Wunderwelt im Osten der Türkei

Die ältesten Tempel der Welt

Was Wissenschaftler in den späten 1990ern im Umland von Şanliurfa entdeckt haben, war eine riesige archäologische Sensation. Nicht nur was sie unter der Erde ausgegraben haben, sondern vor allem das Alter der riesigen Monumente stellte die Geschichtsschreibung völlig auf den Kopf. Dort in Göbekli Tepe und sechzig Kilometer südöstlich in Karahan Tepe kamen die ältesten Kultstätten der gesamten Menschheit zum Vorschein. Weit vor den Sumerern, Ägyptern oder Olmeken wurden hier sechs Meter hohe Pfeiler (die bis zu zwanzig Tonnen wiegen) errichtet und detailreich verziert. Als das Ausmaß der kreisrunden Anlagen und vor allem ihr Alter bekannt wurde, musste das Geschichtsbild deutlich revolutioniert werden. Während lange Zeit die Erfindung von Landwirtschaft und Viehzucht als zwingende Voraussetzung für den Bau monumentaler Stätten galt, belegen diese Orte das Gegenteil. Der Drang nach spirituellem Zusammenkommen und Ritualen hat also die Menschheit dazu gebracht, sesshaft zu werden. Über 12.000 Jahre ist es her, dass sogenannte Jäger und Sammler diese riesigen Anlagen errichtet haben, von denen bisher nur ein Bruchteil freigelegt wurde. Heute sprechen die Wissenschaftler von der "neolithischen Revolution".

Und hier sind wir. Eine knappe Stunde Stunde südöstlich von Şanliurfa erreichen wir in einer unscheinbaren trockenen Hügellandschaft das nächste Highlight unserer Reise. Der kleine Besucherparkplatz von Karahan Tepe ist nur gering besucht und somit auch die gesamte Kultstätte. Obwohl ein kleines aber modernes Besucherzentrum errichtet wurde, ist der Zutritt für Besucher kostenlos. Der kurze Anstieg auf den Hügel ist gleich geschafft und lediglich ein Seil dient als Abgrenzung zwischen den Ausgrabungen und dem Pfad, die uns ringsherum führt. Damit trotzdem niemand auf blöde Ideen kommt, wurden an zwei Stellen Plastiksäulen mit mehreren Kameras errichtet. So verwundert es nicht, dass der Wachmann vor seinem Häuschen im Schatten ein tiefes Nickerchen machen kann, während wir unsere Runde drehen. Das Dudeln aus seinem Handy, das neben ihm bunte türkische Töne zum Besten gibt, begleitet uns. Wir erkennen erste runde Tempelanlagen, die nebeneinander errichtet wurden. Teilweise sind sie von hohen Mauern getrennt und nicht miteinander verbunden. Bänke aus Lehm sind zu erkennen und auch die ersten kolossalen Steinpfeiler. Soweit wir an den Abdeckungen, Kübeln und Werkzeugen erkennen können, wird hier derzeit geforscht bzw. gegraben. Heute, während des Bayram, finden wir jedoch eine fast verlassene Stätte vor. Die riesige Statue vom Mann mit "V-Kragen", der seinen Schniedel mit beiden Händen umfasst und ein steinerner Kopf mit strengen Blick der aus einer Wand wächst sind die bekanntesten Monumente des Ortes. Beide sind sehr gut erkennbar und aus der Nähe zu betrachten. Als wir unseren Rundgang fast beendet haben, findet Ines etwas Funkelndes im lehmigen Boden. Als ich meinen Blick schweifen lasse, finde ich noch mehr. Wir kratzen (möglicherweise unter Beobachtung von der Kamera) ein wenig im Boden herum und haben beide jeweils eine kleine Pfeilspitze aus Feuerstein in der Hand. Kann es wirklich sein, dass vor lauter archäologischen Wundern vor Ort, Pfeilspitzen wenig Beachtung finden und vor unserer Nase im Lehm stecken? Als ich noch weitere Stücke finde, bin ich mir schon sehr sicher. Die unzähligen gemeinsamen Museumsbesuche fruchten insofern, dass wir die fein bearbeiteten und scharfen Spitzen von brüchigem Gestein unterscheiden können. Ein paar Stücke landen in der Hosentasche. Ganz aufgeregt berichten wir Margaux und Thibault, die gerade ihren Rundgang starten als wir zurückkommen, von unserem Fund. Wir scherzen über den "Jackpot" und die Geldsummen, die Sammler für diese Stücke bezahlen würden. Beim anschließenden Mittagessen auf einem der Überdachten Tische am Gelände holt mich die Realität wieder ein. "Na, wenn die uns für an Stan vum Straund schon tausende Euro Strafe aufbrummen, wüvü kosts daun, waun ma mit de erwischt werdn?". Ines bringen solche Anfragen selten aus dem Konzept und schon gar nicht aus der Ruhe. Wie Gollum, aus dem Herr der Ringe, bedeutet auch mir "mein Schatz" von Minute zu Minute mehr. Überwachungskamera hin oder her, fürs erste bleiben die Stücke in der Hosentasche. Wir haben ja noch Zeit, um uns zu entscheiden. Umso mehr weil eine einheimische Familie unser Mittagessen als zu mickrig betrachtet und uns prompt mit allerhand Brot, Gemüse und Käse von ihrem Tisch versorgt. "Pimp my Lunch" oder "Pimp my Picknick", wie es die herzlichen Türken so oft machen. Satt verabschieden wir uns von unseren Freunden, die nach ihrem Rundgang weiter in den Osten fahren, während wir auch Göbekli Tepe besuchen wollen und danach den Berg der Götter, den Nemrut Daği, weiter im Norden. Unseren Wunschtreffpunkt (für in etwa 10 Tagen) hab ich Thibault auf der Camping-App gezeigt. Bestenfalls treffen wir uns wieder am Vansee, wo die Seehöhe bestimmt für angenehmere Temperaturen sorgen wird.

Um nicht beide Kultstätten am selben Tag zu besuchen, verbringen wir die Nacht auf einem Hügel nur zwei Kilometer vom Eingang zu Göbekli Tepe entfernt. Obwohl unter unserem Nächtigungsplatz ebenso Schätze schlummern könnten, verzichten wir auf eine Suche. Wir stellen früh den Wecker und wollen vor den großen Touristenbussen am Morgen beim Eingang sein. Als ich Momente nach dem Aufstehen unsere Schiebetüre einen Spalt öffne, um für einen Luftzug zu sorgen, höre ich plötzlich Geräusche. Ines liegt noch wie die schönste Schöpfung Gottes im Bett, während ich den Kopf nach draußen stecke und fast von einem Esel geküsst werde. Leider ist das Tier nicht alleine. Ein zweiter Esel mit einem zweiten jungen Mann darauf blickt aus wenigen Metern Entfernung ebenfalls durch den Türspalt. "Günaydin" bemerke ich verschlafen aber höflich. Was mir die beiden jungen Reiter so aufgeregt erzählen, kann ich keineswegs verstehen, bemerke aber ihre Aufgeregtheit. Die Übersetzungs-App hilft. Ich soll doch hinauskommen, den Esel fotografieren oder zumindest eine Runde reiten (womöglich gegen Gebühr?) um sie zu erheitern. Mehrmals muss ich entschieden ablehnen, was den einen Burschen aggressiv stimmt. Ines liegt noch immer verdutzt unter der Bettdecke und weckt meinen Beschützerinstinkt umso mehr. Ein paar scharfe Worte werden gewechselt, bis der ruhigere der beiden jungen Männer einlenkt und seinen Kumpel überzeugen kann, weiterzuziehen. Nach dem seltsamen Besuch packen wir rasch und sind trotzdem nicht die ersten Besucher am Gelände von Göbekli Tepe. Den saftigen Eintritt blättern wir gerne hin und wundern uns über die lange Warteschlange hinter dem Einlass. Es handelt sich um einheimische Gruppen, die für die immens kräfteraubende 600 Meter lange Strecke zur Ausgrabung auf die Dienste kostenpflichtiger Shuttlebusse zurückgreifen. "Die paar Meter gehen wir gerne, oder?" fragt Ines, die bereits die Antwort kennt. Keine zehn Minuten später stehen wir vor der überdachten Ausgrabungsstätte, um die ein beplankter Fußweg errichtet wurde. Ein wenig erschrocken von den vielen Besuchern, die bereits so zeitig vor Ort sind, schaffen wir uns erstmals Übersicht. Wo viele Menschen zusammenkommen, herrscht natürlich auch jede Menge Dummheit. Es wird rücksichtlos posiert, dabei gedrängelt und geschubst. Wir wollen das Beste aus unserem Besuch machen, bewegen uns langsam und verneinen immer wieder, wenn uns eine präpotente Tussi aus ihrem Bild drängen möchte. Diese (vorrangig weiblichen) Gestalten benötigen immerhin nur wenige Minuten für ihren Besuch. Ob sie wissen, vor welch besonderem Ort sie stehen, ist anzuzweifeln. Die Tempelanlagen selber sind jedenfalls gut ersichtlich. Sämtliche Säulen samt den Tiermotiven wurden freigelegt und (sofern nötig) gestützt. Nach dem holprigen Start in den Tag machen es uns der Lärm und die Hektik der Besucher schwer, den Flair und die Energie des Ortes zu spüren. Wie schön es doch am Vortag in Karahan Tepe war! Nach nur einer Runde bewegen wir uns wieder hinunter zum Besucherzentrum, werfen einen Blick ins kleine Museum und brechen danach wieder auf. Zwei Stunden später finden wir am Seitenarm des Euphrat einen ruhigen Stellplatz, den wir vorerst mit niemanden teilen müssen. Nach dem üblichen Müll sammeln und Entfernen einiger Glasscherben, sind wir bereit, den Nachmittag im Schatten zu verbringen. Später registrieren wir einen Kleinwagen aus dem sieben Menschen entschlüpfen und müssen schmunzeln. "Na guat, zwa – drei hättn sicher nu Plotz ghobt!" amüsieren wir uns über türkischen Transportgewohnheiten. Wenig später steht der bärtige Fahrer samt seiner Tochter auch schon bei uns und spricht eine Einladung zum Tee aus. Obwohl uns heute wenig der Sinn nach Gesellschaft steht, willigen wir ein und werden Teil von Ramazans Familien-Picknick. Die beiden Töchter im Teenageralter haben ein paar Brocken Englisch in der Schule gelernt, die sie schüchtern einsetzen, während Ramazan mir heiter und gelassen auf türkisch Geschichten erzählt. Trotz gewaltiger Sprachbarriere verstehen wir uns gut, lachen zusammen und erfahren ein wenig vom anderen. Während die drei Söhne im Fluss plantschen, sind Ramazans Töchter ganz angetan von Ines und der selbstgemachten Kette, die sie trägt. Es dauert nicht lange, bis Ines ihre Sammlung an Steinen holt und den Mädels eine hübsche Kette knüpft. Die Freude und der Stolz, der sich in den Gesichtern der Töchter spiegelt ist unbezahlbar. Wunderbar, auf welche Art Ines den Menschen ein Freude macht und bleibende Erinnerungen schafft.

Den überraschenden Besuch der Polizei am Abend, schiebe ich auf den nahen Staudamm, der ja (wie überall) bevorzugtes Opfer von etwaigen Anschlägen sein könnte. Der von Blaulicht untermalte Auftritt der Ordnungshüter, die uns mit ihrem Pick-up den Weg versperren, wirkt im Dunklen tatsächlich spektakulär. Obwohl offensichtlich, fragt mich der nervöse Polizist was wir hier tun. Seine Reaktion deute ich wenig positiv, worauf ich den Spies umdrehe und ihn frage, ob es sich hier um einen "sicheren" Ort handelt. Das wirkt. "Natürlich, ganz bestimmt!" lese ich die Antwort in der App, bevor er sich rasch verabschiedet und die Nacht in blau-rotes Licht tränkt.

Von Götterbergen und Superhelden

Am nächsten Tag passieren wir die Großstadt Adiyaman und biegen nach Norden in die Berge ab. Neben der gut besuchten Cendere Brücke, eine römische Einbogenbrücke aus dem 2. Jahrhundert, machen wir Rast und vertreten uns die Beine. Dort beschließen wir, den steilen Anstieg zu unserem Ziel, dem sagenumwobenen Berg Nemrut (türkisch: Nemrut Daği), am nächsten Morgen in Angriff zu nehmen.

Dieser Berg ist ein weiterer Sehnsuchtsort, auf den wir uns besonders freuen. Über das Rätsel um König Antiochos I. und seine unentdeckte Grabkammer auf dem Gipfel des Nemrut haben wir bereits vieles gelesen und gesehen. Der späthellenistische Herrscher ließ um 36 v. Chr. den eigentlichen Gipfel des Berges abtragen, um einen 50 Meter hohen Schutthügel (genannt Tumulus) mit 150 Metern Durchmesser zu errichten. An der West- und Ostseite wurden auf 2100m Seehöhe monumentale Statuen errichtet, die sowohl griechische, als auch persische Gottheiten abbilden. Dazwischen, ganz bescheiden, auch jeweils überlebensgroße Statuen von Antiochos I. neben denen von Zeus und Kommagene. Der König wollte eine Religion stiften, die östliche und westliche Mythologie miteinander verbinden sollte. Auch er selbst hat sich mit dieser Kultstätte ein Denkmal gesetzt, dass seit 1988 als Weltkulturerbe gilt und den Archäologen viele Rätseln aufgibt. Zum einen wirft die Errichtung der tonnenschweren Götterstatuen große Fragen auf. Zum anderen ist es trotz modernster Technik bis heute nicht möglich, ins Innere des Schutthaufens zu gelangen, wo die Grabkammer vermutet wird.

Am nächsten Morgen ist es soweit. Auf den letzten zwölf Kilometern legen wir nochmal über 1200 Höhenmeter zurück, wobei es die letzten besonders in sich haben. Eine Zumutung für Motor bzw. die Bremsen für die der Ausblick immerhin entschädigt. Kehre um Kehre winden wir uns in Richtung Gipfel, der bis auf die letzten paar Hundert Meter mit einem Fahrzeug zu erreichen ist. Unter uns öffnet sich die weite Ebene um den Euphrat, wo Syrien am Horizont erscheint. Am 2000m hoch gelegenen Besucherzentrum kaufen wir Tickets und bekommen eine erste Kostprobe der "Bergluft". Zu den nun einstelligen Temperaturen mischt sich ein heftiger Sturm dazu, der in Ines Gewichtsklasse schon mal Flügeln verleihen kann. Oben angekommen ziehen wir uns noch eine weitere Schicht an und wanden zuerst zum westlichen Plateau. Zu unserer Überraschung liegt entlang des Pfades noch eine ordentliches Schneefeld. Schneller als sie es vermutet, landet ein Schneeball auf Ines Kapuze. Volltreffer! Die Antwort lässt nicht lange auf sich warten und wir haben schon ordentlich Spaß, bevor wir unser Ziel erreicht haben. Auch die zitternden Besucher, die uns in Turnschuhen und T-Shirts (samt leidgeplagter Miene) entgegenkommen sorgen für Heiterkeit. Oben auf der Westterrasse gibt es umso mehr zum Staunen. Noch größer als erwartet liegen die Häupter der Gottheiten zu unseren Füßen. Sämtliche Statuen sind im Zuge von Erdbeben in den vergangenen 2000 Jahren enthauptet worden, wobei die meisten Fragmente erhalten geblieben sind. Neben Zeus, Kommagene, Antiochos I. selbst, Apollon und Herakles sind auch Statuen die beiden heiligsten Tiere, Löwe und Adler, vorhanden. Der Schutthügel dahinter wirkt wie eine perfekt geformte Pyramide ohne Eingang. Auch hier liegen noch vereinzelte Schneedecken und sorgen für eine märchenhafte Kulisse. Bei dem Anblick stecken wir auch die heftigen Böen gut weg und verweilen lange, bevor es auf die Ostseite geht. Dort sieht es merklich anders aus. Die Gottheiten aus Stein sitzen auf ihrem jeweiligen Thron, während ihre Köpfe von den Wissenschaftlern (mit Hilfe von Maschinen) mühevoll in Position gebracht wurden. Wie einzigartig und unzerstörbar diese Kultstätte in ihrem ursprünglichen Zustand vor 2000 Jahren wohl gewirkt hat! Selbst die ersten Forscher, fanden vor 140 Jahren die Monumente am Gipfel in einem anderen Zustand vor. Das Haupt der Fruchtbarkeitsgöttin Kommagene saß sogar noch bis 1963 auf ihrem Körper, trotzte zahlreichen Erbeben und wurde dann doch durch einen Blitzschlag abgetrennt. Dass man heute soviel über den damaligen König und Erbauer weiß, liegt an den vollständigen Kultinschriften auf der Rückseite der Throne. In diesen Texten stellt sich Antiochos I. nicht nur vor (samt Stammbaum), sondern beschreibt detailliert wie ihm nach seinem Tod gehuldigt werden soll. Mit zahlreichen Eindrücken im Gepäck rollen wir langsam die steilen Kehren wieder hinunter. Den Bremsen gönnen wir nach halber Strecke ein Pause, essen zu Mittag und werfen nochmals einen Blick auf mögliche Übernachtungsplätze.

Der ersten beiden Plätze sind bereits belegt. Nicht nur Unmengen an Müll, sondern auch zahlreiche Gruppen von Picknicker haben die Plätzen fest in Beschlag. Auch zwei zutrauliche Kühe können uns nicht zum Bleiben überreden. Der dritte Platz ist gar nicht zu erreichen, da die Zufahrt von Autos so eingeengt ist, dass nur mehr Mopeds durchpassen. Auf das Lösen dieses "Türkischen Knotens" verzichten wir ebenso und steuern einen letzten Platz noch weiter östlich an, Mitten im Nirgendwo, abseits einer verwaisten Straße, finden wir ein weites Plateau das wir uns nur mit ein paar Ochsen teilen, die in etwas Entfernung genüsslich grasen. Mindestens einer der Götter am Berg meint es gut mit uns und verschafft uns einen ruhigen Übernachtungsplatz in der türkischen Prärie. Von hier aus sehen wir die Sonne über den weit entfernten Nemrut Dagi untergehen und sind so zufrieden, dass wir sogar den ganzen nächsten Tag verweilen. Es wird ein sehr willkommener Ruhetag, ohne eine andere Menschenseele zu sehen, der uns beiden richtig gut tut.

Von hier aus geht es weiter nach Diyabakir, der Metropole Südostanatoliens. Der Großteil der 1,6 Millionen Einwohner sind Kurden, die hier am rechten Tigrisufer die angeblich besten Wassermelonen der Welt produzieren. Außer den süßen Früchten wollen wir auch die Altstadt mit ihren schwarzen Basaltgebäuden erkunden. Die Stadt selber hat hingegen mit einer bewegten und teils traurigen Geschichte zu kämpfen. Hier wurde während des ersten Weltkrieges der Völkermord an den christlichen Armeniern begangen. Bis zum Jahr 2002 galt in Diyabakir der Ausnahmezustand, weil es als Zentrum der türkischen PKK, also der Arbeiterpartei Kurdistans, galt. Noch vor zehn Jahren wurden im Stadtzentrum bei einem Terroranschlag acht Menschen getötet und mehr als hundert verletzt. Seitdem hat sich einiges verändert. Eine der größten Universitäten der Türkei sorgt für laufend Zustrom junger Menschen. Gemeinsam haben die Einwohner große Teile der, mehrfach durch Waffenhandlungen zerstörten, Altstadt wieder aufgebaut. Auch wir spüren Optimismus und Heiterkeit, als wir von unserem Parkplatz aus bei einer Affenhitze in Richtung Altstadt marschieren. Von links und rechts grüßen uns Kaffeeverkäufer und preisen ihren "Kürt Kavhesi", den kurdischen Kaffee an. Neugierig, wie wir sind, kosten wir an den ersten beiden Ständen einen kostenlosen Becher der lokalen Spezialität. "Mmmh, mit Gewürzen und gerösteten Pistazien" nickt Ines zufrieden. Auch mir schmeckt die Variante, die ähnlich wie türkischer oder griechischer Kaffee aufgebrüht wird und hier noch mit allerhand Geschmackvollen versehen wird. Vorbei am dunklen "Vierbeinigen Minarett" geht es hinein ins Herz der Altstadt. Die zentrale Straße wirkt modern, so wie seine Einwohner. Zahlreiche junge Menschen sind unterwegs und auch Kopftücher sind kaum zu sehen. In einem hübschen Laden, der auf sämtliche Nüsse dieser Welt sowie auf Trockenfrüchte spezialisiert ist, kosten wir uns durch und lassen uns dann ein wenig leichtfertig mehr verkaufen, als wir wollten. Bei all den Farben und Düften kann der Verstand schon mal aussetzen. Die alte Moschee passt bestens ins Stadtbild. Sie ist aus dunklem Basaltgestein gebaut worden und wirkt dabei ganz anders, als die anderen Moscheen, die wir besucht haben. Sie weist keine Kuppel auf, hat ein Schrägdach und dazu ein dezentes eckiges Minarett. Auf den üblichen Glanz wird hier ganz verzichtet. Als wir uns drinnen umsehen wollen, sprechen uns zwei Fremde an. Die junge Frau und der Mann mittleren Alters sind von der Touristenpolizei, wie ihren bedruckten Westen auch zu entnehmen ist. Freundlich stellen sie sich vor und bieten uns etwaige Hilfe an, sollten wir in der Stadt etwas Unangenehmes erleben. Mir ist es derweilen nur unangenehm, dass ich keine lange Hose an habe bzw. keine Schürze finde um ins Gotteshaus gebührend einzutreten. Die beiden Polizisten orten dabei kein Problem und bitten uns um ein Erinnerungsfoto. Ein heiteres Bild, wie wir später feststellen. Während Ines sich "ordentlich" gekleidet hat, posiert die Polizistin mit Sonnenbrille und offenem Haar in der Moschee. Drinnen im Gotteshaus schreiten wir über ein hellblauen Teppich, der sich von den dunklen Wänden deutlich abhebt. "Schau mal" deutet Ines vergnügt. Mehrere Ballone sind Kindeshänden entwichen und zieren unfreiwillig die Decke der Moschee. So wohnen dem nächsten Gebet also noch ein Einhorn, ein rosa Teddybär sowie Batman bei.

Auf der ruhigen Terrasse eines alten Kaffeehauses unweit der Moschee bringen uns keine Superhelden zum Schmunzeln. Dafür die Bilder, die an den Wänden hängen. Fantasievolle Gemälde von Tieren, Fabelwesen sowie tanzenden und halbnackten Frauen sind uns bisher noch nirgendwo in der Türkei untergekommen.

Den eigentlichen Besuchermagnet der Altstadt entdecken wir zufällig. Der Hasan-Paşa -Hani ist eine ehemalige Karawanserei aus dem 16. Jahrhundert. Wo früher Händler mit ihren Waren einkehrten, sind heute Lokale und kleine Läden zwischen den Arkaden zu finden. In der Mitte des rechteckigen Innenhofes steht ein historischer Brunnen, der von einer Kuppel bedeckt ist. Dort verweilen wir ein wenig, ziehen danach ein Stück weiter in die Neustadt, wo wir mangels Schatten bald in Richtung des alten Bazars umdrehen. Auf die fertigen Mischungen des "Kürt Kahvesi" verzichten wir, nachdem Ines sich mit den Inhaltsstoffen kurz auseinander setzt. "Pfui, da sind ganz eklige Dinge drinnen und kaum Kaffee" berichtet sie mir, während sie die Rückseite der Packung studiert.

In unserem Bus hat es am späten Nachmittag über 40 Grad, als wir die Stadt in Richtung Osten auf der Suche nach einem ruhigen und schattigen Platz in der Natur verlassen. Am Ortsende begegne ich abermals dem maskierten Superhelden Batman. Diesmal echt, als Wegweiser in die gleichnamige Provinzhauptstadt, die schon vor dem Helden den Namen getragen hat. Die Etappe wirkt wie eine Fahrt durch die Kornkammer der Türkei. Nur ein paar Ochsen, die gerne die Straße kreuzen, sorgen für Abwechslung. Nach zwei unzugänglichen Stellplätzen erreichen wir zum Sonnenuntergang eine schöne Lichtung auf einem Hügel. Ines ist zufrieden, während ich mich noch ans Müll sammeln mache, bevor vollends Freude einkehren kann. Bei moderaten Temperaturen verbringen wir eine ruhige Nacht und fühlen uns am nächsten Morgen noch wohler. Der Entschluss zu bleiben, wird am Nachmittag von einer einheimischen Familie belohnt, die 50 Meter nebenan ihr Picknick veranstaltet. Die schicken ihre zwei ganz jungen Mädchen zu uns, um uns auf Tee einzuladen. Natürlich erhalten wir noch Nüsse, Sonnenblumenkerne und ein Stück Wassermelone dazu. Alles wird von den beiden Töchtern lächelnd an unserem Campingtisch geliefert! Später können wir uns noch bei den freundlichen Eltern bedanken und dürfen den Mädels ebenfalls zwei gehäkelte Würmer schenken. Meine wunderbare Stiefmama wird im fernen Österreich wieder Schluckauf bekommen.

Das Paradies am Vansee

Am nächsten Morgen steht mir die Freude ins Gesicht geschrieben. Wir brechen auf zum riesigen Vansee, der auf 1700 Metern Höhe liegt und den Bodensee genau sieben mal, den Attersee sogar ganze 77 mal fassen könnte! Der See wird von allen Seiten von hohen Bergen und Vulkanspitzen umgeben und ist der größte Sodasee der Welt. Obwohl sein Wasser alkalisch, also Soda- und Salzreich ist, freuen wir uns darauf, in wenigen Stunden darin zu schwimmen. Außerdem sind wir am Nachmittag dort mit unseren Freunden Margaux und Thibault verabredet, die in der letzten Woche andere Abenteuer erlebt haben.

Der lange Weg hinauf auf die Hochebene windet sich sanft durch waldreiche Berglandschaften, die man auch in den Alpen finden könnte. Das viele Grün tut Augen und Seele gut. Entlang der Bundesstraße finden wir eine Quelle, wo wir eiskaltes sauberes Quellwasser auftanken können und uns mit der neuen Klimazone vertraut machen. Sind wir am Morgen noch bei 30 Grad aufgebrochen, haben wir auf halber Strecke bereits 10 Grad eingebüßt. Bei den angenehmen Temperaturen hinter dem Steuer, passieren wir Bitlis und erreichen die Hochebene. Zu unserer Freude und Überraschung liegt auf vielen Gipfeln noch Schnee, der im Sonnenlicht hell leuchtet. Kurz vor der Stadt Tatvan zeigen die Verkehrsschilder erstmals den Iran an. Keine Überraschung, da die Grenze von rechten Ufer des Vansees nur weniger als 60 Kilometer entfernt liegt. Nachdem sich das Einkaufen von Essensvorräten in der Stadt mühsamer gestaltet als angenommen, erreichen wir den vereinbarten Treffpunkt mit unseren Freunden nach ihnen. Noch schöner als erwartet jedoch, präsentiert sich der herrliche Stellplatz an der Spitze einer schmalen Halbinsel. "Schau mal, ich seh schon was Rotes vorne an der Spitze!" deutet Ines. Sie hat recht und wir werden kurz darauf von unseren Freunden bereits erwartet. Es ist tatsächlich einer der schönsten Stellplätze, die wir bisher besuchen durften. Neben uns schimmert der Vansee in hellem blau, ringsum erheben sich hohe Berge samt weißen Gipfeln. An anderen Ufer sind zwei mächtige Vulkane zu erkennen, von denen einer über 4000m hoch ist. Dazu kein Mucks bis auf wenige musikalische Vögel, die sich nahtlos in die Idylle einfügen. Eine Märchenlandschaft, die ihresgleichen sucht! Das Wiedersehen ist umso schöner, da wir den Platz tatsächlich für uns alleine haben.

Margaux und Thibault waren letzte Woche entlang der syrischen Grenze unterwegs, haben Mardin und Midyat besucht, bevor sie in die entlegene Bergregion im äußersten Südosten der Türkei gefahren sind. Auch sie wurden zwischenzeitlich von Einheimischen bewirtet und eingeladen. Ihr Feuerwehrbus Emile fährt mittlerweile ebenso problemlos und Kater Cousteau freut sich über den seltenen Auslauf am Ufer des Sees. Eine solche Freude übers Wiedersehen haben wir zuletzt vor über einem Jahr mit unseren Freunden Birgit und Hari erlebt, die uns während der Marokkoreise so ans Herz gewachsen sind. Zum gemeinsamen Abendessen gibt es sogar einen seltenen Schluck Alkohol, um den Anlass zu würdigen. Im Hintergrund geht die Sonne über dem Kraterring des Nemrut Vulkans unter, der den selben Namen trägt, wie der mystische Berg den wir vor wenigen Tagen noch besucht haben. Die dichten Wolken, die sich mittlerweile gebildet haben, wirken im letzten Sonnenlicht wie Gaswolken, die der feurigen Glut des Vulkans entweichen. Eine herrliche Abendstimmung, die wir so lange genießen, bis uns der Regen nach drinnen zwingt. Auch das heftige Gewitter mit lautstarkem Donnergrollen, das sich die halbe Nacht über uns abspielt, hat etwas Romantisches, wenn nicht sogar Beruhigendes.

Am frühen Morgen begrüßen uns Sonnenschein, Ziegen und Schafe. Ein paar der zotteligen Exemplare haben es sich sogar im Schatten unter unserem Bus gemütlich gemacht, während andere gemächlich die Wiese um uns abknabbern. Dabei erzeugen sich jede Menge üppiger Hinterlassenschaften, die mehr und mehr Fliegen anlocken. Meine Versuche, die Tiere ein paar Meter wegzutreiben, sind nur teilweise von Erfolg gekrönt. Die meisten der Schafe und Ziegen nehmen nun Emile in Beschlag, wo unsere Freunde noch tief schlummern. Ein paar ganz freche Exemplare sind so mutig und neugierig, dass sie sogar den Tisch unserer Freunde auf Stabilität testen und dabei offensichtlich Spaß haben. Ein kleiner schwarzer Bock geht hingegen seine eigenen Wege und sucht meine Nähe. Beim Markieren der Herde, hat der Hirte blaue Farbe verwendet, die beim kleinen Bock ein wenig am Scheitel und ganz viel an den Hörnern haftet. Ein lustiges Bild, das der Kleine abgibt. Nach einer ausgiebigen Streicheleinheit, für die er sich mit sanftem Fingerknabbern bedankt, treibe ich ihn zu seinen Artgenossen, die sich unten am Ufer befinden. Meine ersten Versuche als Hirte sind halbwegs gelungen. Danach kann ich Ines überzeugen mit mir in den kalten See zu hüpfen. Unsere Freunde, die mittlerweile erwacht sind, verzichten gerne darauf. Ein paar Minuten halten wir es aus, bevor es richtig wehtut zwischen den Beinen. Beim Rausgehen spüren wir den dünnen Film auf unserer Haut, als hätten wir uns mit Seife eingerieben. Zum gemeinsamen Mittagessen erhalten wir kurz Gesellschaft von zwei deutschen Paaren, die sich in ordentlichem Abstand zu uns positioniert haben und sich kurz vorstellen. Vor der wunderbaren Kulisse verbringen wir den Nachmittag mit Kartenspielen, Lesen und einer Runde Sport. Das gute Wetter hält, bis auf wenige Regentropfen am Nachmittag, an und wir sitzen noch bis nach der Dämmerung gemeinsam draußen. Den neuen Nachbarn, so wie einem weiteren jungen Paar aus Frankreich, das zwischenzeitlich angekommen ist, entgeht das nicht. So erhalten wir am Abend ein wenig ungewollt Gesellschaft von sechs weiteren Menschen, die sich zu uns an den Tisch setzen. Da einer der deutschen Männer besonders redselig ist und vor allem Thibault es genießt, mal wieder Französisch zu sprechen, eröffnen sich zwei unterschiedliche Konversationen, was mir ein wenig unpassend erscheint. Obwohl ich mich für Thibault freue, der plötzlich vor Wörtern nur so sprudelt, schätze ich gerade diejenigen am Tisch besonders, die weniger beitragen und auch zuhören können.

Am nächsten Morgen wiederholt sich der Vortag ein weiteres Mal. Der kleine Bock bleibt uns erhalten und bewirbt sich herzerwärmend um eine Adoption. Die Streicheleinheiten genießt er besonders. Diesmal möchte er jedoch gar nicht zu seiner Herde zurück, was mich dazu bringt, den kleinen einfach zu schnappen und ihm die Richtung zu weisen. Obwohl es ihm nicht so gut gefällt getragen zu werden, zögert er, sich wieder seinen Artgenossen anzuschließen.

Wir genießen abermals einen Sprung in den kühlen See und meinen, an diesem Ort noch ewig bleiben zu können. Bei unseren Freunden regt sich jedoch die Aufbruchsstimmung. Ihr Termin für das Visum und die Einreise nach China Anfang September schwirrt ihnen im Kopf und treibt sie ständig voran. Uns freut es, dass zwei der Nachbarn ebenfalls nach Georgien, Russland und Kasachstan in Richtung Pamir-Highway wollen. So können sie hier Kontakte knüpfen, die in den nächsten Monaten hilfreich sein können. Ralf, der sympathischste der Nachbarn, ist so einer. Von ihm erfahren wir außerdem, dass der Krater des Nemrud Vulkans vor drei Tagen von Schnee geräumt wurde und ab sofort befahrbar ist. Er ist es auch, der mir mein widerspenstiges E-Mail Programm wieder repariert und sich mit seiner Partnerin Eva für eine Kette aus Ines Meisterhänden empfiehlt.

Den möglicherweise letzten gemeinsamen Abend mit unseren Freunden unterbrechen diesmal keine anderen Camper, sondern ein Gruppe junger Männer, die sich recht ungeniert nebenan einparkt, ein Feuer entfacht und mit Musik aus den Fahrzeuglautsprechern die Gegend beschallt. Als sie uns bereits merklich angeheitert zum gemeinsamen Tanzen auffordern, muss Thibault im Bus plötzlich noch etwas "zusammenräumen". Dankenswerterweise erweicht sich der französische Nachbar William zu einem kurzen Gehopse zur traditionellen Musik, womit sich die Einheimischen begnügen. "Na wenn am Freitagabend schon hier gefeiert wird, dann wird am Samstag erst recht die Post abgehen" denken wir uns wenig ernüchtert. Deshalb und weil wir uns noch nicht von Margaux und Thibault verabschieden wollen, brechen wir gemeinsam am Morgen auf und verlassen nach nur drei Nächten den wunderbaren Ort.

Zu Mittag stehen wir nebeneinander geparkt am Rand der riesigen Caldera des Nemrud Vulkans auf 2800m Höhe. Der nahe Gipfel bzw. was vom einstigen Megavulkan übrig ist, ist mit 2948m nur unwesentlicher höher. An zwei Stellen mussten wir zwischen meterhohen Schneewänden hindurchfahren, die uns ahnen lassen, welche Schneemassen hier im Winter vorhanden sind. Der Blick hinunter zum Vansee ist herrlich, wobei der Blick in die Caldera fast noch schöner ist. Im Inneren des ruhenden Schichtvulkans erkennen wir einen großen See, der den Grund zu einem Drittel bedeckt. Was folgt ist ein Genuss. Die Abfahrt führt uns Anfangs zwischen Schneewänden hindurch, über zwei langgezogenen Bergrücken hinweg und weiter unter durch dichte Wälder. Den 600m tiefer gelegenen Boden des Kraters erreichen wir eine knappe halbe Stunde später. Dort ist nicht nur der Wind verschwunden, sondern auch die Temperaturen wieder zweistellig. Da im Krater eine Bärenpopulation lebt, ist es leider verboten abseits gekennzeichneter Wege zu wandern oder gar zu campieren. Ein wenig Versuchung spüren wir trotzdem. Unsere Freunde schwärmen zum Pilz- und Bärensuchen aus, während Ines und ich das Ufer nach Obsidian absuchen. Das glänzend schwarze vulkanische Glas fehlt in unserer Sammlung noch und gefällt mir ohnehin besonders. Unsere Suche verläuft äußerst erfolgreich. Noch mehr illegale Steine also, die wir in unserem Bus horten. Margaux und Thibault finden neben Pilzen immerhin ein Fellknäuel, dass von einem Bären stammen könnte. Gemeinsam fahren wir ein Stück weiter zum kleineren Kratersee, wo wir unsere Steine waschen wollen und dabei prompt von einer Gruppe Männer eingeladen werden. Volkan ist der erste der vier, der uns deutet, doch bei ihrem Picknick Platz zu nehmen. Neben Tee erhalten wir eine sogenannte "Bitlis-Banana", eine Rhabarberart, der nur hier vorkommt und zu gewöhnungsbedürftig schmeckt, um sie mitzunehmen. Zwei der Männer lachen unentwegt, überhäufen uns mit Essensangeboten, während die beiden anderen friedlich lächeln und in sich gekehrt sind. Der dicke Joint, der anschließend durch die Runde geht, erklärt das unterschiedliche Verhalten unserer Gastgeber. Thibault und ich deuten auf die Busse und die anschließende Weiterfahrt, um der rauchenden Einladung zu entgehen. Wir kommen jeweils mit einem Zug davon, der ohnehin für einige Minuten bis in sämtliche Gehirnwindungen vordringt. "Nau servas, des legt die glei amoi floch, waunst do mehr rauchst" gebe ich Ines zu verstehen. "Teşekkür, çok güsel!" also "Danke, sehr gut" deuten wir unseren Gastgebern zu ihrer vollsten Zufriedenheit.

Bevor es dunkel wird, verlassen wir wieder den Kratersee und suchen uns einen Stellplatz am nahen Westufer des Sees.

Am nächsten Morgen beschließen wir abermals gemeinsam weiter in den Norden zu fahren, um am Fuße des Suphan Daği, dem vierthöchsten Berg der Türkei, den Tag zu verbringen. Der 4058m Hohe Schichtvulkan liegt am Nordwestufer des Vansees und beherbergt mehrere Gletscherfelder. Eine Besteigung ist nur im Sommer mit entsprechender Ausrüstung und Führern möglich. Der Platz dort, den wir auserkoren haben, ist leider nicht zugänglich. Die Schotterpiste ist kurz vor ihrem Ende völlig abgebrochen und nicht mehr passierbar. Als Ersatz finden wir am Ende eines Dorfes einen netten Platz am Ufer mit Blick auf den Vulkan, wo wir nicht nur den Nachmittag verbringen, sondern gleichzeitig unseren zweiten Hochzeitstag feiern. Mit Margaux und Thibault haben wir sogar Freunde um uns, die uns nicht nur mit ihrer Gesellschaft, sondern auch mit einem selbstgebackenen Kuchen den Tag versüßen. So macht es uns nichts aus, dass von einem nahen Spielplatz unentwegt gequiekt wird und wir erstmals auf unsere Reise durch die Türkei von einem älteren Herren angebettelt werden. Unsere kleine "Wagenburg" hält dicht und wir köpfen endlich die Sektflasche, die Ines aus unserem Haus auf Rhodos mitgenommen hat. Der Abend vergeht ohne weitere Besucher und wir genießen ein weiteres Mal die gemeinsame Zeit ohne dabei an den nahen Abschied zu denken, der uns in den nächsten Tagen erwartet. Die Gespräche die wir führen, gehen in die Tiefe und sind von einer Offenheit geprägt, die sonst nur langjährige Freundschaften verbindet. Was im alltäglichen Leben nur selten passiert, erleben wir im zweiten Jahr hintereinander: Gute Freunde wachsen zwar nicht auf Bäumen, aber auf Reisen kann man sie finden. Manchmal in Afrika und dieses Jahr in der Türkei.

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Kommentare: 1
  • #1

    Andi (Donnerstag, 16 Juli 2026 14:28)

    Was für wunderschöne Schlusssätze!
    Und Ines, dass du immer wieder (be)zauberst mit deinen Künsten und Werken wundert mich gar nicht! �

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