in der Türkei auf uns.












































































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Margit (Mittwoch, 13 Mai 2026 11:29)
Gut dassFamilie überall ist!
Lilly (Donnerstag, 14 Mai 2026 13:11)
Spannend wie immer! Tolle Mischung von schöne Landschaften und tolle Menschen- beides so wichtig! LG von uns allen in Wien.
Ula (Donnerstag, 14 Mai 2026 15:13)
Ich liebe es, eure schönen Berichte zu lesen. In Gendanken reise ich dann sogar mit euch?
Alles Liebe euch beide
JoXe (Sonntag, 24 Mai 2026 20:21)
Wie immer bereitet es große Freude, euren anschaulich und mit viel Humor geschilderten Erlebnissen zu folgen, die durch die eindrucksvollen Fotos perfekt abgerundet werden.
Mit Vorfreude blicken wir euren nächsten Abenteuern in den türkischen Gefilden entgegen.