Von Kappadokien in den Orient

Die Bilder von dutzende Heißluftballonen, die sich zum Sonnenaufgang über die märchenhaften Tuffsteinformationen Kappadokiens erheben und den Himmel bunt färben, wecken seit Jahren unsere Interesse. Wir sind am Weg dorthin um diese Sehnsucht zu stillen. Die Region Kappadokien, rund um die Stadt Göreme, ist innerhalb der Türkei zum touristischen Hotspot schlechthin geworden. Die Ballonfahrt, die spektakuläre Ausblicke bietet, stellt für viele Besucher das absolute Highlight ihres Urlaubs dar. Wir sind da vorerst ein weniger bescheidener und würden uns bereits über einen Platz an einer Klippe freuen, wo wir am Morgen das Spektakel zum Frühstück serviert bekommen und vielleicht sogar ein Ballon neben uns landet. Obwohl es in unserer Camping-App nur so von Stellplätzen wimmelt, muss ich zähneknirschend hinterm Lenkrad feststellen, dass die Zufahrten in fürchterlichem Zustand sind. Ausgewaschene Pisten, wo knietiefe Löcher nur darauf warten, einen Reifen oder gar zwei zu verschlingen, lassen mich jedes Mal auf Neue leiden. Hier müssen wir durch. Wie immer auf unseren Reisen gilt: je holpriger der Weg, umso lohnenswerter das Ziel. So finden wir im zweiten Anlauf tatsächlich einen Felsvorsprung, wo wir soweit ohne unmittelbare "Nachbarn" den Bus platzieren. Danach vertreten wir uns die Beine und werfen einen Blick hinunter ins Tal zu den berühmten Feekaminen, das mittlerweile (aufgrund der phallusartigen Form und der besseren Vermarktung) "Love Valley" genannt wird. Über zig Millionen Jahre haben Regen und Wind die Gebilde aus Tuff, einer kittartigen Vulkanasche, geschaffen. Die Asche kommt übrigens zur einen Hälfte vom Hasan Dag Vulkan (wo wir am Vortag gestanden sind) und zur anderen vom fast 4000 Meter hohen Erciyes Vulkan bei Kayseri. Beide Vulkane sind übrigens mehr als 60 Kilometer Luftlinie entfernt.

Am Ende einer großen Plattform, die wir als Landezone der Ballone vermuten, befinden sich ein paar Verkaufsstände, die aufgrund der lauten Beschallung kaum zu verfehlen sind. "Na geh, muass des sei?" frage ich Ines nachdrücklich, die der Versuchung nicht widerstehen kann. Sie hat jedenfalls ihre Freude an der Kulisse. Unzählige Menschen (die meisten aus Fernost) posieren und werfen sich für ein perfektes Foto in Szene. Nicht nur Schaukeln oder bunt verzierte Sträucher animieren die bevorzugt jungen Gäste, sondern auch eine Plattform, wo ein rotierender Selfiestick sich vollautomatisch alle vier Sekunden im Kreis dreht. Sachen gibt's auf dieser Welt! Dazu hat man in Kappadokien wohl sämtliche alte US-Cabrios gekauft, die zu bekommen waren. Die stehen bereit, um gegen Gebühr als Kulisse genutzt zu werden. Eine Gruppe junger Chinesen zögert keine Sekunde, wirft sich abwechselnd auf der Rückbank in Schale. Einer hat es besonders drauf und pafft dabei übertrieben lasziv an einer dünnen Zigarette (in Österreich als "Damen-Chic" bekannt) und fühlt sich dabei männlicher denn je. Leute gibt's auf dieser Welt!

Margaux und Thibault haben mittlerweile zu uns aufgeschlossen und ihren "Emile" zwanzig Meter über uns eingeparkt. Nachdem wir uns am Abend gemeinsam die bescheidenen Wetterprognosen ansehen, sind wir vorsichtig optimistisch was einen Start der Ballone am nächsten Morgen betrifft. An den letzten beiden Tagen, wo das Wetter besser war, sind sie jedenfalls nicht abgehoben. Der Wecker wird trotzdem gestellt. Wir sehen uns morgen früh um 04:00!

Anstatt des Weckers, ist es ein viel dumpferes und lauteres Geräusch, das uns weckt. Tummmm-tatata-tum....tummmmm-tatata-tum. "Sind das schon die Ballone?" murmelt Ines, während ich noch nach Orientierung suche. "Na, des is nur a Depp mit an Subwoofer" stelle ich fest, nachdem ich auf beiden Seiten einen Blick aus dem Fenster geworfen habe und ein Fahrzeug erkenne, dass über uns die morgendliche Andacht einläutet. Es ist kurz vor 04:00 und bereits ein wenig hell. Gegenüber beim "Red Valley" sind unzählige Lichter zu erkennen, jedoch keine Flammen, die auf einen Start der Ballone hindeuten. Wohl nur die Scheinwerfer der Fahrzeuge, auf denen die Fluggeräte transportiert werden. Nun gut, der Kaffee kocht, das Gewand (Haube inklusive) wird übergezogen um draußen in der Kälte auf den ersten Ballon und (hoffentlich) den ersten Sonnenstrahl zu warten. Auch die vielen Lichter am anderen Ende des Tals sind offenbar in Erwartung. Bewegen tut sich jedenfalls wenig. Auf der weiten Plattform nebenan kommen ebenfalls einige Autos an. Hier tut sich jedenfalls was. Nur der Depp mit dem Subwoofer, könnte sich mal ein wenig einkriegen. Dick eingepackt gesellen sich Margaux und Thibault zu uns, die ebenso vom Bass geweckt wurden, anstatt von ihrem Wecker. Eine halbe Stunde warten wir gemeinsam, um zu erkennen, wie sich die Lichter in der Ferne verteilen um danach wieder ganz zu verschwinden. "Maybe no balloons today" lautet Thibaults trockene Analyse mit französischem Akzent. Umso überraschender ist es, dass sich auf der Klippe nebenan dafür umso mehr tut. Die vorab gebuchten Fotoshootings, wo Träger den Damen ihre knallbunten Kleider hinterhertragen, finden auch ohne Ballone statt. Der Pechvogel des Tages ist ein Camper unweit von uns, neben dessen Fahrzeug zwei "Marry Me" Schriftzüge aufgebaut wurden. Daneben werden (echte) Pferde platziert und etliche Flaschen Schampus bereitgestellt. "Brrr, schau mal, den Damen muss aber richtig kalt sein" bemerkt Ines, die mittlerweile heiter unterhalten wird, während ich mich kopfschüttelnd daran mache, einen weiteren Kaffee zuzubereiten.

Weil die Temperaturen noch einstellig sind, beschließen wir das gemeinsame Frühstück mit unseren Freunden nach drinnen zu verlegen. Obwohl wir mehr Bewegungsfreiheit bieten können als ihre Feuerwehr, erhalten sie aufgrund der Standheizung und des etwas größeren Tisches den Zuschlag. "Chef" Thibault kredenzt uns dazu weder Crepes noch Palatschinken, sondern seltene "Mini-Pancakes".

Als sich gegen 06:30 erstmals die Sonne zeigt, ist unsere Laune schon wieder bestens. Während die letzten Fotoshootings noch im Gange sind und ein paar Hochzeitsanträge immer wieder aufs Neue inszeniert werden, brechen wir gemeinsam auf um das Tal unter uns zu erkunden. Anders als hinterm Steuer unseres Busses, bewege ich mich auf zwei Beinen gerne über Stock und Stein fort. So schlage ich einen etwas waghalsigen Pfad vor, der uns "sicherlich" leicht nach unten bringt und übernehme die Führung. Nach wenigen Minuten wird auch mir klar, dass es sich um keine perfekte Wahl handelt, wobei es für eine Umkehr schon zu spät ist. Schmale Rinnen, enge Wände und ein paar Sprünge später ist das Gröbste geschafft. Ines schlägt sich (trotz ihrer geringeren Reichweite) erwartungsgemäß hervorragend. Nach den vielen Jahren am Land ist sie zu einer richtigen "Bergziege" geworden. Unsere Freunde schlagen sich ebenso tapfer. "Oh la la" höre ich Margaux mehrmals sagen, wobei ihr Tonfall zwischen lachend und erschrocken variiert. Unten angekommen entschädigt der Anblick der riesigen Feenkamine für die Strapazen. Es sind mehr Felstürme, als man zählen kann, wobei sich manche ganz dicht aneinanderfügen und andere sich für ein Dasein als Eremit entschieden haben. Trampelpfade führen zwischen den Formationen durch, die vom Boden aus noch größer wirken, als von oben. Da uns keiner der Wege wieder hinauf führt und wir nicht den weiten Umweg über den Besucherparkplatz am Ende des Tals nehmen wollen, fällt auch unser Aufstieg wieder in die Kategorie "Mutig". Dementsprechend verdutzt sehen uns die Touristen an, vor deren Nasen wir plötzlich am Rande der Klippe auftauchen.

Am frühen Nachmittag machen wir uns auf, das Zentrum des Touri-Wahnsinns namens Göreme zu besuchen. Während unsere Freunde einen anderen Weg einschlagen, parken Ines und ich am Stadtrand, klappern einige Büros ab um uns zu erkundigen, wann die Ballone wieder abheben werden und wieviel so eine Fahrt kostet. Die Antworten könnten dabei unterschiedlicher nicht ausfallen. Manche meinen, dass erst in zwei bis drei Tagen Wind und Wetter wieder passen werden, während andere bereits für den nächsten Morgen zuversichtlich sind. Auch die Preise variieren zwischen 160 € und 220 € für eine Ballonfahrt in dieser Woche.

Die Kulisse von Göreme mit seinen vielen bewohnbaren Felsen ist tatsächlich schön. Wären da nicht die vielen Hotels und Restaurants, die die Einheimischen seit Jahrzehnten verdrängen um die alten Behausungen zu modernisieren und damit Geld zu verdienen. Viele der Felsformationen wirken bereits mehr menschengemacht, als von der Natur geschaffen. Für einen vollständigen Stadtbummel, wird sogar Geld verlangt, da die höhergelegenen Straßen zu "Sunset Viewpoints" erklärt wurden, die nur gegen Bezahlung begangen werden dürfen. Wir verzichten, so wie unsere Freunde, besuchen lieber einen urigen Laden und retten mit vereinten Kräften eine Katze von einem Baum. Der rote Schreihals wird von Ines gepackt, die auf meinen Schultern sitzt und die undankbar grobe Katze an Thibault weiterreicht. Bevor wir noch erkennen können, ob es sich um einen "Serientäter" handelt der umkehrt, ziehen wir weiter und teilen unsere Erkenntnisse. Ines und ich möchten auf jeden Fall abwarten, bis die Ballone wieder starten. Margaux und Thibault wollen dagegen rascher weiter und müssen mit ihrem Bus abermals in eine Werkstatt um ihr Problem mit dem Benzinverlust endgültig zu lösen. Obwohl wir wenig Lust auf weitere Rumpelpisten haben und wenig zuversichtlich sind was einen Ballonstart am kommenden Morgen betrifft, lassen wir uns von unseren Freunden mitreißen und manövrieren unsere Busse zu einem anderen Platz, der etwas besserer zugänglich ist, jedoch nicht direkt auf einer Klippe liegt.

Dort entfachen wir am Abend ein kleines Lagerfeuer und bekommen kurz Gesellschaft von zwei weiteren Camper-Pärchen, die nach uns ankommen. Das Schweizer Paar ist etwas älter als wir, wirkt sympathisch und hat in der Stadt ebenso Infos eingeholt. Sie glauben zu wissen, dass trotz trübem Wetter die Chancen auf die Ballone aufgrund des mehrtägigen "Rückstaus" gut stehen. Zumindest haben sie in Erfahrung bringen können, dass mittlerweile alle verfügbaren Ballone benötigt werden, um die wartenden Gäste in die Luft zu bringen. "Über 160 Ballone! Das könnte ja behhhhsonders spehhhktakulääääär werden" fügt der Mann in bestem Schweizer Dialekt hinzu. Das jüngere der beiden Paare aus den Niederlanden ist gerade am Rückweg aus dem Oman. Außer einem langen Grenzaufenthalt in Syrien am Rückweg, ist ihre Reise nach Plan verlaufen. Sie waren am Hinweg im Dezember bereits hier und sind schockiert, wie ausgewaschen und kaputt die Zufahrtspisten seither geworden sind. Wir müssen an Micha denken, der so gerne in den Oman gefahren wäre. Es ist mittlerweile das zweite Paar, das wir auf ihrem Rückweg von der arabischen Halbinsel treffen.

Diesmal ist es der Wecker, der uns um 04:00 pünktlich aus dem Bett wirft. Gerade rechtzeitig, denn als wir Momente später unsere Zähne putzen, klopft es mehrmals laut an unserer Tür. Die niederländische Jungmutter (die weniger sympathische Hälfte des Paares) hat es sich zur Aufgabe gemacht, uns sowie die anderen Nachbarn ebenfalls zu bemuttern und eigenhändig zu wecken. Eine unnötige Geste, auf die Niemand keiner Wert legt.

Der Blick nach draußen ist umso positiver. Unten im Tal werden tatsächlich die ersten Ballone angefeuert! Mit Kameras und Kaffeehäferl gehen wir ein paar Schritte hinunter zum Feld, wo wir viele Startplätze im Blick haben. Nachdem die Sonne noch ein knappes Stündchen brauchen wird um aufzugehen, erhellen die Gasbrenner im Tal weithin die Umgebung. Ehe wir uns versehen können steigt der erste Ballon in die Luft. Dann der nächste und nächste. Vor 05:00 Uhr ist bereits eine erste bunte Armada direkt im Anflug auf uns. Den Versuch sie alle zu zählen, können wir bei den kurzen Intervallen und unterschiedlichen Startplätzen gleich wieder verwerfen. Es ist ohnehin genießen angesagt. Als sich hinter dem Tafelberg im Osten ein roter Schleier ausbreitet, sind bestimmt schon über 100 in der Luft. Kurz darauf erreichen die ersten Ballone unsere Plattform und fliegen tatsächlich nur wenige Meter über unsere Köpfe hinweg. Einige der Insassen winken freudig hinunter, während das Zischen das Brenners alle anderen Geräusche übertönt. Die Ballone haben alle Farben und Formen, tragen meist den Namen der Anbieter und transportieren extragroße Körbe, die für bis zu 30 Personen ausgelegt sind. Manche der Ballone gehen mitunter sogar auf Tuchfühlung. "Schau mal!" ruft Ines, die eine glimpfliche Kollision zweier Ballone verfolgt. Als um 5:30 die ersten Sonnenstrahlen unsere Gesichter erreichen, sind bereits die ersten Ballone wieder gelandet. Andere starten jetzt erst, womit das Schauspiel wohl noch eine Weile weitergeht. Noch entspannter, beim zweiten Kaffee, mischt sich zur Freude auch Dankbarkeit hinzu. Trotz der vielen Wolken, hat die Sonne immerhin für mehrere Minuten für die Bilderbuchkulisse gesorgt, die wir uns erhofft hatten. Als sie wieder verschwindet zünden wir neuerlich das Lagerfeuer an und veranstalten mit Margaux und Thibault ein gemeinsames Frühstück.

Unser Plan, am Vormittag gemeinsam durch das "Red Valley" zu wandern, muss aufgrund der schlammigen Piste adaptiert werden. Thibault ist dank Allradantrieb und Bodenfreiheit weniger eingeschüchtert, womit wir erstmals als Passagiere in der Feuerwehr Platz nehmen. "Na guad, dass wir des ned gfohrn san" freue ich über die Entscheidung. Das "Red Valley" macht an diesem Vormittag seinem Namen übrigens keine Ehre. "Grey Valley" trifft es gerade am besten. Zwei uralte Felsenkirchen finden wir dort, die wir mit etwas Geschick auch erklimmen können. Über einen schmalen Einstieg in zwei Metern Höhe gelangen wir in die erste Kirche, wo noch Reste christlicher Wandmalerei aus dem 11. Jahrhundert zu erkennen sind. Die andere Kirche ist leichter zu erreichen und innen über mehrere Stockwerke verschachtelt. Margaux wagt es, eine höhere Etage senkrecht über kleine Tritte im Felsen zu erklimmen und ist anschließend froh wieder heil unten zu sein. Danach geht es für uns noch ein Stück zu Fuß weiter durchs Tal bis sich es zu tröpfeln beginnt und ein endgültiger Ortswechsel ansteht.

Nur 15 Minuten weiter nördlich befindet sich mit Avanos die Töpferhauptstadt der Türkei. Ines und ich hegen außerdem die vorsichtige Hoffnung, dort einen Vodafone Shop zu finden. Der Anbieter liefert uns seit Tagen (trotz Verbindung und jeder Menge offener Daten) kein Internet mehr. Gemeinsam mit unseren Freunden erreichen wir die Stadt, wo wir bald getrennte Wege gehen und in unterschiedliche Richtungen ausschwärmen. Meine Freude über die örtliche Vertretung des Mobilfunkanbieters wird jäh gedämpft. Vor mir stehen fünf Einheimische am Schalter, die irgendwie zusammengehören und abwechselnd auf den geduldigen Mitarbeiter einreden. Als wäre das nicht Multitasking genug, fragt er mich ebenso nach meinem Begehr, dass ich ihm mit Hilfe der (heruntergeladenen) Übersetzungs-App präzise schildere. Das weckt natürlich auch das Interesse der anderen Shop Besucher, die munter auf mich und den Mitarbeiter einreden. Ich verstehe kein Wort, verspüre aber eher Neugier als Wohlwollen. Nachdem sich der Mitarbeiter wiederum um mindestens zwei andere Probleme nebenbei kümmert, sind seine Antworten knapp und nicht zufriedenstellend. Da mich die anderen ohnehin schon unentwegt mustern, finde ich es an der Zeit, meinen Tonfall etwas zu ändern. Das bewirkt zwar ungeteilte Aufmerksamkeit, aber bringt auch keine Lösung. Die Filiale in Bodrum soll uns demnach ein Paket verkauft haben, dass es gar nicht gibt. Der Preis sei obendrein viel zu hoch gewesen und der Hinweis, das ein türkisches Monat laut Handytarif nicht 30 oder 31 Tage beinhaltet, sondern bestenfalls 27, ist mir ebenfalls neu. Wir sollen die Hotline anrufen und dort den englischsprachigen Support verlangen. Er selbst kann nichts für uns tun, meint der gestresste Mitarbeiter abschließend.

Unglaublich wie lange und ereignisreich ein Vormittag sein kann, wenn man seit vier Uhr morgens auf den Beinen ist. Unsere Freunde treffen wir anschließend wieder, als wir Mittags auf eine Stärkung einkehren. Die beiden haben sich bereits ausgiebig in den Keramikwerkstätten und Läden umgesehen und eine handgemachte Tasse gefunden, die ab sofort mit ihnen nach Südostasien reisen darf. Wir begleiten sie nach dem Essen in die Werkstatt und lassen uns vom alten Töpfermeister Mehmed zeigen, was er so alles kreiert. Neben dem üblichen Geschirr fertigt er als einziger im Ort Musikinstrumente aus Ton an, die er uns gerne vorführt. Nicht gerade handlich, aber klangvoll sind die Instrumente, deren Namen ich mir beim besten Willen nicht merken kann. Während Margaux und Thibault sich ein Nachmittagspäuschen gönnen, versuchen wir unser Glück bei der Mobilfunk Hotline. "Des derf jo ned wohr sei!" verdrehe ich nach dem ersten Versuch die Augen. Ines hat sowieso mitbekommen was schief gelaufen ist. Natürlich spricht die Mitarbeiter der englischsprachigen Hotline des türkischen Mobilfunkanbieters kein Wort Englisch! Nun ja, den Sinn aus "Hello, yes please problem speak!" konnte ich noch erfassen. Meine langsam gesprochene Antwort wurde zuerst gar nicht, dann auf türkisch beantwortet. Einen zweiten Anlauf mute ich meinen Nerven noch zu, bevor ich abermals resigniere. Ines beharrt eine Stunde später darauf, es abermals zu probieren. "Irgendjemand wird dort schon Englisch sprechen!" meint sie zuversichtlich, bevor ich ihr das Handy in die Hand drücke. Tatsächlich hat sie Glück und erwischt eine andere Stimme, die kurze Sätze bilden kann. Wir erfahren ironischerweise, dass wir uns nochmal an den Shop Mitarbeiter vor Ort wenden sollen, der uns helfen muss! Am Weg zurück schlendere ich mit Ines in ein paar Läden und hole mir präventiv vom Mobilfunkanbieter nebenan gleich ein Angebot ein. Dem Mitarbeiter steht die Begeisterung über unsere Rückkehr ins Gesicht geschrieben. Einige Sätze später, macht er sich jedoch die Mühe, ebenfalls bei seinem Support oder auch seinem Vorgesetzen anzurufen, was tatsächlich ein Lösung bringt. Die unverbrauchten Daten, oder gar den Betrag den wir bezahlt haben, kann er uns nicht rückerstatten. Dafür kann er uns beim Erneuern des Datenguthabens die doppelte Menge zum einfachen Preis anbieten. Meine Miene lockert sich ebenso, wie die des Mitarbeiters, der seinen Job erledigen kann, wenn nur eine Person etwas von ihm will und nicht sechs gleichzeitig. Danach bummeln wir zurück zum Bus und verbringen den verregneten Abend drinnen.

Während unsere Freunde in die Großstadt Kayseri aufbrechen, um neuerlich auf Werkstattsuche zu gehen, fahren wir in Richtung Süden und nutzen das Regenwetter um uns eine weitere Besonderheit der Region anzusehen. In Kappadokien befinden sich nämlich die größten unterirdischen Städte der Welt. Die Anlagen sind bis zu 8 Stockwerke (!) tief und konnten bis zu 50.000 Menschen beherbergen. Über 50 dieser Städte gibt es in Kappadokien, wobei sich die Archäologen bisher nicht einig sind, ob es sich um Anlagen der Hetiter (vor rund 4000 Jahren) oder erst der Christen (im 6. Jahrhundert ) handelt. Wir entscheiden uns für die unterirdische Stadt von Mazi. Besser als erhofft, sind wir dort sogar die einzigen Besucher. Durch eine erste "Rollsteintür" geht es hinunter ins dunkle Gewölbe. Durch ehemalige Stallungen, Küchen, Weinpressen, Wohn- und Speisesäle führt uns der Pfad zum Klosterkomplex. Die tunnelartigen Durchgänge sind eng und manchmal sogar unpassierbar. Ein paar dunkle Schächte kann ich zumindest soweit folgen, bis nur mehr ein Kind durchpassen würde. Zum Entdecken gäbe es hier noch genug. Faszinierend sind die Kommunikationsschächte, die zwischen den Etagen und auch nach draußen reichen. An einer einzigen Stelle öffnet sich der Raum und lässt sogar Tageslicht durch eine kleine Öffnung in der Decke.

Nach dem gelungenen Ausflug wird es für uns Zeit, die Regenfront in Kappadokien zu verlassen. Ein kleinwenig Wehmut ist an Board, da wir uns Mitte Mai besseres Wetter erhofft hatten und die Region noch gerne ausführlicher besuchen wollten. Falls es sich ausgehen sollte, kommen wir am Rückweg durch die Türkei gerne noch mal her.

So nutzen wir erstmals eine türkische Autobahn und fahren geradewegs in den Süden. Eigentlich ein Genuss, wären da nicht die Gewitter und Hagelkörner, die uns bergab am Weg nach Tarsus begleiten. Dort erwartet uns dafür eine neue Klimazone.

Wir checken bei einem kleinen Campingplatz ein, wo wir die letzte Miniparzelle ergattern, die eigentlich ganz gemütlich aussieht. Ihre Unbeliebtheit verdankt sie wohl dem riesigen Maulbeerbaum, der im Minutentakt seine dunkelroten Früchte verliert. Nachdem Ines mit ein paar Zweigen den Boden fegt, übernimmt das Dach unseres Busses den restlichen Schutz. Am nächsten Morgen (und hundert dumpfe Einschläge später) stellen wir fest, dass ein guter Teil unseres Solarpaneels unter den klebrigen Früchten begraben ist. Angeschlossen am externen Strom nehmen wir es gelassen, widmen uns dem ersehnten Waschen unserer Kleidung und des schmutzigen Teppichs. Dazu kümmern wir uns mehrmals täglich um den Wurf der Katze, die in der Böschung hinter unserem Bus ihre winzigen Jungen versteckt. Wer Ines kennt, weiß dass ihre Euphorie für Kätzchen und schwarzen Katzen nochmal "Next Level" ist, sofern ich mich der Jugendsprache korrekt bediene. Dass und die Rückkehr der warmen Temperaturen machen uns soviel Freude, dass wir zwei weitere Nacht anhängen, nochmals Wäsche waschen und dabei kaum den Platz verlassen. Nur einen einzigen ausgiebigen Spaziergang ins überschaubar interessante Stadtzentrum unternehmen wir, um noch ein paar Vorräte einzukaufen.

Bestens erholt und so frisch gewaschen wie lange nicht mehr, verlassen wir Tarsus in Richtung Osten. Über die Großstadt Gaziantep wollen wir weiter östlich den Euphrat kreuzen und nach Şanliurfa. Dort, unweit der syrischen Grenze, soll der Orient beginnen und uns eine "andere" Türkei erwarten.

Die Strecke nach Gaziantep zieht sich aufgrund der vielen Baustellen und Umleitungen leider fürchterlich. Dazu werden wir das erste Mal von der Polizei angehalten, die jedoch nur freundlich interessiert ist, von wo wir denn kommen und was wir uns in der Türkei alles so ansehen wollen. Wir entscheiden uns für einen Stellplatz etwas außerhalb der Millionenstadt und erleben am nächsten Vormittag eine fiese Überraschung. Gerade als wir uns fertig machen aufzubrechen, bemerke ich dass der linke hintere Reifen ziemlich platt ist. Das Ventil scheint in Ordnung zu sein und einen Nagel kann ich ebenso nicht finden. Unser Akkukompressor schafft es gerade einmal den Reifen zur Hälfte wieder aufzupumpen. Zu wenig, um sicher zum nächsten "Oto Lastik" zu kommen, wie die Reifentandler sich hier nennen. Glücklicherweise befinden sich zwei hilfreiche Hände in der Nähe. Amadeo, ein Brasilianer mittleren Alters, der mit seiner Frau im Camper seit sechs Jahren durch Europa und Asien reist, hat einen Kompressor mit 230 Volt Anschluss dabei. Damit kann ich den Reifen so füllen, dass wir bis zur nächsten Werkstatt kommen sollten. Außerdem findet das brasilianische Adlerauge den Übeltäter, der als Kopf eines rostigen Schraubens tief im Gummi steckt. Leider geht sich kein längeres Gespräch mit dem hilfsbereiten Paar aus, dem wir als Dankeschön einen gehäkelten Schlüsselanhänger von Margit schenken.

Beim Oto Lastik kommen wir gleich dran, müssen zur Hälfte auf der stark befahrenen Straße im Außenbezirk von Gaziantep parken und erhalten in 15 Minuten die professionelle Reparatur, die ich mir erhofft habe. Anders, als mit eigenem Flickzeug, wird der Gummi hier von der Felge genommen und von innen repariert. Der Test in Sachen Dichtheit erfolgt in einer Badewanne, die ein Drittel mit (dreckigem) Wasser gefüllt ist und etwaige Lecks nach dem Eintauchen sichtbar macht. Einfallsreichtum, den ich eher in Afrika vermutet hätte. Der Blick in den Rückspiegel fällt am Weg nach Sanliurfa trotzdem häufiger aus, als sonst. Nicht nur der Reifendruck, sondern auch die türkischen Rennfahrer beschäftigen uns an diesem Tag. Bei aller Herzlichkeit und Gastfreundschaft die wir erleben, müssen wir uns eingestehen, dass die Türken im Straßenverkehr auch irrsinnige Deppen sein können. Dabei meine ich weniger die täglichen Geisterfahrer oder die Minderjährigen die ohne Helm waghalsig Motorrad fahren. Es sind die Drängler, die sich bereits von weitem per Lichthupe erkennbar ankündigen, um bei Tempolimit 50 mit 130 Sachen zu überholen. Manche krönen ihr waghalsiges Überholmanöver sogar damit, dass sie danach plötzlich wieder rüberschneiden, uns zu einer Bremsung zwingen um Momente danach rechts abzubiegen (alles ohne Blinker natürlich). Unter den Einheimischen wird dabei wild gestikuliert, worauf ich in der Türkei gerne verzichte. "Jo jo, ich weiß eh....fahre wieder nur 95 beim 70er" stöhne ich an diesem Tag in Dauerschleife. Verkehrszeichen gelten anders als noch in Griechenland nicht mehr als "Empfehlung", geschweige denn als Gebot, sondern als Vorschlag der Autoritäten. Wie am Basar lautet der Gegenvorschlag auf "50" dann "150", wobei sich der durchschnittliche türkische Autofahrer manchmal auch mit dem Doppelten begnügt. Den Türken zu unterstellen, dass sie grundsätzlich schlechte Autofahrer sind, wäre jedoch zu weit gegriffen. Das sie ihre hochriskanten Manöver vollbringen, während ein Kleinkind auf ihren Schoß sitzt oder der Kleinwagen mit 8 Insassen bereits den Boden streift, darf berücksichtigt werden. Nur in Afrika haben wir ähnlichen Wahnsinn erlebt. Kurzum, je weiter wir in den Osten fahren, umso anarchischer geht es auf der Straße zu. In einer Stadt, die direkt am Euphrat liegt, wollen wir Pause machen und uns ein wenig die Beine vertreten. Der Fluss, der gemeinsam mit dem Tigris als Wiege der ersten Kulturen und Zivilisationen gilt, versorgt das alte Mesopotamien bis heute mit ausreichend Wasser. Beide Flüsse entspringen hier in den Bergen Anatoliens. Wir spazieren am Ufer entlang und können bezeugen, dass es sich um blaue Wassermassen handelt, die an uns vorbeifließen. Nach einem Stopp im schwimmenden Café brechen wir wieder auf und erreichen Şanliurfa am späten Nachmittag. Es ist ein Sehnsuchtsort, mehr noch eine Sehnsuchtsregion für uns. Von hier aus ist es nicht mehr weit nach Göbekli Tepe und Karahan Tepe, wo die ältesten Tempel der Menschheit ausgegraben wurden. Syrien, der Irak und die gesamte arabische Welt sind nur mehr einen Katzensprung entfernt. Die Stadt war bereits vor über 3500 Jahren besiedelt und trug in der Antike den klangvollen Namen "Edessa". Şanliurfa oder Urfa (das Präfix şanli, "ruhmvoll" kam erst in den 1980ern hinzu) selber hat heute rund 1,8 Mio. Einwohner und zelebriert seine lange und ruhmreiche Geschichte. Als Geburtsort von Stammvater Abraham (bzw. Ibrahim) gilt der Ort als besonders heilig. Eine bedeutende arabische Minderheit lebt nicht nur hier, sondern prägt auch den orientalischen Basar auf den wir uns besonders freuen.

Außerdem wollen wir das riesige archäologische Museum besuchen, wo ein Kulttempel aus Göbekli Tepe detailgenau im Originalmaßstab nachgebaut wurde und somit für die Öffentlichkeit zugänglich ist. Am riesigen kostenpflichtigen (und somit bestenfalls bewachten) Parkplatz vor genau diesem Museum besteht die Möglichkeit zu übernachten, die wir nutzen wollen. Zentral gelegen und ohne echte Alternativen sind wir vorerst auch zufrieden mit unserer Wahl.

Ein Feuerwerk für die Sinne

Die erste Erkundung führt uns vorbei am Museum und den angrenzenden Parks in Richtung des Balikligöl. Es ist der heilige Ort, wo sich das Wunder Abrahams zugetragen haben soll. Der Legende nach wurde der Prophet vom babylonischen König Nimrod an dieser Stelle ins Feuer geworden, dass sich plötzlich in Wasser verwandelte. Aus den Holzscheiten wurden Karpfen, die bis heute im kleinen Teich schwimmen und als heilig gelten. Demnach darf keiner der Fische in dem See gefangen oder gegessen werden.

Als wir dort ankommen, fallen uns gleich die vielen Händler auf, die kleine Futterschalen für die sichtbar wohlgenährten Fische verkaufen. Andere geschäftstüchtige Männer verleihen gegen Gebühr bunte Festtagskostüme, um etwaige Erinnerungsfotos aufzuwerten. Um uns ist wahnsinnig viel los an diesem lauen Abend. Wie wir erst zuvor erfahren haben, sind wir gerade zu Beginn des Bayram (dem mehrtägigen islamischen Opferfest) in Şanliurfa angekommen. Was wir nicht wussten ist, dass gleichzeitig Schulferien begonnen haben und viele türkische Familien selber auf Urlaub, zum Beispiel in Şanliurfa, sind. Die großen Moscheen gegenüber dem Balikligöl heben wir uns für später auf und machen uns auf dem Weg zum Basar, der uns verschluckt, wie es nur ein solches Feuerwerk für die Sinne vermag. Unter sanfte orientalische Klänge mischt sich Lärm, Parfümstände und Gewürzhändler versorgen die sonst dampfige schweißdurchflutete Luft mit Frische. Handwerker schleifen, hämmern und schmieden vor den Augen ihrer Kunden. Kleider, Kostüme und Kopfbedeckungen in allen erdenklichen Farben glitzern um die Wette und warten auf Abnehmer. Die Gassen des Basars sind meist eng, teils gut beleuchtet oder auch düster, verwinkelt und warten hinter jeder Ecke mit einer Überraschung auf. Manche Gasse spuckt uns an einem kleinen Platz auf, wo wir bei Tageslicht kurz verschnaufen, bevor wir uns wieder durchs Labyrinth treiben lassen. Wir sind begeistert, fühlen uns an Marrakesch und Fes erinnert, wobei wir hier bislang die einzigen Touristen weit und breit sind. Trotz unseres fremden Erscheinungsbildes erregen wir wunderbarer Weise kaum Aufmerksamkeit. Ein riesiger Unterschied zu den marokkanischen Basaren, wo wir trotz zahlreicher Touristen im Sekundentakt angesprochen wurden. Den einzigen Dämpfer erhalten wir beim Versuch etwas vegetarisches zum Abendessen zu finden. Man erklärt uns, dass man gerade in "Urfa" vorrangig Fleisch ist und wir es bei "den Syrern" im Stadtteil weiter nördlich versuchen sollen. Wir verzichten auf den weiteren Spaziergang und werden bei einer Bäckerei fündig, wo gerade allerhand frische Teigtaschen (mit ein wenig Füllung) vom Blech geschoben werden. Die Verkäuferin hat so eine Freude mit uns und vor allem Ines, dass sie uns etliche Stücke kosten lässt, bevor wir eine Entscheidung treffen.

Am Weg zurück ist es bereits dunkel geworden, was nur wenig am allgegenwärtigen Gewusel ändert. Wir fühlen uns nicht nur sicher, sondern auch richtig wohl in dieser Stadt, die noch so viel mehr zu bieten hat.

Am nächsten Morgen gibt es wieder Kaffee mit Freunden. Margaux und Thibault haben am Vortag ebenso Şanliurfa erreicht und sich neben uns geparkt. Sie sind ebenso neugierig auf das Archäologische Museum, von dessen Schätzen wir nur wenige Meter getrennt sind. Außerdem wollen sie danach unbedingt ein türkisches Frühstücklokal mit uns besuchen, dass sie am Vortag entdeckt haben. Wir stimmen zu und verzichten trotzdem nicht auf eine kleine Stärkung am Morgen, falls der Museumsbesuch länger ausfallen sollte. Tatsächlich nehmen uns bereits die ersten Fundstücke und Exponate gleich in Beschlag. Von der "Urfa Statue, der ältesten lebensgroßen Statue die bisher bekannt ist, geht es weiter zu den zahlreichen Fundstücken und Exponaten aus Karahan Tepe und Göbekli Tepe. Der Detailreichtum mit dem die teils massiven Skulpturen vor 12.000 Jahren erschaffen wurden, sprengt jede Vorstellungskraft. Wie solche Kunstwerke nur durch den Einsatz einfacher Werkzeuge erschaffen wurden, beschäftigt die Experten der experimentellen Archäologie nach wie vor. Nach rund 90 Minuten sind wir gerade mal bei den Fundstücken der Sumerer und Babylonier angelangt, die wunderbare Stelen und Keilschrifttafeln hier zurückgelassen haben. Wir legen einen Zahn zu und widmen uns den Epochen der griechischen und römischen Besiedlung nicht mehr so intensiv. Unsere Freunde, die meist 1-2 Räume vor oder hinter uns durchs Museum schlendern schlagen sich äußerst tapfer oder lassen sich zumindest nichts anmerken. Mit leerem Magen hätten mich die antiken Leckerbissen sicherlich weniger lang bei Laune gehalten.

Von unzähligen Eindrücken gesättigt, brechen wir auf in die Altstadt zu unserem ersten "Kahvalti". Das Wort bedeutet nicht nur "Frühstück", sondern ist auch namensgebend für die Lokale, die auf die üppigen Frühstücksbuffets spezialisiert sind, die direkt an den Tisch serviert werden. Als wir das Lokal mit dem kleinen Innenhof erreichen, führt uns der Besitzer zu einem Tisch im kühlen Gewölbe. Am Nachbartisch sitzt eine einheimische dreiköpfige Familie, deren reich gedeckter Tisch uns ahnen lässt, was auf uns zukommt. Dabei hat man als Gast eigentlich keine Wahl. Ein Frühstück für den kleinen Hunger gibt es nicht. Der Preis und die jeweilige Menge richtet sich nach den Personen. Immerhin ist der Besitzer flexibel, was die Uhrzeit angeht und serviert seine Kahvaltis auch am frühen Nachmittag. Unser Tisch wird mit so vielen Tellern belegt, wie die Fläche hergibt. Für einheimische Verhältnisse überschaubar, landen "nur" 19 Teller, eine volle Pfanne und ein Brotkorb vor unseren erwartungsvollen Augen. Vom Chef lassen wir uns noch fotografieren und benötigen mit vereinten Kräften gar nicht mal so lange, um das Servierte zu verputzen. "Ich glaub ich brauch heute nix mehr" teilt Ines meine Gedanken. Mehr als gestärkt, machen wir uns anschließend gemeinsam auf den Basar zu erkunden. Ich besuche den Mann wieder, der mir am Vortag aus riesigen Säcken ein wenig vom berühmten "Adiyaman Tütün", dem extramilden einheimischen Tabak verkauft hat. Diesmal ist sein Neffe vor Ort und ladet uns ein, Fotos von ihm und dem kleinen Laden zu machen. Noch mehr als am Vortag werden auf dem Platz Messer geschliffen und Kupferwaren genagelt. Abermals erkundige ich mich dort nach einer Rundbürste für unseren Benzinkocher, der seit Wochen ein wenig tropft und sich über eine Wartung freuen würde. Diesmal führt uns ein junger Bursche zum richtigen Händler. Einem Waffenhändler! Ich finde mich in einer dunkleren Ecke des Basars wieder, umringt von Maschinengewehren und Pistolen, die an der Wand hängen. Ines steht unbeeindruckt hinter mir und nimmt das Szenario gelassen. Dem durchwegs freundlichen Händler reichen die Bilder am Handy und meine paar Brocken Türkisch, um aus seinem Sortiment das richtige Zubehör zu finden. Wir schlagen zu und meine furchtlose Frau wird wohl die einzige weibliche Kundschaft an diesem Tag bleiben. Entspannt und offen, wie Margaux und Thibault sind, haben sie uns natürlich begleitet und sogar aus etwas Entfernung ein Erinnerungsfoto gemacht. In einem Innenhof, der einst Teil einer Karawanserei war, legen wir eine Pause ein, trinken Tee, Kaffee und lassen die letzte Stunde gemeinsam kurz Revue passieren. Unseren Freunden ist auch nicht entgangen, dass im Bazar und den umliegenden Lokalen viele Kinder arbeiten. Es sind Buben zwischen 5 – 10 Jahren, die hoffentlich "nur" in den Ferien bei den Geschäften der Familie aushelfen müssen. Manche streifen alleine durch den Bazar, verkaufen Hüte und tragen schwere Tablets. Dabei werden sie ignoriert, zurückgewiesen und belächelt. Um Momente später beachtet und belohnt zu werden. Der heftige Kontrast zu den übertrieben behüteten Kindern in unser westlichen Gesellschaft stimmt uns allesamt nachdenklich und ist Thema unseres Gesprächs. Ich muss an meine frühe Kindheit denken. Dabei überkommt mich abermals Dankbarkeit für die endlosen Freiheiten die ich hatte und das sichere Zuhause, wo meine Großmutter auf mich wartete.

Während Margaux und Thibault kurz zum Bus wollen, um nach ihrem Kater zu sehen, besuchen Ines und ich nach dem Basar die Grotte, in der Abraham geboren wurde und auch die angrenzende Moschee. Im kleinen Museum davor müssen wir staunen und schmunzeln, da vom Propheten Mohammed nicht nur ein Fußabdruck, sondern sogar ein Barthaar in einer feinen Kanüle ausgestellt wird. Ines gelingt ein Schnappschuss in der Kammer der Grotte (wo ebenfalls weibliche von männlichen Besuchern getrennt werden) und mir ein paar in der äußerst schönen Moschee. Da der Eintrittspreis ins Archäologische Museum auch den Besuch des Mosaikmuseums beinhaltet, unternehmen wir später noch einen Abstecher dort hin. Der Rundgang in der großen Halle zahlt sich aus. Viele Darstellungen aus hellenistischer Zeit inklusive einiger jagender Amazonen sind gut erhalten und aus nächster Nähe zu bestaunen. Unsere Freunde treffen wir hier wieder und besuchen anschließend mit ihnen die letzte Sehenswürdigkeit, für die geistig nur mehr wenig Kapazität verfügbar ist. Ein Teil der alten Nekropole bzw. der Felsengräber von Şanliurfa ist frei zugänglich. In einer Kammer, die aus einem Indiana Jones Film stammen könnte, werden wir stutzig. Draußen von zwei kopflosen Kriegerstatuen bewacht, mit einem Rollstein vor dem Eingang, finden wir intakte Skelette im Inneren der Kammer. "Des gibt's jo ned, dass die nu do liegn!?" denke ich laut. Dann überlege ich, ob ich das Foto nicht doch löschen sollte, da es sich ja nicht gehört, die nackten Gebeine eines Verstorbenen abzulichten. Ein Einheimischer, der ebenso die Kammer besucht kann offensichtlich Gedanken lesen und deutet uns, dass es sich nur um "Repliken", also Kopien handelt. Ein Blick aufs Schild draußen, hätte uns dahingehend ebenso informiert. Wie so oft zuletzt erleben wir an einem Tag mehr, als wir in selber Zeitspanne verarbeiten könnten. In Şanliurfa werden alle Sinne mehrfach angeregt. Selbst wenn man es gar nicht unbedingt beabsichtigt. Das Glück, all die Bilder, Gerüche und Geschmäcker nicht nur mit meinem Lieblingsmenschen, sondern auch mit lieben Freunden teilen zu können, hat den Ort noch besonderer gemacht.

Beim gemeinsamen Kaffee am nächsten Morgen beobachten wir wiederum viel zu junge Buben, die sich am großen Parkplatz an den Mopeds der älteren Brüder und Freunde versuchen dürfen. Dabei reicht es nicht einfach, fahren zu lernen. Nein, wer den Lenker halbwegs festhalten kann und mit den Beinen notfalls den Boden erreicht wird waghalsig, fährt freihändig oder sogar liegend um das Publikum zu beeindrucken. Ernsthafte Unfälle erleben wir dankbarweise nicht. Möglicherweise werden hier die Grundsteine für das spätere Verkehrsverhalten mancher Erwachsener gelegt. Wir wollen am Vormittag nach Karahan Tepe aufbrechen, um uns dort die Ausgrabungen anzusehen. Nach dem gemeinsamen Tag mit Margaux und Thibault werden wir uns dort wieder von ihnen verabschieden müssen. Sie zieht es weiter in den Südosten, entlang der syrischen Grenze, während wir anschließend wieder in den Norden wollen, um den Nemrud Daği, den "Berg der Götter" zu besuchen. Die Hoffnung, dass wir uns nochmal wiedersehen ist groß und trotzdem drücken wir uns beim Verabschieden jedes Mal ein wenig fester.

Kommentar schreiben

Kommentare: 0

So findet man uns

wir freuen uns über Nachrichten von euch :)