Vulkanfieber in Anatolien

Neue Freunde, antike Stätten

"Aha, wia kriagn Nochbarn" bemerke ich wenig begeistert, als sich der rote Camper mit dem Feuerwehr-Schriftzug knapp 30 Meter neben uns einparkt. Das Fahrzeug hat bereits am Vortag am Strand von Çirali hinter uns geparkt und kurz meine Aufmerksamkeit gewonnen. Es handelt sich um dasselbe Modell von Mercedes mit dem Ines und ich vor bald zehn Jahren zu unserer großen Afrikareise aufgebrochen sind. Die uns bisher unbekannten Insassen sind jedenfalls mit einem französischen Kennzeichen unterwegs. Nun erkenne ich, wie sich ein stämmiger kleiner Kerl mit kurzen dunklen Haaren und rotem Bart daran macht, neben ihrem Bus ein Klo- oder Duschzelt aufzubauen.

Einige Stunden zuvor sind wir in der Göynük Schlucht angekommen, haben uns abseits des Besucherparkplatzes auf ein verstecktes Plätzchen geparkt und einen todesmutigen Waschgang im eisigen Wasser des Flusses vollbracht. Gesellschaft haben uns bisher nur ein paar Schildkröten geleistet, die durch den steinigen Untergrund und ihr überraschend geräuschvolles Schmatzen leicht zu entdecken waren. Nachdem die nervige Quad-Kolonne am anderen Ufer ihre abenteuerlustigen Gäste wieder ausgespuckt hat, konnten wir die weiteren tierischen Geräusche aus einiger Entfernung deutlich ausmachen. "Das sind eindeutig Pfaue" nickt Ines mir zustimmend zu. Das laute Kreischen nimmt jetzt am Abend ab, dafür nähert sich ein mutiges Prachtexemplar unseren (wohl doch nicht perfekt versteckten) Bus. Als ich Ines Bescheid gebe und mit einer Handvoll Sonnenblumenkerne die Fütterung einläute, bemerke ich unsere neuen Nachbarn beim interessierten Zusehen. Da Ines und ich bereits gut geübt sind im Umgang mit den prächtigen Vögeln, können sie nicht wissen. Die bewundernden Blicke (sollten es solche sein) stören mein Ego weniger. Ich deute dem Paar, doch rüberzukommen und biete ihnen jeweils eine Handvoll Kerne an. Dem Pfau ist's ohnehin wurscht, wer ihm die Leckerlis reicht und schnappt ordentlich zu.

Danach stellen sich Margaux (sprich: Margo) und ihr Partner Thibault (sprich: Thibo) bei uns vor. Die beiden kommen aus Frankreich, fahren ein altes österreichisches Feuerwehrfahrzeug aus der Steiermark und haben, bevor sie letztes Jahr ihre Reise begonnen haben, die letzten sechs Jahre auf der französischen Karibikinsel Guadeloupe gelebt. Nun sind sie am (Land) Weg nach Südostasien, zu zweit mit ihrem Kater Cousteau. Entgegen meiner ersten Befürchtung, sind mir die beiden durchaus sympathisch. Ines auch und so nehmen wir ihre Einladung auf ein Bier nach dem jeweiligen Abendessen gerne an. Es handelt sich tatsächlich um zwei liebe Menschen, die bescheiden wirken und wertschätzend miteinander umgehen. Letztes Jahr waren sie mit Margauxs älteren Bruder, der das Down-Syndrom hat, ganze drei Monate in Skandinavien unterwegs und konnten dank viel Geduld und Aufmerksamkeit unvergessliche Erinnerungen schaffen. Ich kann nachvollziehen, wovon sie sprechen und bin sowohl beeindruckt als auch gerührt. Weit mehr noch, als von ihrem Bus, der bevorstehenden Reise und dem Kater.

Als wir uns am Abend gerade verabschieden wollen, nähert sich aus der Dunkelheit eine Gestalt. Es handelt sich eindeutig um einen Mann. Eher klein, graues Haar und einen breiten Schnauzer. Während wir noch gespannt sind, was (und wer) da auf uns zukommt, streckt uns der Mann bereits seine Hand entgegen und beginnt auf Türkisch munter mit uns zu plaudern. Ich verstehe nur, dass er uns alle für Russen hält, was bei den vielen russischen Touristen hier nicht verwunderlich ist. Er ist jedenfalls Nachtwächter am Eingang des Nationalparks und bietet uns prompt an, gerne sein WC, Badezimmer oder auch seine Steckdosen zu verwenden, sollten wir etwas laden wollen. Ein weiterer Akt der Gastfreundschaft, der uns ein Lächeln auf die Lippen zaubert. Als wir dankend ablehnen, widmet sich der Mann seinem Smartphone, wo er die Live-Übertragung eines Fußballspiels wieder in voller Lautstärke verfolgen kann.

Wir schlafen gut und beschließen nach dem Frühstück und anschließenden Plaudern mit Margaux und Thibault, einen weiteren Tag am Rande der Schlucht zu verbringen. Nachdem den beiden Ines hübsche selbstgemachte Kette aufgefallen ist, bietet meine wundervolle Frau ihnen an, sich doch einen Stein samt Stoff auszusuchen, der ihnen zusagt. Dafür, dass sie zwei Menschen, die wir gerade erst kennengelernt haben mit einem handgemachten Talisman ausstatten möchte, dessen Verarbeitung einige Zeit in Anspruch nimmt, liebe ich Ines besonders.

Etwas ungewohnt für uns, verbringen wir auch den zweiten Abend mit unseren Nachbarn und unterhalten uns bestens. Unsere gemeinsame Sprache ist Englisch, wobei ich mich erwische, auch mal ein paar französische Floskeln zum Besten zu geben. Margaux spricht gut Englisch, zumindest traut sie sich dahingehend mehr zu als Thibault, der auch ganz passabel spricht und nur manchmal auf französisch bei seiner Partnerin nachfragt, wie manche Wörter auf Englisch heißen. Dabei wirken sie sehr harmonisch, teilen ein angenehm ruhiges und zurückhaltendes Wesen, das sich gleichzeitig über unser Interesse und so manche Gemeinsamkeit freut. So wie wir, sind sie seit 11 Jahren ein Paar, lieben die Natur, Wandern, Tiere und machen sich weniger aus materiellen Dingen. Und das, obwohl die beiden erst 30 sind. Einem Alter also, wo mir beispielsweise noch so einiges Unnützes durch den Kopf gegangen ist.

Mit einem sehenswerten Talisman um den Hals, verabschieden sich am frühen Morgen Margaux und Thibault von uns. Sie wollen rasch eine Werkstatt finden, die ihnen helfen kann, ihren Benzintank dicht zu bekommen. In der nahen Metropole Antalya soll es jedenfalls nicht an Optionen mangeln. Wir tauschen noch Nummern aus, gleichen mögliche Stellplätze rund um Antalya ab und drücken ihnen die Daumen.

 Auch wir wollen in Antalya, dass wir beide schon mal besucht haben, einen Stopp einlegen. Uns zieht es in eine seltene Filiale eines deutschen Baumarktes, wo wir ein fertiges Gemisch für unseren Benzinkocher, sowie Ersatz für die Magnethaken finden wollen, die ich als meinen Beitrag in Sachen Talisman unseren neuen Freunden vermacht habe. Die Mission gelingt halbwegs flott, was zur Folge hat dass wir uns in der gegenüberliegenden Shopping Mall ebenso kurz umsehen. Ines findet dort sogar hübschen Ersatz für ihre kaputte kurze Hose und den ramponierten Bikini.

Unser eigentliches Ausflugsziel für den Tag liegt jedoch noch eine dreiviertel Stunde entfernt. Nordwestlich von Antalya, an den Ausläufern des westlichen Taurusgebirges, befindet sich auf über 1000m Seehöhe die antike Stadt Termessos.

Termessos ging als einzige Stadt in die Geschichte ein, die nicht von Alexander dem Großen erobert werden konnte. Die wehrhaften Solymern, wie das Volk hieß, konnte zuvor schon den Angriff der Perser abwehren was sie auch ihrer speziellen Lage zu verdanken hat. Laut Internet gilt auch heute noch der Aufstieg als beschwerlich und öffentlichen Verkehrsmittel führen ebenso wenig nach Termessos. Ein Ort ganz nach unserem Geschmack also. Der Eintritt in den umliegenden Nationalpark entrichten wir unten im Tal bevor es neun steile Kilometer über zahlreiche Serpentinen bergauf zur antiken Stätte geht. Tatsächlich ist der Parkplatz, wie erhofft, ziemlich leer. Leer werde ich auch in Sachen Drohne ausgehen, nachdem das einzige Hinweisschild weit und breit die Verwendung strengstens untersagt. "Soi ma nu an Regenschirm mitnehma?" frage ich bei Ines nach, die neben mir die dunklen Wolken beobachtet. "Ich glaube nicht" meint sie zuversichtlich (wie immer). Eine Eigenschaft, die ich stets an ihr schätze. Es dauert ein wenig bis wir über den steilen Pfad die ersten Festungsmauern der Stadt erreichen. Überraschend viel ist von den meterdicken Gemäuern noch übrig zwischen denen sich die Natur unbändig ihren Platz zurückerobert. Gerade dieser teilweise unrestaurierte Zustand, der vorab unser Archäologenherz höher schlagen ließ, verleiht dem Ort besonderen Flair. Mit jedem Schritt wird auch der Ausblick auf die umliegende Landschaft spektakulärer. Erste Wegweiser helfen bei der Orientierung und so gelangen wir über Ruinenfelder zum sogenannten Gymnasium und weiter zu den riesigen Zisternen. Über herumliegende Säulen und Steintafeln, in Kleinwagendimension glauben wir den höchsten Punkt der Anlage erreicht zu haben, als uns der Regen doch einholt. Ohne Schirm, dafür umso romantischer, schmiegen wir uns unter der dichtesten Baumkrone aneinander, die wir finden können. Halbwegs trocken erreichen wir eine halbe Stunde später das Highlight von Termessos und werden für unsere Geduld belohnt. Das riesige Amphitheater thront am steilen Berghang und empfängt uns bei strahlendem Sonnenschein. Bei all unseren archäologischen Erkundungen im Mittelmeerraum haben wir ein Theater mit solch einer Kulisse noch nicht gesehen. Erhaben, majestätisch und spektakulär sind die (wenig kreativen) Adjektive, die mir als Erstes in den Sinn kommen. Wir verweilen lange auf den unterschiedlichen Rängen, machen Fotos und lassen uns sogar fotografieren. Ein Türke reicht das Handy gleich an seine Frau weiter, die eine "Expertin" sei. Wie wir später erkennen können, hat die junge Dame es geschafft, uns in weniger als 30 Sekunden mehr als 30 mal abzulichten. Ich, der mit Videospielen groß geworden bin, bin beeindruckt und vor allem amüsiert.

Am Weg hinunter wählen wir die andere Route, durch die Nekropole die an Felsengräbern und frei stehenden Sarkophagen vorbeiführt. Unglaublich, wie viele Highlights der Ort zu bieten hat. Am Ende der Nekropole ist es nun die Natur, in Form eines mit Efeu überwucherten Baumes, die uns staunen lässt. Der hölzerne Riese hat es geschafft, über Jahrhunderte einen tonnenschweren Felsblock samt Inschriften einzuschließen und mit sich wachsen zu lassen. Ines meint ich soll mal probieren, das Ding anzuheben, was mir nicht sonderlich erfolgsversprechend erscheint. Keinen Millimeter rührt sich der Fels, was sicherlich nicht daran liegt, dass ich meine Muckis seit Beginn unserer Reise öfters mal vernachlässige.

Ein sehr empfehlenswerter Ausflug liegt hinter uns, den wir mit einer letzten Erkenntnis beenden. An der Ausfahrt des Nationalparks lässt es sich mehr vermeiden, dass wir über eines der "Nagelbretter" fahren müssen, die überall in den türkischen Städten ihr Unwesen treiben. Der Mechanismus soll lediglich verhindern, dass man gegen die Einbahn fährt, was in der Türkei höchstens einem Kavaliersdelikt gleichkommt. So steigen wir vor dem gelben Streifen aus und testen mit Händen und Füßen, ob der Mechanismus auch tatsächlich funktioniert. Nicht, dass ich der türkischen Ingenieurskunst nicht vertraue, aber Witterung und Abnützung sind ernst zunehmende Widersacher in diesem Eck der Erde. "Hoib so wüd, brauchat nur a wengerl Schmier!" denke ich laut, bevor wir flott über das Hindernis rollen, das keines ist und steuern zurück in Richtung Antalya.

Einige Kilometer außerhalb der Millionenstadt haben wir einen ruhigen Stellplatz im Grünen gefunden, wo unsere neuen Freunde bereits auf uns warten. Sie waren sogar so nett, dass sie die richtige Abzweigung am Forstweg mit Ästen markiert haben. Gesehen haben wir den improvisierten Wegweiser zwar nicht, aber trotzdem intuitiv denselben Platz gefunden. Dort erzählen sie uns von einem durchwachsenen Tag in der Werkstatt, wo ihr roter Bus "Emile" zwar nicht rundum, dafür die beiden aber bestens versorgt und verköstigt wurden. Ein weiterer Werkstatttermin am nächsten Tag steht ihnen ins Haus.

Nach einem gemeinsamen Frühstückskaffee trennen sich unsere Weg wieder. Ines und ich wollen zumindest einen Tag durch Antalya streifen, Fotos knipsen und uns mal wieder bekochen lassen. Nach 45 Minuten moderat hektischen türkischen Stadtverkehr freuen wir uns über unsere Stellplatzwahl. Zwar unweit einer Hauptverkehrsader, dafür neben einem riesigen Park gelegen, von dessen Ausgang wir per Straßenbahn bequem die letzten drei Kilometer in die Altstadt fahren können, liegt unser gebührenpflichtiger Parkplatz. Neben dem Archäologischem Museum, das derzeit wegen Renovierung geschlossen ist, kann Antalya nur mit wenigen Highlights aufwarten. Das antike Hadrianstor, das mittlerweile mehr als zwei Meter unter Straßenniveau liegt und der runde Hafen am Fuße der kleinen Altstadt sind die beliebtesten Sehenswürdigkeiten, die wir beide ohnehin kennen. Trotzdem beginnen wir unseren Spaziergang dort, wo uns die Straßenbahn abliefert. Nämlich beim Tor, das zu Ehren des römischen Kaisers Hadrian vor 1900 Jahren errichtet wurde. Von dort geht es mehrmals kreuz und quer durch die Altstadt bis wir uns auf ein Lokal einigen, wo wir kurz nach Erhalt der Speisekarte doch wieder die Flucht ergreifen. Die unter anderen auf Deutsch angepriesene "beste Holzofen Pizza der Stadt" sieht am Nachbartisch aus, als wäre es ein ungeliebtes Überbleibsel aus dem Tiefkühlregal. In einem Gastgarten nebenan werden wir besser, wenn ebenso teuer verköstigt. Nach einem Kurzbesuch im Ethnologischen Museum erkunden wir gemeinsam die Neustadt, marschieren richtig weit und freuen uns später über das tadellose Internet in einem Kaffeehaus, dass wir gerne nutzen. Den Abstecher in den Bazar, wenn er sich so schimpfen darf, hätten wir uns ersparen können. Aufgeräumt, sauber und ganz ohne Geruchsnote präsentiert sich die touristische Version des Marktes, wo uns deutschsprachige Schlitzohren uncharmant aufdringlich Ramsch und gefälschte Markenkleidung anbieten.

Das unser ruhiger Parkplatz am späten Nachmittag plötzlich voll ist, überrascht uns später doch ein wenig. Eine heitere Einheimische mittleren Alters, die mich fragt ob ich ihren entlaufenen Hund gesehen habe, klärt mich nach der Wiedervereinigung (zu der ich nichts beitragen konnte) zwischen Frauchen und widerspenstigen Vierbeiner auf. "There is a concert tonight, just here in the music hall! My son and his orchestra play there as well...traditional turkish music...you should go there!". Schön, die einzige Türkin getroffen zu haben, die passabel Englisch spricht. Noch Schöner zu wissen, dass ein kostenloses Unterhaltungsprogramm nebenan stattfindet. Am schönsten jedoch ist es zu wissen, dass der Parkplatz sich danach wohl wieder zur Gänze leeren wird. Das beliebte unentschlossene "Ich weiß nicht recht....Ich auch nicht"-Spiel verlegen wir auf ein anderes Mal, ziehen uns lange Bekleidung an und stehen pünktlich zu Konzertbeginn im modernen Veranstaltungszentrum. Dort fallen wir neben den vielen Elternteilen (?) zumindest aufgrund unseres Äußeren auf. Als die Ansprache des Dirigenten vorbei ist und die Lichter ausgehen sind wir gespannt, was auf uns zukommt. Es sind Töne und Lieder, die in unseren Ohren so fremd klingen, wie das Alphorn einem Sudanesen. Tatsächlich handelt es sich um türkische zeitgenössische Klassiker, die hierzulande von Ambros oder Fendrich stammen würden. "Schau mal, die Mütter da!" deutet mir Ines, die mit diebischer Freude beobachtet, wie die Erwachsenen in den Rängen vor uns, den Konzertbesuch nutzen, um ungestört in den sozialen Netzwerken zu stöbern. Ein paar Ausnahmen gibt es jedoch, die aufmerksam klatschen oder ihr Handy zum Filmen verwenden. Nach einer dreiviertel Stunde haben wir genug gesehen und ziehen uns erheitert und erschöpft in den Bus zurück.

Nach einer grenzwertig warmen Nacht (in der der Kleinwagen neben uns tatsächlich der war, der weit nach Mitternacht als letztes den Parkplatz verlassen hat), nutzen wir am Morgen die Nähe zum Stadtstrand, springen vorerst ein letztes Mal ins Meer und verabschieden uns von den willigen Katzen im Park mit einer Streicheleinheit. Am frühen Nachmittag erreichen wir die zackige Eurymedonbrücke und danach das imposante Aquädukt von Aspendos. Direkt daneben wollen wir den Abend verbringen und "erkaufen" uns die Erlaubnis bei der ansässigen geschäftstüchtigen Familie mit frischgepresstem Saft und Tee. Obwohl der Saft schmeckt und die Preise tragbar sind, nervt mich die hier praktizierte Gastfreundschaft ein wenig, da die redselige Betreiberin fortwährend auf ihre ach so süßen Kleinkinder hinweist, denen wir doch auch was selbstgebasteltes abkaufen sollen. Das verfliegt, als wir uns die Beine vertreten und eine Runde um das bekannte Amphitheater drehen, dass ich vor 18 Jahren bereits mit meinem Vater besuchen durfte. Zur Inflation, die seitdem stattgefunden hat, kann ich wenig sagen, doch sind uns die üppigen 40 € die wir Eintritt zahlen müssten, an diesem Nachmittag zu viel. Uns macht es dabei nichts aus, das Einheimische nur einen Bruchteil oder oft gar nichts bezahlen müssen. Diese Preispolitik kennen wir bestens aus Afrika und können uns, sofern die Relation stimmt, damit gut arrangieren.

Anatolische Schätze

Ausgeruht und neugierig starten wir am nächsten Morgen die lange Etappe, die wir uns vorgenommen haben. Wir wollen hinauf ins türkische Hochland nach Anatolien, wo uns eine gut ausgebaute Straße Kurve um Kurve und Höhenmeter um Höhenmeter hinführt. Es dauert beinahe zwei Stunden bis sich erstmals die Weite der Hochebene in unseren Augen spiegelt. Strahlend grün und flach, in der Ferne umrandet von Bergen, deren spitze Gipfel noch schneebedeckt sind. Als wir bei einer Quelle unsere Wasservorräte auffüllen, merken wir auch gleich den Temperaturunterschied. Knapp 10 Grad sind uns "verlorengegangen", wobei eine kühle Brise auch ihren Beitrag leistet. Die dicken Gewitterwolken über dem Beyşehir See veranlassen uns, sogar noch weiter zu fahren als geplant. Bei unserer späten Mittagspause an einer Parkbucht werden wir von zwei geselligen Truckern prompt noch auf Tee eingeladen und erfahren, dass unser neues Ziel für den heutigen Tag, die Großstadt Konya "çok çok güsel" (also sehr sehr schön) sein soll.

Vom Westen kommend, liegt uns die Stadt kurz zu Füßen, bevor es hinunter in die Millionenmetropole geht. Endlos weit, ohne markante Türme oder Wolkenkratzer füllt die Stadt die Hochebene bis zum Horizont aus. "Bist du gscheit, des is jo wirklich riesig!". Umso geschickter gelingt es Navigatorin Ines uns durch das Zentrum zu lotsen, an dessen anderem Ende unser Stellplatz wartet.

Konya ist mit seinen knapp 2 Mio. Einwohnern nicht nur groß, sondern hat in der Türkei einen ganz besonderen Stellenwert. Die ehemalige Hauptstadt der Seldschuken gilt als Zentrum des anatolischen Islams. Hier wurde im 13. Jahrhundert der mystische Mevlana Orden (besser bekannt als die "tanzenden Derwische") gegründet. Ihre Mitglieder, die Sufis, tanzen sich in Trance um in religiöse Ekstase zu verfallen und dabei mit Gott in Kontakt zu treten.

Wenige Gehminuten von ihrem Zentrum entfernt parken wir unseren Bus und beschließen, nach dem langen Fahrtag, uns nochmal ausgiebig die Beine zu vertreten. Das Mevlana Museum mit angrenzender Moschee wird unser erster Halt. Entgegen des Usus, dürfen wir unsere Schuhe anbehalten, müssen uns aber Einweg-Plastiksocken überstreifen. Drinnen glänzt und funkelt es golden von den Wänden und Decken. Ornamente, Kalligrafien und Symbolik die unsere Kenntnisse übertreffen verzaubern kundige Besucher wohl noch mehr. Kein Wunder, handelt es sich bei dem Museum gleichzeitig um das Mausoleum des Gründers der Derwischbruderschaft Dschalal ad-Din ar-Rümi. Neben 55 Sarkophagen, die jeweils prächtig geschmückt aber unterschiedlich groß ausfallen ragt der des Gründers besonders empor. An seinem erhöhten Kopfende sitzt auch der größte Turban. Einheimische und Pilger stehen andächtig vor den prächtigen Sarkophagen, murmeln Gebete oder sprechen mit Gesten zu den Verstorbenen. Im zweiten Teil des Museums sehen wir bestens erhaltene Ausgaben des Korans aus dem 13. Jahrhundert, die mitunter so akribisch geschmückt und verziert sind, dass man ahnen kann mit welcher Hingabe die Exemplare erschaffen wurden. Bei unserem weiteren Spaziergang durch das teilweise renovierte Marktviertel fällt uns die gelungene Mischung aus alt und neu besonders auf. In ihrer reichen Geschichte verankert, wirkt die Stadt an vielen Ecken sauber und manchmal sogar übersichtlich. Die Vielfalt am Markt wird der Türkei wieder gerecht. Neben Kleidung, Schuhen, Schmuck, Obst und Gewürzen werden an anderen Straßen Tee, Kaffee sowie Tabak angeboten. Weitere Gassen führen nur Kupfer oder Silberhandwerk, während es dahinter nur Werkzeug und Baumaterial zu erstehen gibt. Das es sich dabei um ein ganzes Stadtviertel handelt, und nicht wie in Antalya um einen überdachten Rundweg, zeugt von Authentizität. Wenn Antalya ein Teenager mit wenig Erfahrung und Tiefgang ist, der gerne etwas aufschneidet, ist Konya ein reifer selbstsicherer Mann (nie würd ich es wagen, eine so muslimisch geprägte Stadt mit einer Frau zu vergleichen), der seine Fähigkeiten nicht immer zur Schau stellen muss. Die Preise sind ebenfalls auf lokalem und weit niedrigerem Niveau, als noch an der Küste. Konya gefällt uns rasch. Die lokale Spezialität heißt "Yag Somunu", was übersetzt "Ölbrot" bedeutet und ein wenig einer Pizza Calzone ähnelt. Das genau die vegetarische Variante so scharf ist, dass uns die Tränen kommen, tut dem sonst angenehmen Gaumenerlebnis wenig ab. Als mich der Kellner fragt, wie es mundet, suche ich mir die korrekte Übersetzung heraus. "Biber" kennen wir bereits und bedeutet "scharf". Nun lernen wir "zu sehr" und fügen es hinzu. "Çok güsel" und "Çok fazla biber" antworte ich, in Erwartung ein Lächeln zu erhalten. Doch der Kellner wirkt bestürzt und bietet mir an, sofort mit dem Koch zu sprechen. Na halleluja! Die Intervention kann ich gerade noch verhindern. Für ein zweites Exemplar reicht unser Hunger nicht aus und auch das anschließende Teetrinken dauert nicht lange genug, um den mittlerweile heftigen Regenguss auszusitzen. An diesem Abend mit beinahe zwei Gehirnen ausgestattet, haben wir schon damit gerechnet und immerhin unsere Regenjacken eingepackt.

Mit frischer (und trockener) Kleidung besuchen wir am nächsten Morgen das archäologische Museum von Konya, wo wiederum kein Eintritt verlangt wird, obwohl darin etliche Schätze lagern. Neben meisterhaft detailreichen Statuen und Sarkophagen aus der Römerzeit, sind es vor allem die steinzeitlichen Funde aus Çatalhöyük, die unsere Aufmerksamkeit bekommen. Da nur einige hundert Meter entfernt auch das Ethnologische Museum liegt, besuchen wir im Anschluss auch diese Ausstellung. Im belichteten Erdgeschoss bietet sich uns ein Überblick von Kleidung, Schmuck und Alltagswaren aus der osmanischen Epoche. Ein portables Kaffeeset gefällt mir dabei besonders gut. Unweigerlich muss ich an das Lied denken, das wir in der Volkschule stets im Kanon singen mussten: "C-A-F-F-E-E trink nicht so viel Kaffee, sei doch kein....". Politisch fragwürdig, wird es wohl heute nicht mehr gesungen, da selbst (nur die Wörter) "Indianer" und "Zigeuner" in den letzten Jahren eine unverzichtbare Lobby erhalten haben. Die Wahrheit ist, das Kaffee tatsächlich das türkische Nationalgetränk war, bis Staatsgründer Atatürk den damals leicht erhältlichen (und leistbaren) Tee, also Çai auf das Podest hob.

Im Keller laufen unterdessen die Klimaanlage, sowie Entfeuchtungsapparate auf Hochtouren. Hier findet die Ausstellung der ältesten Teppiche Anatoliens statt. Unvorstellbar wie robust und gut erhalten manche Exemplare sind, die 600 oder mehr Jahre auf dem Buckel haben.

Am frühen Nachmittag erreichen wir rechtzeitig ein kleines Café mit riesigen Schirmen im Alaaddin Park, einem markanten Hügel im Stadtzentrum, wo wir vorhaben die aktuelle Regenfront auszusitzen. Weil ich einen Anruf tätigen muss, haben wir das Tablet (mit türkischer SIM-Karte) im Gepäck, dass uns kurz mit der weiten Welt verbindet. Nach meinem Telefonat freuen wir uns, über die Nachricht unserer französischen Freunde, die ebenso Konya erreicht haben und tatsächlich gerade im selben Park den Regen aussitzen. "Gibt's jo ned, san die zwa blind?" frage ich mich, nachdem sie uns (beim vermeintlich einzigen kleinen braunen Kaffeehauscontainer) nicht finden können. Umso mehr freut es uns, als wir sie am Fuße des Hügels erkennen können. Ihnen geht es jedenfalls bestens und auch bei ihrem Feuerwehrbus Emile lässt eine weitere Optimierung Hoffnung aufkommen. Am wichtigsten aber ist, dass Margaux und Thibault die Sonne ein Stück weit zurückbringen. So schlendern wir gemeinsam durch die Altstadt, besuchen zwei alte Moscheen, versuchen gemeinsam einen Vogel aus einer brenzligen Lage zu retten und führen sie zum Lokal, wo wir am Vorabend die lokale Spezialität gegessen haben. Danach besuchen wir zwei bunte Souvenirläden, die vor allem Kupfer und Keramik aus Konya anbieten. Eher aus Jux (und ein wenig Neugier) betreten wir im ersten Laden den modernen Fahrstuhl und lassen uns überraschen, was im zweiten Stockwerk zu sehen ist. Auch der ältere Herr, der uns dort begrüßt, ist sichtlich verwundert über die vier "Volltouristen", die gerade aus dem Lift plumpsen. Seine Worte verstehen wir nicht, aber die Gesten sind eindeutig: wir sollen ihm folgen! Hinter einem Warendepot zeigt er uns sein Reich. Das Reich der Teppiche. Anders als in Marokko, handelt es sich nicht um teure "handgemachte Unikate", sondern um eine riesige Auswahl an maschinell hergestellten Gebets- und Wandteppichen mit Motiven. Der Herr hat so eine Freude mit uns Besuchern, dass wir es kaum übers Herz bringen, ihm zu sagen dass es wir gar kein Interesse an einem seiner Stücke haben. Nachdem er uns bereits ohne Nachdruck (und mit strahlenden Augen) einige der wirklich günstigen Stücke gezeigt hat, fällt mir ein, dass unser marokkanisches Exemplar im Bus seit einigen Tagen ernsthaft befleckt ist. Ines hat beim Hantieren mit unserem Benzinkocher völlig überraschend eine Spur gezogen, die unserem Teppich nicht nur wenig schmeichelt, sondern möglicherweise dauerhaft entstellt. So kaufen wir ohne jegliche Absicht, für den Preis einer dicken Wurstsemmel daheim, einen blauen Gebetsteppich. Bis wir die nächste Waschmaschine finden, muss er vorerst im Kofferraum als Puffer dienen. Unsere Freunde bekommen übrigens sogar ein kleines Exemplar geschenkt, dass sie irgendwo zwischen Sitzbank und Katzenkisterl platzieren wollen. Mit diesen und einigen anderen Souvenirs geht es gemeinsam zurück zum Stellplatz, wo unsere Freunde ebenso parken.

Weil uns der Gedanke gefällt, am Abend die traditionelle Vorstellung der tanzenden Derwische anzusehen, überlegen wir am Morgen ob wir eine weitere Nacht in der sympathischen Stadt dranhängen. Das gute Wetter spricht jedoch genauso für den Besuch einer der bedeutendsten Stätten, die die Türkei zu bieten hat. Die Wahl fällt auf Çatalhöyük, einem Weltkulturerbe, wo sich die älteste bisher entdeckte Siedlung der Menschheit befunden hat. Neben Göbekli Tepe und Karahan Tepe, die als älteste Kultstätten die Geschichte in den letzten Jahrzehnten neu geschrieben haben, war es dieses Çatalhöyük wo Menschen erstmals nachweislich sesshaft wurden und vor über 9000 (!) Jahren eine Siedlung errichtet haben, die mehreren tausend Menschen eine Heimat war.

Bereits im brandneuen Museum, wird uns für den läppischen Eintritt von fünf Euro soviel Interessantes geboten, dass wir dort zwei Stunden verweilen. Dabei drücken wir nicht mal alle Knöpfe auf den interaktiven Infoscreens und widmen uns eher den Fundstücken und rekonstruierten Häusern. Die rechteckigen Behausungen aus Lehmziegel waren dicht aneinandergebaut, verschachtelt und auf mehrere Ebenen angelegt. Der Zugang erfolgt jeweils per Leiter übers Dach. Für den Herd und die Feuerstellen diente diese Einstiegsluke auch gleichzeitig als Rauchabzug. An den Wänden fanden die Wissenschaftler Reliefs und Wandmalereien, die sowohl Handabdrücke, als auch zahlreiche Tiermotive darstellen.

Hinter dem Museum geht es hinauf auf dem Hügel, wo sich unter einer riesigen Kuppel die erste (und derzeit einzig zugängliche) Ausgrabungsstätte befindet. Hier wurden neben den Reliefs auch zahlreiche Fischerhaken sowie Spiegel aus poliertem Obsidian gefunden. Pfosten und Säcke sichern die uralten Wände, die wir uns ausgiebig ansehen.

Als würde unser Geist so viele Highlights überhaupt verarbeiten können, steuern wir am späten Nachmittag den Meke Vulkankrater an, wo wir unsere Freunde wieder treffen wollen. Der Ort ist tatsächlich noch spektakulärer, als ich es von einem Reise-Vlog auf YouTube in Erinnerung habe. "Da oben sehe ich schon die Feuerwehr" deutet mir Ines den Weg, der entlang des Kraterrings, einer fast perfekt rund geformten Caldera führt. Zum üblichen Schotter mischt sich feiner schwarzer Sand auf die holprige Spur, die uns zur steilen Kante führt, wo Margaux und Thibault bereits parken. Das besondere ist, dass sich innerhalb der Caldera ein ausgetrockneter Salzsee befindet, aus dessen Mitte sich ein "neuer" Vulkankegel erhebt. Als wir zum Sonnenuntergang noch schnell die Drohne fliegen lassen wollen, schleift sich ein Auto neben uns ein. Wie so oft bekommen wir ein "Hoş geldeniz" (Herzlich Willkommen) zu hören. Der Fahrer steuert auf Thibault und mich zu und stellt sich als Adnan vor. Er meint, dass er im nahen Dorf wohnt und wir Bescheid geben sollen, falls wir etwas brauchen. Wir sind bestens versorgt, bedanken uns und hoffen uns der Drohne bzw. dem Duschen widmen zu können. Adnans Alkoholfahne, die reicht um zwei Führerscheine abzugeben, ist möglicherweise der Grund warum er sich nicht verabschiedet, sondern umso mehr Umarmungen austeilt und auf Tuchfühlung geht. Als es mir nach 20 Minuten doch gelingt, uns im Kollektiv zu verabschieden, ist die Sonne bereits verschwunden. Obwohl etwas zu aufdringlich, kann auch der Alkohol der türkischen Gastfreundschaft scheinbar wenig anhaben. "This guy really had çok fazla" kommentiert Margaux treffend und bringt uns alle zum Schmunzeln.

Am Morgen starte ich die Drohne der Sonne entgegen und muss mich mit überbelichteten Bilder begnügen. Immerhin lässt die Reichweite es zu, bis über den Rand der Kraters zu fliegen um ins Auge des Vulkans zu blicken. Gräser und Büsche an der tiefsten Stelle zeugen davon, dass sich hier die Erde schon länger nicht mehr geöffnet hat. Außerdem entdecke ich an der Nordseite einen Trampelpfad, den ich als Einladung interpretiere.

Mein Interesse für Vulkane wurde spätestens in Ostafrika geweckt, als ich im Virunga Gebirge meinen ersten "3000er" bestiegen habe und in dessen blubbernden Kratersee blicken durfte. Ob Schichtvulkan (wie vor unseren Augen), Schildvulkane oder Calderen (auf einer solchen stehen wir gerade), alle üben sie eine Faszination auf mich aus. Gemeinsam mit Ines bin ich auf den Ätna gewandert, wir haben die rauchende Caldera von Vulcano umrundet und den explodierenden Stromboli vom Boot aus gesehen. Dieser kleine (Schicht-)Vulkan hier sollte also ein Klacks sein. Unsere Freunde, die praktischerweise auch Geologie studiert haben, wollen uns nicht nur begleiten, sondern sogar ihren Kater mitnehmen. "Na endlich!" denken wir uns, die dem Vierbeiner etwas mehr Ausgang zugestehen würden. Aus Angst vor tierischen Überraschungen halten sie ihren Cousteau lieber an der kurzen Leine.

So eine Überraschung erlebe ich, als wir uns vor dem Aufstieg umparken wollen und ich die Auffahrkeile unter den Reifen entferne. Eine schwarz-weiß gestreifte Schlange hat es sich in dem Keil gemütlich gemacht, den ich gerade in die Hand genommen habe. Behutsam lege ich den Keil wieder hin und sehe der fingerdicken Schlange zu, wie sie sich langsam entwindet und über die Kante des Keils hinunterschlängelt. Höchstens 40 Zentimeter lang, gehört das Reptil noch zu denen, die mich nicht in Schockstarre versetzen. Bei der Mama des Kleinen wäre das möglicherweise anders.

Von dem Reptil erzähle ich unseren Freunden anschließend. Den Fuchs, den wir bei der Umrundung am Weg zur Nordseite gesehen haben, verschweigen wir ihnen lieber. So bekommt ihr Kater den ersehnten Ausgang, darf sich in der Erde wälzen und Meter um Meter erschnuppern. Obwohl der Untergrund besonders lose und rutschig ist, schaffen wir den Aufstieg zum Kraterrand in einer halben Stunde. Oben angekommen erwartet uns ein schöner Aus- und Einblick. So ist das mit Vulkanen. Aus der dunkelroten Erde sprießen hellgrüne Gräser und eine Blume setzt regelmäßig gelbe Akzente dazu. Gemeinsam posieren wir für Fotos, blicken zusammen in den Abgrund und lassen uns vom steten Wind dann wieder zurückbegleiten. Ein lohnenswerter Aufstieg allemal, der Lust auf mehr Wandern und mehr Vulkane macht. Vollendes von meinem Vulkanfieber angesteckt, vereinbaren wir entlang unseres Weges nach Kappadokien einen kleinen Umweg zu machen und zum größten Vulkan der Region, dem Hasandağ, zu fahren.

Nachdem unsere Freunde noch Einkäufe zu erledigen haben, steuern wir zuerst dem schneebedeckten Riesen entgegen, der bereits aus über 100 Kilometern Entfernung am Horizont sichtbar ist. Mit seinen 3256m ist der Hasandağ die höchste Erhebung der Gegend und somit auch nicht zu verfehlen. Nur wenige Kilometer Luftlinie entfernt befindet sich ein Berg, dessen Gipfelplateau auf unserer Camping-App eingezeichnet ist. Ines, die aufgrund meines Vulkanfiebers und der damit verbundenen Freude am Fotografieren, erstmals seit langem wieder einmal das Steuer übernommen hat, fällt auch die Aufgabe zu uns auf das Plateau hinaufzuführen. Obwohl sie die steile und ausgewaschene Rumpelpiste gut meistert, bin ich nach zwei Löchern und einigen ungesunden Geräuschen unseres Fahrwerks fix und fertig als wir oben ankommen. Erst als ich am Bus nichts Ungewöhnliches erkennen kann, bemerke ich den eigentlichen Spielverderber. Es ist ein alter Bekannter, mit dem wir nach so vielen gemeinsamen Episoden noch immer keine Freundschaft schließen wollen. "Schau amoi bitte noch, ob der grausliche Sturm irgendwaun weniger werdn soll!" bitte ich Ines ihre verlässliche Wetter-App zu fragen. "Erst mitten in der Nacht, soll aus dem Sturm wieder Wind werden" lautet die ernüchternde Antwort. Nachdem sich der Gipfel des Hasandağ aufgrund des Schnees schon uneinnehmbar präsentiert, wird uns auch noch der Ausblick ein wenig vermiest. Resigniert schicken wir unseren Freunden eine Nachricht und beschließen trotz der Wetteraussichten zu bleiben. Margaux und Thibault schaffen mit ihren Allradfahrzeug (samt ordentlich Bodenfreiheit) die Piste ohne Probleme und finden uns auf Anhieb. Auf ein gemeinsames Plauschen oder Beisammensitzen müssen wir an diesem Abend verzichten. Gelegenheit dazu werden wir bald wieder haben. So wie wir, wollen die beiden auch nach Kappadokien, sich dort die Ballone ansehen, die den Himmel schmücken und Wanderungen unternehmen. Von Sturm gut durchgeschüttelt, ist es an diesem Abend ist es jedenfalls ein Trost, dass noch so viele herrliche Orte auf uns warten.

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